«Ich dachte, das syrische Regime fällt bald»

Laila Alodaat verliess während der Revolution Syrien, um in London zu studieren. Jetzt kämpft sie für Frieden in der Welt.

Laila Alodaat macht in Bern bei der Friedensstiftung Swisspeace halt.

Laila Alodaat macht in Bern bei der Friedensstiftung Swisspeace halt. Bild: Adrian Moser

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Sie hebt die Hand, weil sie etwas sagen will. Dafür ist sie gekommen. Laila Alodaat ist eine 30-jährige Menschenrechtsanwältin aus der syrischen Hauptstadt Damaskus. Seit 2011 lebt sie in London. Ein Dutzend Menschen sitzen sich in Bern an Tischen in einem Halbkreis gegenüber. Und jetzt sprudelt es aus ihr heraus, als gäbe es nicht genug Zeit, um alles zu sagen.

Weil in Syrien bald jeder eine Waffe trage, könnten Frauen kaum noch aus ihren Häusern, erzählt sie den Experten der Friedensstiftung Swisspeace. Denn nicht nur die Männer die kämpften, trügen Waffen. Der Kollaps der syrischen Rechtsstaatlichkeit habe dazu geführt, dass Waffen zur einzigen Quelle von Macht und Gesetz geworden seien. Opfer seien oft Frauen. Alodaat ist auf einen Sprung in die Schweiz gekommen, um über die Resolution der Vereinten Nationen zu diskutieren, welche Kriegsparteien seit dem Jahr 2000 dazu aufruft, die Rechte der Frauen zu schützen und sie gleichberechtigt in Friedensverhandlungen und den Wiederaufbau einzubeziehen.

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In Damaskus ist sie aufgewachsen, dort hat sie studiert und dorthin will sie zurück, wenn der Krieg zu Ende ist. Auch ihre Eltern leben noch dort. «Diese leiden unter der Situation», sagt sie. Die Eltern seien zwar in Sicherheit, aber es gäbe kaum Zugang zu medizinischer Versorgung, überall seien Checkpoints und alles sei sehr teuer gewesen. Dass sie Syrien 2011 verlassen habe, sei Zufall, sagt Alodaat. Sieben Tage vor Ausbruch der Revolution erhielt sie die Zusage, in London Menschenrecht zu studieren. Ein halbes Jahr später reiste sie ab. Das sei ihr nicht leichtgefallen. «Ich dachte, das Regime fällt bald.» Da wäre sie gerne dabei gewesen.

Doch eigentlich war die Zeit der Zuversicht schon damals längst vorbei. Sie hatte miterlebt, wie das Regime von Bashar al-Assad auf Demonstranten schiessen liess. Sie war als freiwillige Nothelferin an die Kundgebungen gegangen. Dies, weil Ambulanzen nicht zu den Verletzten vorgelassen wurden oder die Leute Angst davor hatten, ins Spital zu gehen. Sie habe zuvor acht Jahre bei den freiwilligen Nothelfern mitgemacht. «In Syrien gab es für junge Leute keine grosse Auswahl an Freizeitbeschäftigungen.» Doch mit diesem Engagement machte sie sich nach dem Ausbruch der Revolution zum Ziel des Regimes. Über zwanzig ihrer Erste-Hilfe-Kollegen seien getötet worden.

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Seit sie das Studium in London beendet hat, arbeitet sie für die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit. Die seit hundert Jahren bestehende Organisation war die erste ihrer Art. Gegründet wurde sie 1915 in Den Haag, um gegen das Blutvergiessen im Ersten Weltkrieg und für dessen baldiges Ende zu protestieren. Jetzt fliegt Alodaat in Europa herum, um darauf hinzuweisen, dass es die Frauen für einen Frieden in den Konflikten dieser Welt braucht. Ein Tag in Bern, ein Stopp in Genf und Freiburg im Breisgau, drei Tage in Brüssel.

Nebst dem Konflikt im eigenen Land setzt sie sich mit Libyen, Irak und Pakistan auseinander, wo sie zum Teil auch Feldforschung betrieben hat. Nur in ihrer Heimat konnte sie nicht forschen. «Die Syrer, mit denen ich für meine Forschungsarbeit gesprochen habe, kamen eigens in die Türkei und gingen dann wieder zurück», sagt sie. Durch die Gespräche sei klar geworden, dass sich die Menschen zwar vor der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) fürchteten, dass die täglichen Bombardierungen durch das Regime für die Zivilbevölkerung aber das grössere Problem seien. Langsam gewöhne sie sich an das Leben in London, sagt sie und streicht ihre braunen vollen Locken nach hinten. Sie wirkt wach und antwortet stets ohne Denkpause.

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Auf die Rolle ihrer Exilheimat im Syrienkonflikt angesprochen sagt sie: «Grossbritannien hat eine lange Geschichte als Besatzungs- und Kriegsmacht im Nahen Osten. Gleichwohl hat es wie der Rest der internationalen Gemeinschaft nicht auf die brutale Gewalt am syrischen Volk reagiert.» 800 Millionen Pfund an humanitärer Hilfe habe Grossbritannien bisher an Syrien geleistet. «Wäre es nicht einfacher, den Krieg zu stoppen, statt nur zu verhindern, dass die Menschen verhungern?», fragt sie. Auch zur Schweiz hat sie etwas zu sagen: Die Schweiz sei offiziell ein neutrales Land. «Das ist grossartig.» Aber neutral sei sie wegen ihrer Waffenproduktion dennoch nicht. «So hilft die Schweiz bei der Bewaffnung mit», das wolle sie hervorheben.

Die gesammelten Porträts von «Wieder Montag»: montag.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 30.11.2015, 08:43 Uhr

16 Tage gegen Gewalt an Frauen

Frauen sollen für Frieden arbeiten

Zwischen dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November und dem Internationalen Menschenrechtstag am 10. Dezember finden jedes Jahr weltweit zahlreiche Veranstaltungen gegen Gewalt an Frauen statt. Auch in Bern läuft die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» mit einem vielfältigen Programm aus Filmen, Ausstellungen, Podien, Selbstverteidigungstrainings und anderen Aktionen.

Daneben wird auch gearbeitet – etwa im Zusammenhang mit der UN-Resolution Frauen, Frieden und Sicherheit. Unter anderem wurden syrische Frauen nach Bern eingeladen, um mithilfe von deren Erfahrungen herauszufinden, was die UN-Resolution in 15 Jahren bewirkt hat.

Die Resolution wurde im Jahr 2000 von den Vereinten Nationen verabschiedet. Der Beschluss sieht unter anderem eine stärkere Partizipation der Frauen in der Friedensförderung vor und verlangt den Schutz der Rechte von Frauen und Mädchen während Gewaltkonflikten sowie von geschlechtsspezifischer Gewalt. Bei der Bewältigung von Konflikten soll vermehrt die Sicht beider Geschlechter berücksichtigt werden.

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