Hier trinkt Bern sein Feierabendbier – oder auch nicht

18–19 Uhr: Für viele Gastrobetriebe ist das «Fyrabebier» eine wichtige Einnahmequelle.

  • loading indicator
Basil Weingartner@bwg_bern

Sie arbeiten auf der Baustelle, in der Arztpraxis oder im Grossraumbüro. Ebenso unterschiedlich wie die Arbeits­orte der Bernerinnen und Berner sind auch die Beizen, in denen sie sich anschliessend auf ein Feierabendgetränk treffen. Letzteres ist sehr oft ein kühles Bier – aber nicht immer.

1. Ein Bier mit Hugo im Progr – so klingt es

Kurz nach sechs Uhr abends pulsiert der Innenhof des Kulturzentrums Progr. Grund dafür ist die Turnhalle. Der Gastro­betrieb zieht Menschen mit Hang zur Urbanität in Massen an – darunter viele Studenten und Kreative. Und auch solche, die Letzteres gerne wären. Lange nicht alle finden hier in den frühen Abendstunden einen Platz an den Tischchen oder auf den Holzstufen. Doch egal ob sitzend oder stehend: Überall bilden sich kleine Grüppchen. Man ist gerne unter Leuten aber doch auch gerne ­unter sich – oft bis in die späten Abendstunden hinein. Das Feierabendbier wird dann zum Schlummertrunk.

Welches Getränk wird in der Turnhalle während der Apérostunden am häufigsten ausgeschenkt?
Fabio Dettwiler, Geschäftsführer: Den Männern Bier; die Frauen trinken einen Hugo (Prosecco mit Sirup und Minze) oder einen gespritzten Weisswein.

Sind während der Feierabend­stunden mehr Mitarbeiter im Einsatz als sonst?
Nein, einzig an den Wochenenden sind es mehr.

Welche wirtschaftliche Bedeutung haben die Feierabendrunden für ­Ihren Betrieb?
Eine grosse: Zwischen 16 und 22 Uhr läuft bei uns am meisten.

Wirken sich die Sommerferien auf die Menge der Feierabendgäste aus?
Ja. Die Leute essen zu Hause und kommen erst später. Ebenso an den Wochenenden.

Turnhalle im Progr, Speichergasse 4, Bern

2. Mojito statt Bier im Schweizerhof – so klingt es

Kurz nach Feierabend auf der Dach­terrasse des Hotels Schweizerhof: Wer nach der Arbeit hierherkommt, schätzt nicht nur die beeindruckende Rundumsicht, sondern mag es chic und gibt sich auch gerne so. Hier treffen sich denn auch eher Angestellte von Firmen, deren Kleidervorschriften die Begriffe Anzug oder Deuxpi­èces enthalten. Man sitzt zu zweit oder in Gruppen auf Lounge­möbeln; der grosszügige Abstand zwischen den Tischen sorgt für intime ­Atmosphäre. Man bleibt unter sich.

Welche Getränke werden in den Apérostunden am meisten serviert?
Jeremy Peyer, Manager: Im Moment sind dies zwei Cocktails: der Mojito und das Raspberry Elderflower Bellini.

Sind während der Feierabendstunden mehr Mitarbeiter im Einsatz?
Ja, wir verdoppeln unser Team jeweils ab 17 Uhr.

Welche wirtschaftliche Bedeutung ­haben die Feierabendrunden für den Barbetrieb?
Diese haben eine grosse Bedeutung. Wir generieren rund die Hälfte des ganzen Tagesumsatzes zwischen 17 und 21 Uhr.

Wirken sich die Sommerferien auf die Menge der Feierabendgäste aus?
Die Ferienzeit merken wir nicht wirklich. Unsere Hauptsaison ist dennoch eher in den kühleren Monaten. Dann bedienen wir die Gäste in der Lobby- und der Cigarlounge.

Schweizerhof, Bahnhofplatz 11, Bern

3. Im Tramway wird heute gegessen – so klingt es

Am späten Nachmittag im Restaurant Tramway im Breitenrain. Die meisten Terrassenstühle sind noch gegen die Tischkanten gekippt. Erst wenige ältere Männer sitzen an jeweils einem Tisch. Eine Stange vor sich. Doch bald kommt man ins Gespräch. Man kennt sich – spätestens jetzt. Bis Ende der 90er-Jahre habe es jeweils nach Feierabend «­gräblet», sagt Wirt Martin Spycher. «Seit aber auch kleinere Betriebe Alkohol ausschenken dürfen, kommen nur noch wenige Büezer.» Diese würden ihr Bier heute oft im Betrieb trinken. Man lebe heute einfach gesünder, glaubt Spycher. «Man trinkt weniger.» Er setze deshalb heute vor allem auf den Verkauf von Speisen und fahre gut damit.

Welches Getränk wird in den Apérostunden am meisten serviert?
Martin Spycher: Eine grosse Stange – sowohl den Männern als auch den Frauen.

Welche wirtschaftliche Bedeutung haben die Feierabendrunden?
Obwohl wir inzwischen vor allem Speise­restaurant sind, brauchen wir den Verkauf von Getränken. Im Sommer kommt fast niemand mehr auf ein Feierabendbier. Während des restlichen Jahrs läuft es besser. Wenn die Fussballfans auf ein Bier vorbeischauen, dann «räblet» es wie früher.

Tramway, Militärstrasse 64, Bern

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt