«Ich bin ein Kapitalist, aber verteile auch viel»

Der 87-jährige Alt-Nationalrat Jean-Pierre Bonny lebt im Altersheim, verfolgt aber noch immer aufmerksam, was sich in der Politik tut.

Zeitungsleser und zufriedener Heimbewohner: Jean-Pierre Bonny.

Zeitungsleser und zufriedener Heimbewohner: Jean-Pierre Bonny. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sein Zimmer sieht aus wie andere im Alters- und Pflegeheim in Bremgarten: Bett, Schreibtisch, Fernseher, Stühle, Bilder. Doch man merkt rasch, dass der 87-jährige Jean-Pierre Bonny nicht irgendein Pensionär ist. Auf dem Tisch liegt ein signiertes Buch von Alt-Bundesrat Kaspar Villiger. Eine Foto an der Wand zeigt Papst Johannes Paul II. auf Schweizbesuch 1984, wie er Bonny die Hand gibt. Dieser war als «Biga-Bonny» landesweit bekannt, als Direktor des Bundesamts für Industrie-, Gewerbe und Arbeit, das später im Wirtschaftsamt Seco aufging. Bonny verzieht das Gesicht, als er auf das Seco zu sprechen kommt: zu gross, zu wenig profiliert, kaum kontrollierbar.

Bonny kannte und kennt die Stärken und Schwächen etlicher Bundesräte. Einige Beurteilungen sind ins Buch eingeflossen (Text rechts), in das Buch, das er «gar nicht wollte». Doch die Freunde in seiner Stiftung hätten ihn genötigt, die Erinnerungen aufzeichnen zu lassen. Dies übernahm der frühere BZ-Chefredaktor Michael Hug. Zum guten Glück sei es «keine Lobhudelei» geworden.

Das Telefon klingelt: eine Nichte aus dem Tessin, weshalb Bonny italienisch parliert. Seine 2015 verstorbene Frau Anna Maria stammte von dort. Deren katholische Eltern waren verstimmt, als ihre Tochter diesen Reformierten und «Liberalone» ehelichen wollte. Die Nichte gratuliert Bonny nachträglich zum Geburtstag, denn am Vortag war er nicht zu Hause. «Ich wollte nicht den Tag am Telefon verbringen», sagt er zum «Bund»-Besucher.

Darum habe er sich in sein Auto gesetzt und sei in die Innerschweiz gefahren. Er fahre seit 1955 und habe «nie einen Unfall gehabt». Auf der Fahrt liess er sich begleiten. Der Diabetiker hat vor Jahren einen Unterzuckerungsschock erlitten, der ihn fast das Leben gekostet hätte. Seither ist er vorsichtig. Das Cüpli auf dem Bürgenstock habe 23 Franken gekostet, «ein stolzer Preis», doch die prächtige Aussicht sei es wert gewesen.

«Im Altersheim erhalte ich keine Sonderbehandlung, sondern stehe ganz im Glied.»Jean-Pierre Bonny

Bonny war massgeblich an der Schaffung der obligatorischen Arbeitslosenversicherung beteiligt, die die Schweiz beim Konjunktureinbruch in den 1970er-Jahren dringend brauchte. Auch den Bonny-Beschluss, das «Bonny-Kässeli», hat er mitgeprägt. Hat er, der überzeugte Liberale, nicht zu sehr der etatistischen Kelle vertraut? «Ich bin nicht für den Nachtwächterstaat.» Hie und da brauche es die ordnende Hand des Staates. Das Geld des Programms habe dank eines «Schneeballsystems» sehr viel bewirkt: Es mussten Eigenmittel fliessen, Banken vergaben Kredite zu tieferen Zinsen, dann erst gabs den Zuschuss. In manchen Gegenden habe eine «krasse Monostruktur» geherrscht, so Bonny. Die protektionistisch organisierte Uhrenindustrie verlor den Anschluss, die Zahl der Beschäftigten ging von 100'000 auf 30'000 zurück – für manche Gegenden im Jurabogen eine existenzielle Krise.

Natürlich stellt der Ex-Parlamentarier, der einmal fast Bundesrat geworden wäre, sein Licht im Buch nicht unter den Scheffel, scheut sich aber auch nicht, Fehler einzugestehen. Und er spricht recht offen über die Schwächen einiger Politiker. «Bis jetzt hat niemand reklamiert», so Bonny. Manche können auch nicht mehr reagieren. Im Buch gibt Bonny auch Räuberpistolen zum Besten, etwa ein Essen im Kreml mit dem sowjetischen Arbeitsminister, bei dem Bonny das Wodkagläschen unter dem Tisch entleerte, um nicht unter selbigen zu fallen. In Norwegen wurde er von Hafenarbeitern gebeten, beim Löschen eines Frachters zu helfen, es fehle ein Mann.

Er fasste Übergwändli und Handschuhe und packte an. Nach der Arbeit befragte ihn eine Soziologin in der Hafenkneipe. «Ich gab mich als Arbeiter aus Jugoslawien aus», sagt der damalige Biga-Chef – und lacht. Der Sohn eines Pöstlers und einer Coop-Verkäuferin hat im Leben Erfolg gehabt und gut verdient. Noch heute studiert er am Teletext Aktienkurse, kauft und verkauft, «aber nur Anlagen, die ich verstehe». Er tue es nicht nur für sich, sagt der kinderlose Bonny. «Ich bin ein Kapitalist, aber ich verteile auch viel» – etwa durch seine Stiftungen oder gelegentliche Gaben, mit denen er sich beim multikulturell zusammengesetzten Pflegeteam für die gute Betreuung erkenntlich zeigt. «Ich erhalte keine Sonderbehandlung, sondern bin ganz im Glied», sagt Bonny. Der Mann, der sich früher als Politiker fürchterlich aufregen konnte, wirkt jetzt zufrieden. Es klopft. Die Pflegerinnen kommen. (Der Bund)

Erstellt: 25.06.2018, 06:45 Uhr

Freiheit, aber kein Nachtwächterstaat

Der 1931 in Bern geborene Jean-Pierre Bonny erwarb an der Universität das Fürsprecherpatent. Der Jurist arbeitete für die Eidgenössische Finanzverwaltung und für die Swissair. Dann wurde er die rechte Hand von Otto Fischer, dem Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands. 1972 wechselte Bonny ins Bundesamt für Industrie-, Gewerbe und Arbeit (Biga), das er ab 1974 leitete.

Er war Berner Stadtrat, Grossrat und Gemeinderat in Bremgarten. Nach der Wahl in den Nationalrat 1983 arbeitete er als selbstständiger Wirtschaftskonsulent. Im Militär bekleidete er den Grad eines Obersten. Als Pensionierter präsidierte er die Vereinigung Pro Militia, welche die Armeereformen kritisch begleitet. Mit seiner 2015 verstorbenen Frau Anna Maria rief er 1998 einen Fonds für junge Berufsleute ins Leben. 2013 folgte die «Bonny Stiftung für die Freiheit», die liberale Persönlichkeiten auszeichnet.

Jean-Pierre Bonny: Eine Lebensbilanz, aufgezeichnet von Michael Hug, Knapp-Verlag Olten, 2018, ca. 25 Franken, ISBN 978-3-906311-42-5.

Artikel zum Thema

Zwei Welten auf einem Planeten

Porträt Der 58-Jährige Bernhard Wissler repariert Rollstühle und schickt sie nach Äthiopien. Seine Berufung entdeckte der Berner zufällig. Mehr...

«Ich interpretiere das traditionelle Handwerk neu»

Porträt Die Kunstglaserin Maya Manz macht Möbel und Wohnaccessoires aus Spiegeln und Glas. Damit hält sie ein aussterbendes Handwerk am Leben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...