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Guter Mix darf kein Zufall sein

Berns Altstadt ist eine attraktive Shopping-Mall. Doch das blosse Abkassieren von Mieten ist zu wenig. Es braucht neue Ideen.

Die Altstadt bietet ein besseres Ambiente als manchen Shopping-Mall.
Die Altstadt bietet ein besseres Ambiente als manchen Shopping-Mall.
Adrian Moser

Berns Altstadt ist beliebt. Nicht nur bei Abendverkauf wälzen sich Menschenmassen durch die Gassen – und überqueren sie, sofern es die Tramwand zulässt. Berns Altstadt ist eine Shopping-Mall mit Qualitäten, die in modernen Einkaufszentren erst mühsam entwickelt werden müssen. Doch darf man sich auf den Lorbeeren ausruhen? Auch im «Gäng wie gäng»-Bern wird in der Altstadt nicht alles beim Alten bleiben – selbst wenn der Vergleich mit alten Postkarten den Eindruck vermitteln mag, die Zeit sei stehen geblieben. Die Nutzung der Häuser verändert sich. Einfache Wohnungen wurden zu Luxuslogis aufgemotzt. Antiquariate, Beizen, Andenkenlädeli und alteingesessene Geschäfte sind verschwunden, internationale Modeketten haben sich breitgemacht – dies vor allem in der Oberen Altstadt. Dort sieht es heute streckenweise so aus wie an der Zürcher Bahnhofstrasse, dem Berliner Ku’damm oder an irgendeiner beliebigen Einkaufsmeile rund um den Globus.

Onlinehandel konkurrenziert

Bisher war es keine grosse Kunst, mit Altstadtliegenschaften Geld zu machen. Wer ein Lokal zu vermieten hatte, brauchte einzig den finanziell potentesten Mieter auszusuchen. Häufig war das ein international tätiges Modehaus. C & A oder H & M und andere waren bereit, fast jeden Preis hinzublättern, um an bester Passantenlage vertreten zu sein. Ob das auch künftig so sein wird, ist fraglich. Bald wird Vögele Mode – angesiedelt im unteren bis mittleren Preissegment – nicht mehr vertreten sein. Viele Kundinnen und Kunden kaufen Kleider nicht mehr im Modegeschäft, sondern ordern sie im Internet. Darum haben Pösteler mit ihren vor lauter Zalando-Päckchen fast berstenden Lieferwagen alle Hände voll zu tun. Wenn aber in Ladengeschäften die Quadratmeterumsätze sinken, lassen sich die exorbitanten Mietpreise kaum mehr rechtfertigen – der Markt gibt sie nicht mehr her. Die Mietpreise werden sinken. Kommt hinzu, dass Modeläden nicht mehr drei Etagen mieten, sondern einen überschaubaren Boutique-Raum mit Café-Bar im Erdgeschoss: Hier beäugen Interessenten Musterkleider – durchforsten das grosse Sortiment im Internet und lassen sich die Ware später nach Hause liefern.

Mietzinssenkungen werden plötzlich möglich – und nötig. In manchen Einkaufsstrassen dieser Welt kommt es schon vor, dass ein trendiger Jung-Restaurateur oder eine Kunstgalerie in einer Einkaufsstrasse oder Mall eine Fläche belegen darf, ohne dafür Miete entrichten zu müssen. Der Eigentümer will genau diesen Laden drin haben, weil er für einen guten Mix sorgt und das gewünschte Publikum anlockt. Manchmal lauten die Verträge auch so, dass die Mieten steigen, aber an die Umsätze angepasst. Die Idee: Ein attraktives Geschäft soll nicht durch horrende Mieten abgewürgt werden. Ein Mall-Betreiber kann dies in Eigenregie verfügen, fast wie ein Theaterdirektor, der für sein Haus die richtige Mischung an Stücken anstrebt.

In Bern wäre es schwieriger, wie aus dem im «Bund» publizierten Altstadtplan hervorgeht. Der nach Eigentümern aufgeschlüsselten Karte lässt sich entnehmen, dass unzählige Köche am Werk sind: Burger, Pensionskassen, Kanton, Private, Erbengemeinschaften. Pensionskassen müssen für ihre jetzigen und künftigen Rentner auf Rendite achten. Auch bei Erbengemeinschaften wollen alle etwas vom Kuchen haben. Dies erschwert es, die Vermarktung der Altstadt in einem allgemeineren Interesse zu gestalten – und nicht nur aus der eigenen profitorientierten Froschperspektive.

Gemeinnützige Agentur

Dennoch lanciert der «Bund» eine Idee (siehe «Bund» vom Donnerstag): Eigentümer in der Altstadt schliessen sich in einer Genossenschaft zusammen. Diese übernimmt als übergeordnete Immobilienagentur sämtliche Verkaufsflächen zu einem bestimmten Preis und vermietet sie weiter: grosse Lokale an Toplagen ebenso wie kleine Lädeli in engen Seitengässchen. So würde es möglich, dass ein beliebtes Beizli oder ein Delikatessengeschäft bleiben könnten, auch wenn diese Nutzung niemals die gleichen Umsatzzahlen generiert wie eine Bijouterie oder eine Boutique für Designermode. Alle Genossenschafter dürften sich Ende Jahr auf die Ausschüttung von Überschüssen freuen. Leerstände liessen sich mit originellen Pop-up-Projekten überbrücken.

Sozialistische Planwirtschaft? Mitnichten. Selbst scharf rechnende Entwickler im Ausland tun genau das – im Interesse des Gesamtpakets. Es wäre also angezeigt, dass sich die Innenstadtorganisation Bern City, Eigentümer, Leiste und alle weiteren Betroffenen zusammensetzten. Von Vorteil wäre auch, wenn diese Agentur Hilfe von international erfahrenen Experten in Anspruch nähme. Kenner monieren, dass etwa das Westside zu lange einen suboptimalen Geschäftemix aufgewiesen habe, da man in Bern stets meine, man könne es selbst gut genug. Ebenso medioker sei die «Welle 08/15», wie ein Kritiker die Welle 7 am Bahnhof nennt. Die Altstadt hat Besseres verdient, doch dafür müssen alle Beteiligten von lieb gewonnenen Gewohnheiten Abschied nehmen.

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