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«Ich bin keiner, der vor jede Kamera ,secklet»

Auch ein paar Stunden Schlaf reichten dem Skicross-Olympiasieger Mike Schmid nicht aus, um seinen Triumph zu realisieren. Alles deutet aber darauf hin, dass sich der bodenständige Frutiger auch durch diesen Erfolg nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Nun steht er da auf dem Pier vor dem House of Switzerland, blinzelt scheu und ein wenig verlegen in die Sonne, Touristen und Einheimische stehen Schlange. Es ist eine neue Welt, in der Mike Schmid sich seit Sonntag bewegt. Seit er in Cypress Mountain, 35 Kilometer ausserhalb von Vancouver, der ganzen Welt an einem für ihn perfekten Tag demonstrierte, woran er die letzten Jahre gearbeitet hatte. Fremde Leute gratulieren dem Skicross-Olympiasieger, möchten einmal das Gold berühren, das schwer an seinem Hals hängt, wollen ein Bild mit dem 100-Kilo-Hünen. Der Kameramann des Fernsehens gibt Anweisungen, in «Schweiz Aktuell» ist nun sein Heimatort Frutigen (siehe Ko-Text) live zugeschaltet. Mike Schmid strahlt, er spricht von der «Längizyti», die er habe, und dass er sich freue, bald nach Hause zu kommen. Und der 25-Jährige bleibt, wie immer in den letzten 24 Stunden, wie überhaupt immer, wie sein engstes Umfeld sagt, die Ruhe selbst. «Das Ganze ist mir nicht unangenehm», sagt er, es sei einfach neu und gehöre zum Erfolg. «Ich bin aber keiner, der vor jede Kamera ,secklet.»

Medaillenübergabe das Schönste

Mike Schmid steht mit beiden Beinen auf dem Boden, er sagt, er wolle so natürlich bleiben, wie er es bis anhin gewesen sei. Fast unnötig, dies zu betonen, es ist kaum vorstellbar, dass er seine währschafte Art verlieren könnte. Er hat ein paar Stunden geschlafen, «aber mir ist immer noch nicht ganz bewusst, was ich erreicht habe». Er stand schon im Zielraum in Cypress auf dem Podest, «das Schönste von allem war aber am Abend die Medaillenübergabe im BC Place», sagt er. Als die Hymne gespielt wurde, als ihm allein der Applaus eines vollen Stadions gehörte. Zusammen mit seiner Freundin, Kollegen und dem Team hat er danach im House of Switzerland gegessen und den Coup später in familiärem Rahmen in einer Bar gefeiert.

Immer wieder muss er erzählen, dass er das Skicrossen zwar professionell betreibt, aber mitnichten Profisportler ist. Mike Schmid ist Strassenbauer, arbeitet von April bis Juli in jener Firma, in der sein Vater Filialleiter ist, «und ich bin dankbar für die flexiblen Arbeitszeiten, die ich dort habe». Er spricht davon, dereinst nicht mehr arbeiten zu müssen, aber man kann es ihm nicht recht abnehmen. Der Sport sei ihm extrem wichtig, sagt sein Trainer Ralph Pfäffli, «die körperlich Arbeit und die Menschen dort sind es aber auch». Pfäffli schätzt ihn so ein, dass er auch die andere Beschäftigung braucht, um im Sport erfolgreich zu sein.

Die Rolle von «Michus» Trainer

Egal, wo sich der Olympiasieger derzeit aufhält, der Trainer ist dabei – und auch wieder nicht. Unauffällig steht er, der selber bis 2001 Skicrosser war, im Hintergrund und beobachtet das Geschehen. Das ist in den Rennen nicht anders und seine eigene Methode, die Fahrer und Fahrerinnen (heute findet der Wettkampf der Frauen statt) zu betreuen. Im Gegensatz zu andern Trainern hat er während des Rennens keinen Kontakt mit ihnen, ob «dr Michu» am Start nervös ist, weiss er nicht. «Wenn die Athleten mich etwas fragen wollen, wissen sie, wo ich bin», beschreibt Pfäffli seine Methode. Wenn einer ein Problem mit einem Schlagloch habe, mache er nicht alle darauf aufmerksam, «sonst konzentrieren sie sich nur noch auf diese eine Stelle, das wäre schlecht».

Schmid und Pfäffli sind ein eingespieltes Duo, die beiden arbeiten seit sieben Jahren zusammen. Während der Olympiasieger von Natur aus «in ruhiger Bursche» ist, versucht Ingenieur Pfäffli, diese Ruhe zu bewahren. «Vor den ersten Trainings hier haben wir von anderen Teams gehört, dass sie an geheimen Orten und auf nachgebauter Olympiastrecke noch am Tüfteln sind», sagt er. Von solchem sollte man sich nicht verrückt machen lassen und dem eigenen Weg vertrauen. «Mir war wichtiger, dass wir in diesen Tagen locker werden.» Bewusst war ihm auch, dass das ganze Team um Mike Schmid zum ersten Mal an einer solch grossen Veranstaltung teilnimmt, «deshalb haben wir das zuerst drei Tage genossen, haben gestaunt, alles in uns aufgesogen». Danach habe die Konzentration nur noch dem Wettkampf gegolten.

Verschworene Gruppe

Das Team der Skicrosser ist eine verschworene Gruppe, die dank der konsequenten Arbeit Pfäfflis in den letzten zwei Jahren enorme Fortschritte gemacht hat. Fest angestellt bei Swiss Ski ist der Trainer erst seit diesem Jahr, «mein Lohn hätte zu viel vom knappen Budget weggefressen». Eine Goldmedaille im Team dürfte diese Situation ein wenig verändern.

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