Gräve schreibt

Die freigestellte Schauspieldirektorin Stephanie Gräve meldet sich zurück. Sie berichtet von einer «beglückenden Erfahrung».

Verteidigt das Theater: Die ehemalige Berner Schauspieldirektorin Stephanie Gräve.

Verteidigt das Theater: Die ehemalige Berner Schauspieldirektorin Stephanie Gräve. Bild: Manu Friederich

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was denkt sich jemand, den man erst nach Bern holt, als bestmögliche Wahl, wie es heisst, dann aber vor die Tür setzt, kein halbes Jahr später, von einem Tag auf den andern – was denkt sich so jemand über diese Stadt? Stephanie Gräve also, die freigestellte und mittlerweile vormalige Leiterin der Schauspielsparte am Stadttheater – sie schwärmt von Bern. Und sie verteidigt das Theater. Nicht dessen Verantwortliche. Aber die Institution.

«Die Leute hier wollen gefordert werden. Ich denke, wir können ästhetisch noch viel weiter gehen. Irgendwas scheint zu stimmen im Wärmehaushalt zwischen uns und der Stadt.» So steht es in Gräves «Berner Arbeitsbuch», ihren rückwirkend verfassten Beobachtungen, die das Onlinemagazin «Journal B» auszugsweise veröffentlicht; nach der ersten Folge am Mittwoch soll heute die vierte und letzte erscheinen.

Gräve berichtet von ihren Besprechungen mit Autoren, Regisseuren und Schauspielern. Von Projekten, die nun nicht stattfinden – oder nicht mehr unter ihrer Leitung. Von ihren An­sprüchen ans Theater. Und immer wieder von einer Stadt, in der sie eine «be­glückende Erfahrung» gemacht hat: Entgegen allen Warnungen sei Bern «offen» und «diskussionswillig». Derart willig, dass selbst ein Regisseur wie Ulrich Rasche mit seinen «formstrengen, durchkomponierten Oratorien» hier ganze hundert Minuten Konzentration bekomme. Und dann «heftigen Applaus»; so wie an der Premiere seiner Inszenierung des «Erdbebens in Chili». Sogar vor den organisierten Publikumsgesprächen habe man sie gewarnt, berichtet Gräve. Aber ebenfalls grundlos. Jenes zu «Hiob» sei nur wegen des Feierabends der Techniker zu Ende gegangen, nach 23 Uhr; mit einer Fortsetzung auf dem Weg zur Bushaltestelle.

Wozu die ganze Liebeserklärung – nach einem Konflikt, der Stephanie Gräve die Stelle gekostet hat? «Wir wollten ihr eine Gelegenheit geben, zu erklären, was sie in Bern alles geleistet und vorgehabt hat.» So begründet Christoph Reichenau, früher städtischer Kultursekretär, heute redaktionell verantwortlich für «Journal B», die Offensive. Gräves Verdienste seien in der ganzen Diskussion zu kurz gekommen. «Und gedankt hat ihr auch niemals jemand.»

Insofern versteht Reichenau das «Arbeitsbuch» auch als Gelegenheit zur «Rehabilitierung». Gräves Nachfolger sei zwar gewählt (Cihan Inan, der «Bund» berichtete). Erledigt sei die Affäre damit allerdings nicht: Die fristlose Freistellung sei ein «Unrecht, das die Verantwortlichen nie zurechtgerückt haben», so Reichenau. Zum einen habe der Stiftungsrat nie ernsthaft versucht, im Konflikt zwischen der Schauspielleiterin und dem Intendanten Stephan Märki zu vermitteln. Zum anderen habe er Märki nicht korrigiert, als er Gräve öffentlich die ganze Schuld am Zerwürfnis gegeben habe.

Das Zerwürfnis selber ist freilich kein Thema in ihrem «Arbeitsbuch». Auf Indiskretionen aus dem Betrieb verzichtet sie, auch auf Vorwürfe an die Verantwortlichen. (Es gibt nur den Moment, da Intendant Märki in seiner Rede nach der Premiere die Begeis­terung über das «Erdbeben in Chili» nicht teilt.) Und die Rehabilitierung? Das sei nicht unbedingt ihr Anliegen, sagt Stephanie Gräve. Vielmehr sei es der Versuch, mit dem «Schmerz» fertig zu werden: «Ich hatte es noch nie irgendwo besser mit dem Publikum als in Bern.» Und der Schmerz sei der, dass sie hier nicht mehr Zeit bekommen habe; mit dem Publikum und mit dem Theater. «Ich hätte gern mehr von meiner Überzeugung verwirklicht, dass Theater etwas gesellschaftlich Relevantes, etwas Politisches sein muss.»

