Zum Hauptinhalt springen

Grosse Halle besetzt von «Wohlstandsverwahrlosten»

Für Aktivisten ist der Raum um die Reitschule zu kommerziell.

Die Grosse Halle ist aus Protest besetzt worden.
Die Grosse Halle ist aus Protest besetzt worden.
Sophie Reinhardt

Seit gestern hängt an der Grossen Halle ein Transparent: «Besetzt». Nur, vor Ort wies gestern wenig auf die Besetzung hin. Aus der Halle waren am Nachmittag dumpfe Bässe zu hören – die grossen Türen aber blieben verschlossen. Einzig ein Flyer wies neben dem Banner darauf hin, dass ein Kollektiv, das sich «die Wohlstandsverwahrlosten» nennt, die Halle besetzt hat. «Ebendiese Halle haben wir der Stadt Bern enteignet und geöffnet für uns. Uns: alle Menschen, die in diesem Raum ihre Kraft, ihre Zeit und Ideen einbringen wollen», hiess es auf einem an der Tür angebrachten Flyer.

Die Aktion scheint schon länger geplant: Das «Megafon», die Zeitschrift der Reitschule, gab zum Anlass extra ein «Extrablatt» heraus. Darin dürfen die «Besetzer» ein Interview geben und erläutern, dass ihnen die Grosse Halle zu kommerziell genutzt werde. Mit den Technopartys spreche sie den «Massengeschmack an, statt als Freiraum zu dienen», sagte eine Besetzerin im Gespräch. Auch das Onlinemagazin «Journal B» traf die Besetzer zum Interview, bevor jene die Halle überhaupt in Beschlag genommen hatten.

Die Grosse Halle und die Reitschule gehören zum selben Gebäudekomplex, sind aber unabhängig voneinander. Die Halle wird von einem Trägerverein verwaltet, in der Vertreter der Stadt Bern, der Interessensgemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) und Einzelpersonen sitzen. Die Stadt Bern als Eigentümerin der Räumlichkeiten wurde über die Besetzung nicht informiert.

Der Vorstand der Grossen Halle kritisiert die Besetzung gestern in einer Stellungnahme. Mit ihnen hätte vorgängig niemand das Gespräch gesucht. Zudem teile man die Haltung der Besetzer nicht, dass Kultur gratis sein solle. Man sei nun aber im Gespräch mit dem Besetzerkollektiv, um eine konstruktive Lösung zu finden, heisst es in der Mitteilung.

Besetzer auf SVP-Linie

Auch die geplante Sanierung der Grossen Halle kritisieren Mitglieder des Kollektivs «die Wohlstandsverwahrlosten». Der Stadtrat verabschiedete letzten Frühling einen Kredit von 3 Millionen Franken für Bauarbeiten an der Reitschule – mit dem grössten Teil des Geldes soll die Grosse Halle saniert werden. Die SVP ergriff aber erfolgreich das Referendum gegen den Sanierungskredit, weshalb nun das Berner Stimmvolk am 10. Juni das letzte Wort hat. Bei der Frage um die Renovation scheinen die SVP und die reitschulnahen Besetzer sich sogar einig. Im Interview mit dem «Megafon» sagt eine Besetzerin, dass sie der Sanierung kritisch gegenüberstehe, da die Grosse Halle durch die Bauarbeiten «aufgewertet» und «luxussaniert» werde. Auch Erich Hess (SVP) twitterte gestern, dass die Stadt Bern die Reitschule mit einem Baukredit «vergolden» wolle.

Programm wie bisher

Die besetzte Halle solle ab heute vorerst für fünf Tage mit Bar, Bühne, Küche und Sportfeld für alle nutzbar werden, heisst es im «Megafon». Paradox daran: Die Besetzer bieten fast dasselbe Programm an, das die eigentlichen Betreiber der Halle mit dem Restaurant Blinde Kuh, Konzerten und den Sportanlässen für Jugendliche bereits ermöglichen. Sogar der bekannte Flohmarkt soll wie geplant abgehalten werden, mit der Ausnahme, dass die Besetzer keine Standgebühr verlangen wollen.

Bereits mehrmals ernteten die Betreiber der Grossen Halle aus linksautonomen Kreisen Kritik: Die Partys mit hohen Eintrittspreisen, die in der Halle veranstaltet worden sind, wurden als Kommerzialisierung des Freiraums Reitschule bezeichnet. In diesem Konflikt ist es auch schon zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen. 2012 hat eine Gruppe mit Eisenstangen, Gittern und Pfefferspray bewaffneter Jugendlicher eine Elektroparty in der Grossen Halle gestürmt. Zwei Jahre später drangen erneut vermummte Aktivisten in die Halle ein, um einen Technoabend zu stören und die Türen für alle zu öffnen. Kurz davor hatten sie ein Transparent mit der Aufschrift «Heute gratis, bald für immer?» angebracht.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch