«Ich bin bei jeder SMS zusammengezuckt»

Margrit Zimmermann erhielt täglich 50 Nachrichten von ihrem Ex-Partner. Die Berner Stalking-Fachstelle unterstützt Personen mit ähnlichen Erlebnissen.

«Die grosse Liebe war es nie», sagt Margrit Zimmermann bei einem Treffen. Die Beziehung zu ihrem ehemaligen Partner sei trotzdem schön gewesen. «Wir haben viel zusammen unternommen, Fahrradausflüge gemacht und eine Passion fürs Theater geteilt.» Im letzten Winter – nach drei Jahren Beziehung – kam der Moment, als ihr das nicht mehr reichte und sie die Beziehung beendete. Ihr Ex-Freund konnte mit der Zurückweisung nicht umgehen. Er legte in der Folge ein Verhalten an den Tag, dass gemeinhin als «Stalking» bezeichnet wird.

Zimmermann, die eigentlich anders heisst, ist kein Einzelfall. Alleine bei der Fachstelle Stalking-Beratung der Stadt Bern, die es seit fünf Jahren gibt, meldeten sich im letzten Jahr 170 Stalking-Opfer, wie Ester Meier, die Leiterin des Amts für Erwachsenen- und Kindesschutz, sagt. Eine repräsentative EU-Studie ergab, dass 18 Prozent der Frauen bereits gestalkt wurden. Betroffen von Stalking sind aber auch Männer. Jedes vierte Opfer, das sich bei der Fachstelle meldet, ist männlich. Meier rechnet mit einer grossen Dunkelziffer. «Männer nehmen solche Angebote aus Scham seltener wahr als Frauen.» Um Stalking besser bekämpfen zu können, strebt die Stadt Bern eine Gesetzesänderung auf Bundesebene an (vgl. Kasten).

Nicht jedes E-Mail ist Stalking

Die Fachstelle definiert Stalking als «bewusstes, systematisches und böswilliges Verfolgen, Belästigen und Bedrohen einer Person.» Wie Natalie Schneiter, Beraterin an der Stalking-Fachstelle, betont, könne man aber nicht jede anstrengende Kontaktaufnahme des ehemaligen Partners als Stalking bezeichnen. Bis zu fünf SMS pro Tag sowie gelegentliche Liebesbekundungen per Mail etwa fielen noch nicht unter den Stalking-Begriff. «Jedenfalls wenn die Kontaktversuche mit der Zeit abnehmen.»

Drohung mit Selbsttötung

Das Verhalten von Zimmermanns Ex-Partner hingegen ist Stalking. Er sendete ihr täglich bis zu 50 Kurznachrichten und zahlreiche E-Mails, wobei sich Liebesbekundungen und Beschimpfungen etwa die Waage hielten. Und es wurde immer schlimmer. Einmal tauchte er unangemeldet in ihrer Wohnung auf, richtete eine Waffe auf sich und drohte mit Selbsttötung. Mehrmals kontaktierte er Freunde und Verwandte von Zimmermann. Schliesslich drohte er, kompromittierende Bilder an Arbeitgeber und Freunde zu schicken.

Zimmermann ist Anfang 50, gebildet, berufstätig – eine unabhängige Frau. Ihr Ex-Partner ist Akademiker. «Stalking kommt in allen Schichten vor», sagt Schneiter. Genaue Zahlen, gerade was die Täterseite angeht, habe man aber keine. Klar sei, dass es sich fast immer um Personen aus dem Bekanntenkreis handle. «Oftmals ist es der ehemalige Partner oder die ehemalige Partnerin.» Das Unrechtsbewusstsein bei den Tätern sei wenig ausgeprägt. «Ich mache ja gar nichts Böses», laute eine häufige Rechtfertigung.

Die Wahrnehmung der Täter kontrastiert mit den tatsächlichen Folgen für die Betroffenen. «Es waren die schlimmsten Monate meines Lebens», sagt Zimmermann. Sie spricht von ständiger Unruhe, Schlaflosigkeit, Angstanfällen. «Bei jedem SMS bin ich zusammengezuckt.» Ganz schlimm sei auch gewesen, dass er sie ständig während der Arbeit telefonisch und per Mail kontaktiert habe. «Die Handynummer habe ich gewechselt, aber das Aufblinken des Computers, wenn wieder eine neue Mail reinkam, kann man nicht abstellen.»

Bei der Fachstelle weiss man von den schwerwiegenden Folgen von Stalking. «Umso wichtiger ist, dass sich Betroffene Hilfe holen», sagt Schneiter. Die Erfolgsquote der Fachstelle sei extrem hoch. «Gegen Stalking kann man etwas tun.» Am wirksamsten sei, wenn eine Drittperson mit autoritärer Ausstrahlung – etwa ein Anwalt oder ein Polizist – den Täter kontaktiere. «Das wirkt in rund 90 Prozent der Fälle.» Wichtig sei aber auch, dass Betroffene den Kontakt zum Stalker endgültig abbrächen und die Natelnummer änderten. Zur Beweissicherung empfehle es sich aber, die Nachrichten aufzubewahren.

«Hauptsache, er hat aufgehört»

Bei Zimmermann hatte das Stalking nach einem halben Jahr eine Ende. «Ich habe meinem Ex-Freund über einen Bekannten von ihm mit rechtlichen Schritten gedroht», sagt sie. Ob dies ausschlaggebend war, wisse sie allerdings nicht. Etwa zur gleichen Zeit sei er eine neue Beziehung zu einer anderen Frau eingegangen. «Wieso er aufgehört hat, ist mir aber ehrlich gesagt ziemlich egal – Hauptsache, er hat aufgehört.»

Mittlerweile geht es Zimmermann soweit wieder gut. Auch eine neue Beziehung ist sie eingegangen. Ganz ohne Folgen sei das Stalking aber nicht geblieben, wie sie sagt. So habe sie grosse Mühe, sich ihrem neuen Partner zu öffnen und ihm persönliche Dinge anzuvertrauen. «Ich bin seither wohl ein wenig beziehungsgeschädigt.»

Der Bund

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