Hörprobleme

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann beschäftigt sich mit akustischem Abschaum.

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Irgendetwas stimmte nicht. Ich konnte nicht auf Anhieb sagen, was es war. Doch ich war mir sicher, dass von diesem Mann etwas Sonderbares ausging. Erst als er ein paar Stationen später den Bus verliess, wurde mir der Ursprung meiner Irritation klar. Dort wo andere Menschen ihre Ohren haben, trug dieser Mann zwei stabile Kunststoffkapseln, welche die Hörorgane von der Aussenwelt abschirmten.

Einfacher ausgedrückt: Er trug einen Pamir. Ich hatte Mühe, diese Tatsache einzuordnen. Natürlich, der Alltag ist geräuschintensiv. Wieso sollte man sich dann nicht eine persönliche Insel der Ruhe schaffen? Doch ist diese aktive Verweigerung, hören zu wollen, nicht sehr pubertär? Ich begann mich zu fragen, gegen was genau der Pamir-Mann sein Gehör abschottet. Schwappt durch Berns Strassen tatsächlich dermassen viel akustischer Abschaum? Ich wollte es genau wissen und habe mich zu einem langen Spaziergang aufgemacht, um mich etwas umzuhören.

Meine Reise durch Berns Schallwellen beginnt am Bahnhof. Räder von Rollkoffern rattern über den glatten Boden. Vom Perron 3 schiesst das schrille Geräusch eines bremsenden Zugs herunter, das an ein Ferkel erinnert, dem gerade eine schwere Verletzung zugefügt worden ist und das nun seinem jähen Ende entgegentaumelt. Nichts wie raus aus dieser auditiven Folterkammer! Ich rette mich in die Spitalgasse.

Trams schleichen ihren Schienen entlang und stellen ihre Existenz mit gelegentlichem Läuten ihrer Glocken unter Beweis. Unter den Lauben ist ein Kleinkind mit den allgemeinen Umständen seines Lebens dermassen unzufrieden, dass es die Gesamtheit seines Lungenvolumens braucht, um dem Ausdruck zu verleihen. Dazu mischen sich die barockesken Klängen eines Harfenspielers und Wortfetzen von britischen Touristen, deren Inselenglisch dichter in der Gasse hängt als Nebelschwaden über London.

Wer genau hinhört, wird in der Berner Altstadt von verschiedensten Geräuschen angefallen. So auch auf dem Bundesplatz. Asiaten drücken in kurzen Intervallen auf den Auslöser ihrer Kameras und sorgen für eine klickende Klangkulisse, die einem eine irische Stepptanzvorführung vor das geistige Auge zerrt. Das ist noch längst nicht alles. Hinter dem Sichtschutz der Nationalbank-Baustelle kracht und scheppert es, als hätte man einen Tollpatsch mit unzähligen losen Gegenständen alleine gelassen.

Dazu gesellt sich das grelle Zirpen einer Bohrmaschine, das uneingeschränkt an unliebsame Zahnbehandlungen erinnert. Derweilen beim Bärengraben: Einer der Bären schleift sein strohbehangenes Fell über einen Felsbrocken, ohne dabei eine Position zu finden, die ihm zu behagen scheint. Mit leidvollen Augen ächzt er vor sich hin, als wäre der Winter zu kurz gewesen, um einen mächtigen Rausch auszuschlafen.

Ich habe genug gehört. Ruhebedürftig setze ich mich in den Bus, nur um da Zeuge einer schrecklichen Erzählung zu werden. Ein kleines Mädchen schildert ihrer Mutter, wie in ihrer Kita ein Kind dem anderen mit einem sehr spitzen Stock ins Auge gestochen hat. Da ist mir klar geworden, wie töricht es ist, mit Pamir durch die Gegend zu laufen. Dadurch wäre mir die wichtige Information entgangen, dass es da draussen offensichtlich Kinder mit sehr spitzen Stöcken gibt, mit denen sie ihrem Umfeld die Augen auszustechen. Nein, einen Pamir werde ich mir nicht kaufen, denke aber darüber nach, mir eine Schutzbrille zuzulegen.

Martin Erdmann ist «Bund»-Redaktor und weist darauf hin, dass die Kombination von Kindern und Holz schnell einmal ins Auge gehen kann.

derpoller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 14.03.2018, 06:50 Uhr

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