Haufenweise Kleider gegen die Hilflosigkeit

Das Leid von Flüchtlingen regt die Bernerinnen und Berner zum Spenden an – zum Beispiel für die neue Asylunterkunft in der alten Feuerwehrkaserne.

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Kleider, Plüschtiere, Schuhe: Bis zum Rand gefüllt sind die Taschen, die sich in der alten Berner Feuerwehrkaserne stapeln. In einem der Räume, in denen künftig Flüchtlinge wohnen werden, sortiert eine freiwillige Mitarbeiterin die Kleider. Und schon kommt wieder Nachschub – zwei Frauen schleppen weitere Taschen in den Raum. Es herrscht reger Betrieb, da, wo schon bald 150 Flüchtlinge unterkommen sollen.

Ein Aufruf auf Facebook fand grosse Resonanz. Dessen Urheberin ist Grafik-Designerin Katina Anliker. Sie animierte dazu, Kleider für Asylsuchende zu spenden. Der Aufruf wurde unter anderem von Philippe Cornu geteilt, der jahrelang Chef des Gurtenfestivals war. Seither kommen immer wieder Frauen und Männer in der Kaserne vorbei, um ihre alten Kleider abzugeben.

Grosse Solidarität

«Viele Leute sehen das Leid der Flüchtlinge und haben das Bedürfnis, etwas dagegen zu unternehmen», sagt Initiantin Katina Anliker. Aus diesem Grund wurde sie aktiv und meldete sich mit ­ihrer Idee vor kurzem bei der Heils­armee, die die Unterkunft in der Feuerwehrkaserne betreiben wird. «Damit, dass so viele Leute spenden würden, habe ich nicht gerechnet. Die Solidarität explodiert gerade regelrecht.» Sie hoffe, dass diese auch längerfristig bestehen bleibe und der momentane «Hype» der Hilfsbereitschaft nicht wieder abflache.

«Es hat sich etwas entladen», sagt Martin Trachsel, der das Zentrum leiten wird. «Die traurigen Bilder von Flüchtlingen in den Medien lösen bei vielen Leuten tiefe Betroffenheit und ein Gefühl der Hilflosigkeit aus.» Dass sich die Flüchtlingskrise quasi vor unserer Haustür abspiele, mache die Situation fast unerträglich, wenn man nicht helfen könne. Der Aufruf zur Kleiderspende sei deswegen fast eine Erlösung gewesen: «Jetzt kann man etwas machen, jetzt kann man etwas geben.» 170 Mails mit der Ankündigung von Spenden habe er auf den Facebook-Aufruf hin erhalten. «Einige Leute führten private Sammel­aktionen durch und bringen nun ganze Autos voller Kleider.» Schon jetzt sei ­absehbar, dass deutlich mehr Kleider als benötigt gespendet werden.

Geldspenden am effizientesten

Trotzdem sei man dankbar für alles und werde die Spenden auch in anderen neuen Aslyunterkünften, etwa in Gümligen und Ringgenberg, verteilen, so Trachsel. Auch freiwillige Mitarbeit in Asylzentren, wie sie bereits jetzt geleistet werde, sei hilfreich. In Kirchgemeinden, zum Beispiel in Bern und Hindelbank, gibt es zudem Begegnungsanlässe. Bei Kaffee und Kuchen sollen sich Asylsuchende und Anwohnerinnen und Anwohner besser kennen lernen.

Velos und Gratiskonzerte

Am effizientesten seien aber Geldspenden an Hilfswerke, sagt Trachsel. «Die grosse Not haben wir nicht hier, sondern an anderen Orten in Europa.» So könne vor Ort Soforthilfe geleistet werden.

Die derzeitige Lage inspiriert auch weitere Hilfsprojekte. Vor Ort helfen möchte Diana Brasey mit ihrer Aktion «Hilfe für Calais». Die Grafikerin und ­Fotografin will Spenden nach Calais schaffen. In der französischen Hafenstadt sitzen viele Flüchtlinge fest, die durch den Eurotunnel nach Grossbritannien gelangen wollen. Für das Projekt gibt es Spendetermine in der ganzen Schweiz, so auch in Bern. An der Lorraine­strasse 15 können unter ­anderem am kommenden Donnerstag ab zwölf Uhr Sachspenden abgegeben werden. «Wir benötigen nicht nur Kleider, sondern auch gut erhaltene Zelte, Schlafsäcke, Decken und sogar Velos», sagt Brasey. Zusätzlich sind Geldspenden vorgesehen, um den Transport nach Calais zu finanzieren.

Die Solidarität mit Flüchtlingen wird in Bern ausserdem musikalisch ausgedrückt: Ab Herbst soll es Gratiseintritte für Flüchtlinge bei Konzerten des ­Konzertveranstalters Bee-flat in der Turnhalle des Berner Progr geben. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.09.2015, 20:36 Uhr

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