Grunzend in den neuen Tag

5–6 Uhr: Während die Flamingos aus dem Schlaf gerissen werden, sucht der Riesenmakifrosch nach einem geeigneten Schlafplatz. Ein Rundgang im Dählhölzli.

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Lisa Stalder

Es ist kurz vor 5 Uhr. Während auf Berns Strassen der Verkehr bereits wieder rollt, herrscht im Dählhölzliwald gespenstische Ruhe. Kein Motorbrummen, kein Hundegebell, kein Vogelgezwitscher. Nur hie und da ein Knacksen im Unterholz. Und es ist dunkel. Die Strassenlampe auf der nahen Quartierstrasse vermag nur die ersten Meter des Waldwegs zu erhellen.

Bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, muss das Handy als Taschenlampe herhalten. Etwas zögerlich geht es in Richtung Tierpark Dählhölzli, wo Zoopädagogin Cornelia Mainini bereits auf den «Bund» wartet. «Noch läuft nicht viel, die meisten Tiere schlafen noch», sagt sie gleich zur Begrüssung.

Gefährlicher Schlaf für Flamingos

Dies ändert sich schlagartig. Plötzlich ist ein lautes, gänseähnliches Tröten zu vernehmen. Die Flamingos sind aufgewacht – und in heller Aufregung.

Sie flattern mit den Flügeln und schreiten nervös durch den Teich. «Sie sind wohl aufgeschreckt worden», sagt Mainini. Vom wem wird sogleich klar: «Da!» Die Zoopädagogin zeigt auf eine getigerte Hauskatze, die um das Gehege schleicht. Als klassische Beutetiere müssten Flamingos immer auf der Hut sein – auch während des Schlafs. «Ein tiefer Schlaf könnte für sie fatal sein.» Nach einigen Minuten hat sich die Aufregung gelegt, die Katze hat sich aus dem Staub gemacht. Nur noch einzelne der rosafarbenen Vögel schreiten durch den Teich. Um 5.08 Uhr ist es wieder still.

Am Tag tarnt sich der Frosch

Auch im Vivarium herrscht Ruhe. Die Totenkopfäffchen befinden sich noch im Tiefschlaf, ebenso die Kaiserschnurrbart-Tamarine. Cornelia Mainini richtet ihre Taschenlampe auf den Boden, denn beim Gang durch das Vivarium ist Vorsicht geboten. Hier leben eine Schildkröte und etliche Geckos ausserhalb der Gehege. Doch heute halten sie sich still.

Nicht so ein anderer Vivarium-Bewohner: «Aha, er ist noch wach», sagt die Zoopädagogin und bleibt vor einem Terrarium stehen. Ein Riesenmakifrosch klettert gemächlich einen Ast empor, dreht sich um und starrt die Eindringlinge lange an. Der nachtaktive Frosch ist auf der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz, wo er die Stunden bis zum Eindunkeln verbringen wird. Hat er diesen gefunden, wird er für die Besucherinnen und Besucher nur noch schwer zu erkennen sein. Dies, weil er sich derart eng an den Ast klammert, dass sein heller Bauch nicht mehr zu sehen sein wird.

Und der dunkelgrüne Rücken ist leicht mit seiner Umgebung zu verwechseln. Tagsüber sind es vielmehr die Mitbewohner des Froschs, die Rotkehlanolis, welche die Blicke auf sich ziehen. Eine dieser Echsen liegt im Moment mit geschlossenen Augen auf einem Blatt. «Der ist noch tief am ‹pfuuse›», sagt Mainini.

Die verschlafenen Ziesel

Mittlerweile ist es 5.23 Uhr. Der Tag ist langsam am Erwachen – und mit ihm zahlreiche Tierpark-Bewohner. Die Seehunde schwimmen bereits ihre Runden, der Elch stapft langsam durch sein Gehege und gibt fast schon weinerliche Laute von sich, eine Wildkatze sitzt wachsam auf einem künstlichen Felsen und überblickt ihr Revier.

Noch kein Betrieb herrscht hingegen bei den Zieseln im Gehege. Sie seien nie vor Sonnenaufgang aktiv, sagt Mainini. Sowieso handelt es sich bei den kleinen Nagern um ein ziemlich verschlafenes Völkchen: Rund sieben Monate im Jahr sind sie am Schlafen. Schon in wenigen Wochen werden sie sich wieder in den Winterschlaf verabschieden.

Sadegh ruft zur Tagwacht

Plötzlich durchbricht ein lautes Grunzen die frühmorgendliche Stille. Die Moschusochsen sind aufgewacht. Während die beiden Jungtiere bereits ausgiebig herumtollen, kommen die Erwachsenen nur langsam in die Gänge.

Saphira und Sadegh hingegen kennen keine Startschwierigkeiten: Die beiden Leoparden rennen wie wild durch das Gehege. Besonders Saphira ist kaum zu bremsen: Sie springt mehrfach gegen das Gitter, lässt sich anschliessend nach hinten fallen und vollführt regelrechte Purzelbäume. Das Leopardenweibchen sei nicht immer so aufgedreht, sagt Mainini. «Es sind wohl die Hormone», sagt sie und lacht vielsagend. Es sei anzunehmen, dass Saphira trächtig sei. Dies, nachdem die beiden Tiere Anfang Juli zusammen­geführt worden waren.

Es ist schliesslich Sadegh, der die Nachtruhe kurz vor 6 Uhr mit seinem lauten Gebrüll endgültig beendet: Hunderte Krähen fliegen auf einen Schlag aus ihren Schlafbäumen, aus dem Wisentgehege ist ein lautes Röhren zu hören, die Enten im Moschusochsengehege quaken.

Auch ausserhalb des Tierparks hat das Erwachen begonnen: In der Ferne sind die Hochhäuser Waberns zu sehen, in drei Fenstern brennt das Licht. Und auf den Waldwegen sind sie bereits wieder unterwegs, die Joggerinnen und «Hündeler».

Der Bund

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