Grosse Tram-Koalition kämpft 
gegen ein Bündnis der Aussenseiter

Politik

Für und gegen das 10er-Tram verbünden sich politische Lager, die sich ansonsten bekämpfen.

Für die Tramführer auf der Linie 10 wäre die Fahrt über die Kornhausbrücke ihr täglich Brot.

Für die Tramführer auf der Linie 10 wäre die Fahrt über die Kornhausbrücke ihr täglich Brot.

(Bild: Thomas Reufer)

Simon Thönen@SimonThoenen

Die Mitgliederliste des Unterstützungskomitees für Tram Region Bern ist ein Register der politischen Prominenz im Staate Bern. Für einmal ziehen rot-grüne und bürgerliche Schwergewichte wie zum Beispiel VCS-Präsidentin Evi ­Allemann und die Nationalräte Christian Wasserfallen (FDP), Urs Gasche (BDP) und sogar Nadja Pieren (SVP) am selben Strick – für das 10er-Tram. Wäre allein die politische Breite ausschlaggebend, dann würden die Befürworter die Abstimmung über Tram Region Bern vom 28. September locker gewinnen.

Der Komiteepräsident und ehemalige Gemeindepräsident von Muri, Hans-Rudolf Saxer (FDP), äussert sich vorsichtig. «Man darf das Fell nicht verteilen, bevor der Bär erlegt ist.» Immerhin zeige die sehr breite politische Allianz der Befürworter, so Saxer, «dass wir ein sehr gutes Argumentarium haben». Dass Politiker, die sich in der Regel bekämpfen, gemeinsam für Tram Region Bern einstehen, sieht er als Stärke. «Es ist genial, dass man die ideologischen Schützengräben verlassen hat und sich partnerschaftlich für diese wichtige Sachvorlage engagiert.»

Bürgerliche Opposition in Köniz

Über Tram Region Bern entscheidet am 28. September allerdings das Volk in den drei beteiligten Gemeinden – und hier ist die politische Ausgangslage sehr unterschiedlich. In Ostermundigen hat die Argumentation des Pro-Komitees, dass das Tram sowohl aus rot-grüner wie aus bürgerlicher Sicht eine gute Sache sei, das Gemeindeparlament voll überzeugt: Es empfahl mit 31 zu 1 Stimme bei einer Enthaltung ein Ja zum 10er-Tram. Im Könizer Parlament hingegen opponierten die grossen bürgerlichen Parteien gegen das Tramprojekt, es resultierte ein nur knappes Ja – im Abstimmungskampf werden Rot-Grün und Mitte für, die Rechte gegen das 10er-Tram kämpfen.

Speziell ist die Ausgangslage in der Stadt Bern. Sie ist die Schlüsselgemeinde: Lehnt das Stadtvolk das 10er-Tram ab, dann ist das Projekt gescheitert. Sollten aber Bern und eine der zwei Vorortsgemeinden zustimmen, dann wird das 10er-Tram zumindest zur Hälfte realisiert. Im Berner Stadtrat votierte eine überwältigende Mehrheit von Rot-Grün und politischer Mitte bis hin zur BDP fürs 10er-Tram. Dagegen waren die Aussenseiter zur Linken und zur Rechten: die kleine linke Opposition, die SVP und in ihrem Schlepptau ein grosser Teil der FDP-Fraktion.

SVP Seite an Seite mit Kommunist

In der Stadt Bern ist die politische Spannweite der Gegner des 10er-Trams damit noch grösser als diejenige der ­Befürworter: In der Gegnerschaft zum Tram sehen sich politische Erzfeinde wie der einzige Kommunist im Stadtrat, Rolf Zbinden, und SVP-Wortführer Alexander Feuz auf derselben Seite – ein ­solches Zusammengehen wird meist mit dem Bonmot umschrieben: «Die ­Ex­treme berühren sich.»

Feuz sieht das anders. «Ich habe absolut kein Problem damit, mit Rolf Zbinden oder Luzius Theiler diesmal einer Meinung zu sein», sagt er. «Es geht um die Sache. Und da sind wir uns alle einig, dass das vorliegende Tramprojekt die schlechteste Lösung ist.» Es ist natürlich die Stärke der Allianz der politischen Aussenseiter, dass sie Unmut ­aller Art über das Grossprojekt bündeln kann. Sie passt damit zur «Interessen­gemeinschaft Tram Region Bern – so nicht», die sich als Dachorganisation für Bürgerprotest gegen das 10er-Tram ­versteht.

Ihre Schwäche ist, dass die Gegner sehr unterschiedliche Vorstellungen haben, was denn eine bessere Alternative zum Tram sein könnte. Die von Feuz propagierten Megabusse bezeichnet zwar auch Christa Ammann, Stadträtin der Alternativen Linken, als «sinnvoller als das Tram, weil sie flexibler einsetzbar sind». Doch die Wachstumskritikerin will das Verkehrsproblem sehr viel grundsätzlicher angehen. «Die Stadt­entwicklung müsste so geplant werden, dass Arbeit, Wohnen und Freizeit möglichst nahe beieinander liegen und die Menschen nicht zum Pendeln gezwungen sind.» Der Autoverkehr müsse «stark eingeschränkt und das Velo als umweltfreundlichstes Verkehrsmittel bevorzugt werden». Dies sind nicht gerade die verkehrspolitischen Prio­ritäten der SVP.

VCS und Autolobby pro 10er-Tram

Die Befürworter dagegen können mit dem 10er-Tram eine fertig ausgearbeitete Lösung für das Problem der völlig überlasteten Buslinie zwischen Ostermundigen und Köniz vorweisen. Und eine Sachvorlage, die verkehrspolitisch breit abgestützt ist. «Die unseligen Grabenkämpfe zwischen Auto und öffentlichem Verkehr sind vorbei», sagt Saxer. «Gerade in der Wirtschaft ist das Bewusstsein vorhanden, dass neben der Strasseninfrastruktur auch ein gut funktionierender ÖV ein wichtiger Standortfaktor ist.» In der Tat hat sogar die Sektion Bern-Mittelland des Autoclubs TCS die Ja-Parole zum 10er-Tram beschlossen. Deren Präsidentin Sibylle Plüss engagiert sich im Pro-­Komitee.

Ebenso die kantonale Präsidentin von Pro Velo, die Grüne Regula Tschanz. Die regionale Sektion von Pro Velo beschloss hingegen Stimmfreigabe. Zwar räumt die regionale Velolobby ein, dass das Tramprojekt für Velofahrer Verbesserungen bringe – aber auch Abschnitte, «die nur auf sehr gefährliche Art und Weise überquert werden können».

Der VCS als wichtigste Lobby des öffentlichen Verkehrs kämpft entschlossen für das 10er-Tram und hat mit anderen Umweltverbänden ein eigenes Pro-Komitee gegründet. «Wir bestreiten nicht, dass das 10er-Tram wie jedes Grossprojekt auch Negativpunkte aufweist», sagt VCS-Geschäftsleiterin Stéphanie Penher. «Unter dem Strich ist das Tram aber die ökologischere Lösung.» Mit einer attraktiven Tramlinie könnten Autofahrer zum Umsteigen auf den ÖV bewegt werden. «Die 2010 ein­geweihten Tramlinien nach Bern-West haben gezeigt, dass dies funktioniert.»

Der Bund

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