Hackergruppe hat in Bern Fuss gefasst

Am Warmbächliareal in Bern tüfteln Mitglieder des Chaos Computer Club nicht etwa am Systemumsturz, sondern diskutieren über Netzpolitik oder visualisieren ihre Organe.

Draemmli (rechts) hat seine MRI-Daten zweckentfremdet - um sein Gehirn in 3D zu drucken.

Draemmli (rechts) hat seine MRI-Daten zweckentfremdet - um sein Gehirn in 3D zu drucken.

(Bild: Adrian Moser)

Die meisten Computer, die auf den ­Tischen in der Mitte des Raumes stehen, könnte ein herkömmlicher User nicht gebrauchen: Die Benutzeroberfläche ist völlig entfremdet; kein Windows, kein Mac OS – dafür schwarze Eingabekonsolen und Dutzende Zeilen nackter Codes. In schwindelerregendem Tempo rasen die Finger der Hacker über die Tastaturen; scheinbar magische Tastenkombinationen öffnen Anwendungen, deren Nutzen sich dem ungeschulten Auge nicht erschliesst. Es ist das Reich des Chaostreffs Bern, einer Hackervereinigung, die dem Chaos Computer Club (CCC) angehört (siehe Text rechts). Seit eineinhalb Jahren treffen sich die Tech-Freaks, wie sie sich selber nennen, einmal wöchentlich im Warmbächliareal in Bern

An diesem Abend sind ein gutes Dutzend Leute da, auf dem Mailverteiler sind es über hundert – wie viele Mitglieder die Gruppe zählt, scheint nicht so wichtig zu sein. Kürzlich haben sie einen Verein gegründet. «Das hat in erster ­Linie praktische Gründe», erklärt Jens. Seine Leidenschaft fürs Hacken lässt sich unschwer an seiner Kleidung ablesen – er folgt, wie viele hier, dem inoffiziellen Dresscode der Szene: schwarze Jeans, schwarzer Kapuzenpullover, als Accessoire ein Notebook mit bunten Stickern. Es sei einfacher, den Raum zu mieten, wenn man als Körperschaft auftrete. «Als Verein können wir nun auch die Aktivitäten besser koordinieren.»

Draemmli hat sein Gehirn gedruckt

Organisiert werden etwa Workshops – das Selberbasteln von Hardware, das Modifizieren von Software – oder Vorträge. «Das ist ein Grundprinzip des CCC: die radikale Offenheit», erklärt Kay. Sie ist eines von zwei weiblichen Mitgliedern an diesem Abend, auch sie trägt schwarz. «Wer etwas weiss oder gut kann, soll dieses Wissen auch anderen zur Verfügung stellen.»

Die Anwesenden sind zwischen 20- und 40-jährig, die meisten kommen aus der IT-Branche oder aus dem universitären Umfeld. Neben ihren Rechnern stehen unbekannte Geräte und Gegenstände, Basteleien mit unterschiedlichem Nutzen. Einige dienen zur digitalen Selbstverteidigung: Jens hat in einem kleinen Plastikbehälter Kabel und den Blitzkondensator einer Einweg-Kamera zusammengelötet. «Das ist ein RFID-­Zapper», erklärt er. Mit der Kreditkarte kontaktlos zu bezahlen, sei zwar praktisch. «Es muss aber nur jemand mit einem Lesegerät nahe genug an dich rankommen – und schon bist du 40 Franken los», erklärt er. Solche unerwünschten Chips, die sich mittels elektromagnetischer Wellen identifizieren lassen, könne man mit dem Zapper ausschalten.

Vieles, was die Hacker in ihrem ­Berner Lokaltreff erschaffen, ist aber auch blosse Spielerei. «Es ist, wie wenn man als Kind alle Knöpfe im Lift drückt», erklärt die zweite Frau in der Runde. «Man tut es – einfach weil man es kann.» So hat Draemmli, ein junger Mann mit schulterlangen Locken, kürzlich sein Gehirn ausgedruckt. «Ich musste ein MRI machen lassen. Im Anschluss habe ich für die Daten gefragt.» Diese habe er in eine Animationssoftware eingespeist. Auf seinem Bildschirm kreist ein animierter Schädel, darin eine mit gelben Gefässen durchzogene lila Wolke. «Das visualisierte Datenpaket kann man anschliessend einfach per 3-D-Drucker in ein Modell umwandeln.» Er zeigt ein Foto mit einem faustgrossen Klumpen, der nun deutlich als Gehirn zu erkennen ist.

Wo bleiben die Trojaner?

Der Treff ist aber auch eine Art Stammtisch: Man diskutiert und streitet. Politisch ist er zwar unabhängig – das heisst nicht, dass die CCC-Mitglieder nicht auch politisch aktiv sind: Netzpolitische Themen sind Gesprächsthema Nummer eins; viele haben Unterschriften für das Büpf- und das Nachrichtendienstgesetz-Referendum gesammelt. Dass beide deutlich scheiterten, war für die Szene ein Schock. «Dies bestätigt das fehlende Bewusstsein der meisten User: Sie meinen, sie hätten ja nichts zu verstecken», sagt Jens. Und weil sie ja so «durchschnittlich» seien, kämen sie als Angriffs­objekt sowieso nicht infrage. «Genau das macht sie zum gefundenen Fressen für Betrüger und Erpresser.»

Trotzdem: Vereinigungen wie der CCC hätten über die Jahre viel bewirkt. «Heute löst jede AGB-Änderung von Facebook oder Google in den Medien einen Wirbel aus», sagt Kay. «Vor zehn Jahren hätte das noch niemanden interessiert.»

Workshops, Vorträge, Basteln – das alles will so gar nichts mit Hacken zu tun haben, wie man es aus den Nachrichten oder aus Serien wie «Mr. Robot» kennt: Gehören zum Hacken nicht auch Datenklau, Trojaner, Katz- und-Maus-Spiele mit den Behörden? Darüber kann die Runde nur lachen. «Hacken ist, wenn du dir am Kochherd eine Zigarette anzündest: Wenn du etwas nicht für den vorgesehenen Zweck verwendest», sagt Kay. Und das sei meistens etwas Konstruktives und Kreatives. Alles andere, da ist sich die Gruppe einig, ist kriminell – «Leute, die zerstören, die sich hinter den Daten verstecken und ihre Spuren verwischen, haben im CCC nichts zu suchen», sagt Jens.

Der Bund

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