Hitzestau auf der Aare

Am heissesten Wochenende seit Jahren zog es die Massen an die Aare. Von Thun bis Bern reihte sich Gummiboot an Gummiboot.

  • loading indicator

Was tun, wenns brennt?, lautet die Frage dieser Tage. Am Wochenende war es in der Bundesstadt mit bis zu 34,6 Grad so heiss wie seit Jahren nicht mehr. Die Berner wissen: Gegen Feuer hilft Wasser. So pilgerten sie auch am Sonntag wieder zu Tausenden an die Aare – mit Familie, Freunden, Partnern und Haustieren. Doch der Kampf um die gerade in der Mittagszeit raren Schattenplätze ist unerbittlich und der Asphalt auf dem Weg vom Liegeplatz zum Aare-Einstieg feurig heiss. Zur Masse der aus der Aare gereckten Köpfe gesellen sich zahlreiche sonnenverbrannte Rücken auf knalligen Booten. Auf der Wiese unter der Monbijoubrücke drückt gerade der 17-jährige Andrin Marti mit vollem Körpereinsatz die letzte Luft aus seinem Boot. ?«Eigentlich wollte ich mit der Bootsfahrt der Masse entfliehen», sagt er. Doch bereits als er zusammen mit einem Cageot Bier und seiner «Crew», wie er seine Freunde nennt, in Thun angekommen sei, habe er festgestellt, dass er mit dieser Idee nicht alleine war. «Es gab eine meterlange Schlange vor dem Steg.» Auf der Strecke sei es auch immer wieder zu kleineren Kollisionen gekommen. «Es war aber eher lustig als gefährlich.» Alles in allem: «Ein gelungener Ausflug.» Nur auf den beschwerliche Aufstieg bis zur Bushaltestelle würde er jetzt gerne verzichten.

Beiboote im Trend

Vom Ufer beim Eichholz aus lässt sich die Karawane beobachten. Die Boote reihen sich beinahe Heck an Bug. Die Jauchzer aus den ankommenden Booten werden von den zahlreichen Badegästen schon lange nicht mehr erwidert. Um trotzdem ein wenig aufzufallen, setzen einige Böötler auf Eigenkreationen. Eine Gruppe Jugendlicher ist mit mehreren zusammengebundenen Booten unterwegs. In deren Mitte befindet sich ein Floss mit einer Soundanlage, die Bässe mit hoher Durchschlagskraft produziert. Beiboote scheinen sowieso einem Trend zu entsprechen. Drei junge Männer führen auf einer eigens angefertigten Schwimmeinrichtung sogar einen Holzgrill mit sich. Daneben machen zwei Punks in einem luftarmen Zweierboot – trotz der wehenden Piratenflagge – wenig Eindruck. Auf dem Parkplatz des Restaurants Eichholz schaut eine Mitarbeiterin eines privaten Sicherheitsdiensts zum Rechten. «Bis jetzt läuft alles in geordneten Bahnen», sagt sie. Trotz der Massen sei es ruhiger als an anderen Tagen. Einerseits habe es viele Familien, «andererseits sind die Leute vernünftig und haben wegen der Hitze von Bier auf Mineralwasser umgestellt.»

Mann in Aare verschwunden

Ein tragischer Vorfall überschattet dennoch das Wochenende: Am Freitag scheint ein Mann in der Aare beim Marzili ertrunken zu sein. Die Kantonspolizei spricht von mehreren «unabhängigen und übereinstimmenden» Aussagen, dass ein Mann «in den Fluten verschwunden» sei. «Wir gehen stark davon aus, dass tatsächlich eine Person verunglückt ist, und haben bereits mehrere Kontrollfahrten durchgeführt», sagt Polizeisprecherin Alice Späh auf Anfrage. Bis jetzt blieb die Suche ohne Ergebnis. Die Polizei sei nach wie vor auf und entlang der Aare präsent, so Späh weiter. Von weiteren Schwimmunfällen hat Späh keine Kenntnis. Und auch vonseiten der Spitäler ist nichts Dramatisches zu vernehmen. Im Aaretal scheint die Hitze einigen Rentnern schlecht bekommen zu sein. So musste das Spital Münsingen einige Senioren wegen Flüssigkeitsmangels behandeln. Beim Spital Netz Bern gab es «keine besondere Anhäufung von hitzebedingten Erkrankungen», wie es in einer Mitteilung heisst. Das Spital Netz musste aber zahlreiche Patienten wegen indirekter Folgen der Wärme aufnehmen. Neben Sportverletzungen scheinen den Bernerinnen und Bernern vor allem «Verbrennungen am Grill und Insektenstiche» zu schaffen zu machen.

Aare könnte wärmer sein

Beim Schönausteg plagen die Schwimmerinnen und Schwimmer andere Probleme. Ein Knabe wartet auf dem Steg – vom Vater kritisch beäugt – auf den richtigen Moment für den Sprung. Als sich ein scheinbar verwaistes Boot nähert, hat er eine gloriose Idee: «Soll ich ins Boot springen?», fragt er seinen Vater. Ein paar Meter weiter beim Trinkwasserpumpwerk kühlt sich ein älterer Mann im kalten Wasser des kleinen Brunnens. «Die Aare ist schon fast zu heiss für mich», sagt er zu seiner Begleitung. Die digitale Anzeige daneben gibt ihm Recht. Wassertemperatur: 23 Grad.

23 Grad ist warm. Doch die Aare könnte noch wärmer sein. Sobald die Aaretemperatur 20,5 Grad übersteigt, muss das AKW Mühleberg die Leistung drosseln, weil es sonst das Aarewasser, mit dem es seine Anlage kühlt, allzu stark aufheizen würde. Die Leistung lag am Sonntag bei 85 Prozent im Vergleich zum Vollbetrieb.

Eine Abkühlung könnte auch eine tätowierte Frau vertragen. Sie zieht gerade mit schweissnasser Stirn ein Gummiboot ans Ufer. Ihr Freund unterstützt sie vom Wasser aus. Die beiden haben sich gegen einen Ausstieg im Eichholz oder bei der Wiese unter der Monbijoubrücke entschieden und einfach eine Böschung ohne Ausstiegshilfe angepeilt. Manchmal bietet es sich an, mit dem Strom zu schwimmen.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt