Homeschooling-Eltern entdecken die Schule

Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, senden verstörende Signale aus.

Homeschooling löst Unbehagen aus - Eltern scheinen dabei nur sich selbst zu vertrauen.

Homeschooling löst Unbehagen aus - Eltern scheinen dabei nur sich selbst zu vertrauen.

(Bild: Keystone Gaetan Bally)

Dölf Barben@DoelfBarben

Man kann es drehen und wenden, wie man will, es klingt wie ein Scherz: Am nächsten Montag öffnet im Berner Monbijouquartier der Freilernraum. Es ist gemäss Pressemitteilung die «erste feste Einrichtung in der Region für freies Lernen». Kinder und Jugendliche, die sich ihre Schulbildung zu Hause aneignen mittels Homeschooling bzw. Heimunterricht, treffen sich in diesem Raum «zum gemeinsamen Lernen, Austauschen und gegenseitigen Unterstützen, begleitet von Fachpersonen».

Orte, wo Kinder mit Fachpersonen gemeinsam lernen? Solche Orte hat man auch schon als Schule bezeichnet, und die Fachpersonen als Lehrer. Diese Begriffe werden in der Mitteilung des von Eltern gegründeten Vereins Freilernraum aber tunlichst vermieden. Statt von einem Lehrer ist die Rede von einem Lerncoach, der über langjährige Erfahrung als «Lernbegleiter» verfügt.

Zauberworkshop und Traumfänger

Homeschooling ist umstritten. Mit ihrem Freilernraum reagieren die Eltern insbesondere auf den Vorwurf, sie würden ihre Kinder isolieren. «Der Freilernraum setzt genau hier an», schreiben sie, er fördere Austausch, soziale Kontakte und Zusammenarbeit der Lehrenden und Lernenden. Das ist den Homeschooling-Kindern zu gönnen. Und es besteht kein Zweifel: Der Freilernort in Bern, wo die Kinder jeweils ein «veganes, einfaches Mittagessen» angeboten bekommen, wird sich zu einer Insel der Glückseligen entwickeln. Dazu genügt ein Blick ins Programm: Nebst dem Fremdsprachen-Lerncoaching enthält es Angebote wie aus einem Edel-Ferienpass: «Kalligrafie mit dem Schönschreiber Fritz Tschanz», «Zauberworkshop mit Mägic Henä» oder «Schmuck, Traumfänger und Schwemmholzkunst mit Yvonne Hänni».

Das Unbehagen bleibt

Trotzdem: Auch wenn es Kinder gibt, die dank Heimunterricht aufblühen oder weniger gedemütigt werden. Auch wenn Situationen vorstellbar sind, in denen Homeschooling die beste Lösung ist. Auch wenn der Verein Bildung zu Hause Schweiz mit Studien belegt, dass Homeschooling-Kinder schliesslich gut ausgebildet sind. Und auch wenn der gleiche Verein betont, die Erziehung zu gemeinschaftsfähigen Menschen komme nicht zu kurz: Es bleibt ein Bereich, der Unbehagen auslöst. Es geht um den Kern, die Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Eltern, die nicht nur Eltern, sondern auch gleich die Lehrer ihrer Kinder sein wollen, senden ein Bündel an verstörenden Signalen aus. So scheinen sie nur sich selber zu vertrauen und es nicht für möglich zu halten, dass ihr Kind Menschen begegnen wird, die ihm grössere Türen in weitere Räume zu öffnen vermögen als sie selber. Und vor allem scheinen sie nicht in Betracht zu ziehen, dass ihr Kind dereinst von ihnen enttäuscht sein könnte. Irgendwann wird es nämlich erkennen, dass seine Eltern in ihrem Leben offenbar nie etwas hatten, das ihnen wichtiger war als seine Erziehung.

DerBund.ch/Newsnet

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