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Hinkende Anmut

Ist das Makellose wirklich schön? Ein Probenbesuch bei einem Stück, das mit behinderten und nicht behinderten Performern der Schönheit auf den Grund geht.

Nicht alle Körper gehorchen denselben Gesetzen; dies machen die Cie Drift und die Gruppe BewegGrund in ihrem Tanzstück zum Thema. (zvg)
Nicht alle Körper gehorchen denselben Gesetzen; dies machen die Cie Drift und die Gruppe BewegGrund in ihrem Tanzstück zum Thema. (zvg)

«Kannst du nochmals in diese Position gehen?», fragt Ko-Choreograf Peter Schelling die junge Frau. Natürlich kann sie das. Aber nicht im wörtlichen Sinne. Ein Tänzer trägt sie hin, drapiert ihren Körper. Denn Mirjam Gasser ist Rollstuhlfahrerin; die Politologiestudentin leidet an einer Muskelkrankheit. Sie und der Journalist Raphaël de Riedmatten, auch er muskelkrank, sind Mitglieder der Gruppe BewegGrund, die für «integrativen Tanz» steht, für ein Miteinander von behinderten und nicht behinderten Künstlern. Geprobt wird das neuste Stück «On Beauty». Kunst, nicht Therapie – das ist das Anliegen von Susanne Schneider, die seit über zehn Jahren BewegGrund leitet und in der aktuellen Produktion als choreografische Assistentin amtet. Sie ist glücklich darüber, dass man für dieses Stück die Cie Drift gewinnen konnte, eine der renommiertesten Tanzcompagnien der Schweiz: «Peter Schelling hat vor einiger Zeit einen BewegGrund-Workshop geleitet, und das so verspielt und sorgfältig, dass bei uns der Wunsch entstand, mit Drift zu arbeiten.»

Derweil geht die Probe in der Dampfzentrale weiter. François Gendre, der für die Musik zuständig ist, pröbelt an seinem Gerätepark, das Choreografieteam mit Peter Schelling, Béatrice Jaccard und Susanne Schneider bespricht sich, und die Tänzerinnen und Tänzer tigern auf der Bühne herum. Bis jemand eine der zwei herumstehenden Trompeten nimmt und kräftig hineinbläst. Allgemeine Heiterkeit. Doch dann, nach diesem Startschuss, bündelt sich die Konzentration wieder, und die nächste Szene beginnt.

Mirjam Gasser umkreist die liegende Gruppe am Boden, hält an und gleitet sanft aus dem Rollstuhl, sinkt hin zu den anderen, die ihren Körper behutsam aufnehmen. Es scheint, als bewege sich ein einziger, vielgliedriger Organismus, und es ist stellenweise nicht zu erkennen, welche dieser Beine ihren Dienst ordnungsgemäss tun und welche nicht. Doch die Weichheit der Bewegung ist nicht einfach zu haben – hier fällt versehentlich ein Schuh ab, dort prallen Gliedmassen unsanft aufeinander. Das ist tänzerische Feinarbeit; mit dem zusätzlichen Schwierigkeitsgrad, dass nicht alle der Körper denselben Gesetzen gehorchen. Am Schluss jedoch, als das Ganze einigermassen reibungslos fliesst, wächst Mirjam Gasser aus der Masse heraus und wird von einer menschlichen Sänfte davongetragen. Das Lämpchen an ihrem verlassenen Rollstuhl blinkt immer noch grün.

Gesucht: Spezielle Typen

Béatrice Jaccard von der Cie Drift arbeitet zum ersten Mal mit Behinderten zusammen. «Ich bin mir allerdings nicht sicher, wie sehr uns die Tatsache der Behinderung überhaupt interessiert», sagt sie. Vielmehr suche sie in ihrer Arbeit stets spezielle Typen. «Wichtig ist uns, dass die Menschen auf der Bühne gut aussehen – um Schönheit geht es bei uns immer.» Doch die Schönheit, die Jaccard meint, ist nicht eine normierte Photoshop-Beauty. Sondern sie liegt etwa in der Spannung, dass Mirjam Gasser eine wunderschöne Frau ist, die an den Rollstuhl gebunden ist. «So etwas berührt mich», sagt Jaccard.

Um Schönheit und darum, dass körperliche und geistige Unversehrtheit keine Selbstverständlichkeit ist, dreht sich «On Beauty». Einen Gewährsmann dafür hat die Cie Drift in William Shakespeare gefunden, in seinem lebensprallen Dramen-Kosmos, in dem der Grat zwischen normal und abnormal nur schmal ist – und in dem Behinderte überhaupt vorkommen. Jaccard erwähnt Richard den Dritten, den Krüppel, der abgrundtief böse ist, aber auch stark und mächtig. «Dass Behinderte nicht immer nur schwach sind, nur lieb und nett, nur Opfer, das hat uns bei Shakespeare gefallen», sagt Jaccard und fügt bei, dass man das Stück auch gut ohne den literarischen Hintergrund verstehen könne.

Zurück in die Probe. In der nächsten Szene schreiten vier Personen durch den Raum. Etwas an ihrem Gang stimmt nicht, es ist ein übertriebenes Wiegen der Hüften, ein bizarres Schaukeln. Allmählich geht einem auf: Die Tänzer imitieren Raphaël de Riedmattens Art zu gehen. Doch sie karikieren sie nicht; sie verleiben sie sich ein: ein Moment von seltsamer Anmut.

Dampfzentrale, Bern. Premiere: Freitag, 26. März, 20 Uhr. Weiter: 27. und 28. März, 20 Uhr.

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