Hier feiern die, die sonst nichts haben

Verschiedene Berner Sozialinstitutionen bieten über Weihnachten ein Sonderprogramm an: Sie bekochen jene, die durch die Maschen des sozialen Netzes gefallen sind.

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«Ghei de nid ache, Brigitte», sagt Tinu. Er hält die Leiter fest, auf der Brigitte steht, um den Stern an der Tannenspitze zu befestigen. Im Treppenhaus werden fleissig Tannzweige ans Geländer gebunden, auf einem Tisch steht schon eine Krippe. Neben Tinu und Brigitte sind noch sechs weitere Personen den ganzen Tag daran, das Interieur des La Prairie zu schmücken. Der Verein versteht sich als «offenes Haus» und steht bei der Kleinen Schanze mitten in Bern. Es ist in erster Linie ein Treffpunkt für Armutsbetroffene – «arm an sozialen Bindungen, arm an Geld oder arm an Materiellem», beschreiben die Dekorateure ihre Kundschaft. An fünf Tagen die Woche kann man hier nämlich einkehren und erhält für kleines Geld eine warme Mahlzeit. An Heiligabend steigt nun eine Weihnachtssause «für jene, die sonst vielleicht alleine wären», sagt Brigitte. Das Essen gibt es an Heiligabend gar gratis; die Betreiber rechnen mit rund hundert Gästen. Die Köche sind daher bereits am Vortag daran, das Kalbsragout vorzubereiten.

«Ein Ort zum einfach Sein»

Das Weihnachtsessen im La Prairie ist nur eines von vielen Angeboten in Bern, das sich explizit an jene richtet, die durch die Maschen des sozialen Netzes gefallen sind. Ein ähnliches Angebot gibt es auch im Aufenthaltsraum an der Postgasse 35. Am 25. Dezember organisieren Manfred Jegerlehner und sein Team jeweils eine Feier, «so eine Art Zusammensitzen», wie er es nennt. «Es kommen im Schnitt 50 bis 70 Leute, Rentner genauso wie Prostituierte, Einsame genauso wie Menschen mit Suchtproblemen.»

Am Tag unseres Besuchs sitzt ein gutes Dutzend Leute im Raum, ein Mann improvisiert am Klavier, in der hinteren Ecke steht ein ordentlicher Weihnachtsbaum, im vorderen Teil isst eine Frau ihr Käsebrot. Einige lesen Zeitung und schlürfen Kaffee, andere diskutieren übers Reisen. «Ich bin hier, weil ich kommen und gehen kann, wie ich Lust habe», sagt ein Mann Anfang vierzig. Es sei ein Ort «zum einfach Sein». Seine Sitznachbarn stimmen ihm zu. Ob sie auch die Festtage hier verbringen werden, wissen sie noch nicht so recht. Die Weihnachtsfeier sei schlicht gehalten, sagt Manfred Jegerlehner. Es gehe einfach darum, mit den Menschen ein bisschen Wärme auszutauschen. «Ein niederschwelliges Angebot eben.» Man öffne bereits um ein Uhr, nicht wie sonst erst um halb drei, dann gebe es Kaffee und Tee. Auch beim Menü wolle man es einfach halten: «Wir servieren Rollschinkli, Würste, Butterzöpfe und ein paar Salätli, danach ein Dessert», sagt Jegerlehner. Auch die Bescherung kommt nicht zu kurz: «Die Männer kriegen ein Paar Wollsocken geschenkt, die Frauen ein Frotteetuch.» Zum Abschluss lese man noch ein «Gschichtli», heuer eines von Norbert Blüm, dem ehemaligen deutschen Arbeitsminister und Autor.

Der Aufenthaltsraum ist ein Treffpunkt, für das Konzept haben Jegerlehner und sein Team 2012 den Sozialpreis der Burgergemeinde Bern erhalten. Und das Konzept ist simpel: «Es geht darum, unseren Besuchern einen Ort zu bieten, an welchem sie sich wohlfühlen und für ein paar Stunden verweilen können», so der Projektleiter. Die Verpflegung ist kostenlos.

Festtagsmenü auch im Sleeper

Wer obdachlos ist, findet im Passantenheim der Heilsarmee an der Muristrasse über die Festtage nicht nur Unterschlupf: «An Heiligabend kommt eine Jugendgruppe vorbei, wir nehmen zusammen einen Apéro, anschliessend gibt es Raclette», sagt Franz Dillier, der Leiter des Heims. Danach singe man gemeinsam und lese eine Bibelgeschichte. Von den derzeit fünfzig Gästen werde rund die Hälfte an der Weihnachtsfeier teilnehmen, darunter seien Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft.

Weniger christlich, aber trotzdem besinnlich hält man es in der Berner Notschlafstelle Sleeper, Hier gibt es an Heiligabend und Weihnachten ein erweitertes Menü. «Es kommen Suppe, Salat, eine Hauptspeise und ein Dessert auf den Tisch», sagt ein Mitarbeiter, der anonym bleiben will. «Wie im Restaurant eben. Nur kostet das hier fünf Stutz, nicht dreissig.» Ein paar Kerzen habe man auch hingestellt. «Aber Weihnachtslieder, Bibelgeschichten, Tannenbaum – das kommt nicht infrage», sagt er. Das fände er daneben, es müsse Neutralität herrschen. «Es sind Personen unterschiedlicher Herkunft hier, nicht alle wollen Weihnachten feiern.» (Der Bund)

Erstellt: 23.12.2016, 19:03 Uhr

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