«Halleluja», jubeln die Heiligen, «der Dreck ist weg»

Die Restaurierung des 500 Jahre alten Chorgewölbes im Berner Münster steht vor dem Abschluss. Der «Himmlische Hof» ist einer der grössten Schätze Berns.

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Simon Wälti

Nun ist der Schmutz und Staub von Jahrhunderten entfernt: Die Reinigung des Chorgewölbes im Berner Münster nähert sich ihrem Ende, wie die Münster-Stiftung gestern an einer Medienkonferenz bekannt gab. Begonnen hatten die Arbeiten im Herbst 2014. Nun erstrahlt der «Himmlische Hof», wie er auch genannt wird, in alter Pracht. Es handle sich um die originale Farbgebung, sagte Jürg Schweizer, Vizepräsident der Münster-Stiftung und ehemaliger Denkmalpfleger des Kantons Bern.

Es sei aussergewöhnlich, dass die Figuren nie übermalt worden seien. Eine Teilrestaurierung fand 1910/11 statt. Dabei wurde jedoch nur eine oberflächliche Reinigung vorgenommen.

Für die Malerarbeiten zeichnete vor 500 Jahren die Werkstatt von Niklaus Manuel Deutsch verantwortlich, er hat sich mit seiner Signatur verewigt. Es ist anzunehmen, dass der Künstler auch einige der Büsten selber verzierte, welche ist aber nicht bekannt. Für eingefleischte Reformierte ist das Chorgewölbe eigentlich ein Graus, denn es ist ein erzkatholisches Bauwerk mit all seinen Heiligen und Märtyrerinnen, die wohlwollend auf die Gläubigen hinunterblicken.

Vom Bildersturm verschont

1517 wurde der Chor vollendet, also im selben Jahr, in dem Luther seine Thesen gegen den Ablasshandel verfasste, und elf Jahre bevor in Bern durch Beschluss der Obrigkeit die Reformation durchgeführt wurde. Ein gefundenes Fressen für Bilderstürmer, sollte man meinen. Doch die insgesamt 86 Figuren plus das grosse Berner Wappen in der Mitte blieben verschont. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass die Büsten ja hoch über dem Boden der Kirche thronen und damit fast unerreichbar sind. Zudem lief der Bildersturm in Bern nicht blindwütig ab, wie Schweizer erklärte, sondern ein Stück weit pragmatisch. Auch die farbigen Glasfenster oder die Darstellung des Jüngsten Gerichts am Hauptportal des Münsters blieben erhalten.

Einige Schäden weisen die Figuren aber dennoch auf. Sie sind beim Einfügen in das Gewölbe entstanden: So hat Kirchenvater Hieronymus eine Delle im Hut, und Josefs linkem Arm fehlt ein Stück. Besonders traurig wirkt der Heilige Andreas: Um ihn passend zu machen, brachen die Bauarbeiter sein Kreuz ab und schlugen ihm ein Loch in den Kopf.

Gewölbe ist digital zugänglich

Man wolle die Aufmerksamkeit des Publikums zum 500-jährigen Jubiläum auf diese Sehenswürdigkeit lenken und nicht einfach zu Tagesordnung übergehen, sagte Christoph Schläppi, der Präsident des Jubiläumskomitees. Es handle sich um ein ganz ausserordentliches Kunstwerk. Im Münster wurde eine Ausstellung eingerichtet, und das Gewölbe mit seinen prachtvollen und detailreich gestalteten Figuren ist digital zugänglich. Die Figuren lassen sich anklicken und auch dreidimensional betrachten.

Das neue Medium erschliesse die Kunstwerke in bislang nicht dagewesener Qualität, teilte die Stiftung mit. In der zweiten Jahreshälfte wird das Gerüst teilweise entfernt, für das Publikum sind dann das Gewölbe und der Chor von halber Höhe aus zu besichtigen. Im Sommer sollen zudem zwei Sonderbriefmarken der Post erscheinen. Mitte November schliesslich steigt eine Feier zum 500-jährigen Bestehen des Gewölbes.

Dem Chorgewölbe kommt in der Kunstgeschichte eine überragende Bedeutung zu. Die Münster-Stiftung schreibt, dass «der Heiligenhimmel über dem Berner Chor zu den grössten und wertvollsten Beständen spätmittelalterlicher Bildplastik seiner Zeit in Europa» gehört. Die Figuren wurden nicht aufgehängt, sondern eingebaut, es sind eigentliche Schlusssteine, die aus einem Block gefertigt sind. Der Sandstein stammt wahrscheinlich aus dem Steinbruch am Gurten.

Das Chorgewölbe kann interaktiv unter www.bernermuensterstiftung.ch betrachtet werden. Dort gibt es auch Materialien für den Schulunterricht.

Der Bund

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