Immerhin ist das genau das Argument, mit dem Gräve nun sogar die Insti­tution verteidigt, die sie verstossen hat. Neben dem «Arbeitsbesuch» hat sie, ebenfalls in «Journal B», für die öffentliche Finanzierung des Stadttheaters plädiert: «Wozu Theater?» Nicht zur «bürgerlichen Selbstvergewisserung», so ihre Antwort. Sondern weil und sofern es «Widersprüche und Konflikte, Missstände zu thematisieren wagt». Und zwar als «gesellschaftliches Zentrum für die ganze Stadt, nicht für eine Elite». Darum brauche Bern ein «echtes Hauptstadttheater» mit «Kunst auf hohem Niveau». Und darum müsse man «auch das offen aussprechen dürfen: Konzert Theater Bern ist nicht luxuriös finanziert.»

Dass so ein Theater umgekehrt seine «Unverzichtbarkeit für die Gesellschaft» unter Beweis stellen müsse, ist freilich nur das eine. Das andere ist, «dass es mit den ihm anvertrauten Ressourcen verantwortlich umgeht». Ob Gräve hier, nach dem Fall Gräve, doch noch etwas zwischen die Zeilen geschrieben hat – das lässt sie offen. So oder so: Die ganze Affäre hat genau jene Verantwortlichkeit mittlerweile zum politischen Thema gemacht. (Der Bund)

Erstellt: 17.09.2016, 08:59 Uhr

«Intransparente Doppelrolle» bewilligt vom Gemeinderat

Der Gemeinderat findet es nicht problematisch, dass sich Stiftungsräte einer durch Steuern finanzierten Institution selbst Aufträge vergeben. Das geht aus der Antwort auf einen Vorstoss von Stadträtin Gisela Vollmer (SP) hervor. In einer Kleinen Anfrage wollte Vollmer wissen, ob juristische Mandate des Konzert Theater Bern (KTB) extern vergeben werden müssten.

Der Auslöser für ihre Anfrage war, dass KTB-Stiftungsrat und Rechtsanwalt Marcel Brülhart die Verhandlungen um die freigestellte Schauspielchefin Stephanie Gräve für das Stadttheater führte. Stiftungsratpräsident Benedikt Weibel hatte danach im «Bund» gesagt, man werde Brülhart für seinen Aufwand entschädigen. Doch dann krebste der Stiftungsrat zurück. Brülhart werde keine Rechnung für seine Tätigkeit als Anwalt stellen, teilte das Stadttheater in einem Communiqué mit. In der jetzt vorliegenden Antwort schreibt der Gemeinderat, dass juristische Mandate durchaus an Mitglieder des Stiftungsrates vergeben werden können, «die dafür entschädigt werden können, aber nicht müssen».

An der Antwort stört sich Vollmer: «Das ist für mich problematisch, weil damit intransparente Doppelrollen mit entsprechenden Abhängigkeiten möglich werden», so die Stadträtin. Auch über weitere Ausführungen ärgert sie sich. Sie wollte wissen, ob im Stiftungsrat nicht auch auf eine angemessene Vertretung von Kulturschaffenden zu achten sei. Es brauche Sachverständige, die den Betrieb von innen kennen würden, argumentiert sie. Der Gemeinderat entgegnet Vollmer, die Anforderung sei «ein zu grosser Anspruch». Das sei eine Abwertung vieler Kulturschaffender, die in ähnlichen Positionen gute Arbeit leisteten, so Vollmer gestern auf Anfrage.

Der Stiftungsrat hat sieben Mitglieder. Die Finanzierungsträger Stadt Bern und die Regionalkonferenz Bern-Mittelland bestimmen je eines, der Kanton zwei. Die restlichen drei werden gemeinsam bestimmt. (sie)

Artikel zum Thema

Marcel Brülhart erhält kein Honorar

Schadensbegrenzung im Fall Gräve/Märki: Das Stadttheater Bern tritt der Kritik aus der Politik entgegen. Mehr...

Der Fall Gräve bleibt auf dem politischen Parkett ein Thema

Obwohl der Vertrag mit der Berner Theater-Chefin aufgelöst wurde, ist der Fall politisch noch nicht abgeschlossen. Mehr...

Offene Rechnungen

Nach dem Rauswurf am Stadttheater nun die Auflösung ihres Vertrags: Schauspielchefin Stephanie Gräve erhält ungefähr 200'000 Franken. Sie wirft dem Intendanten Rufschädigung vor. Mehr...

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Immobilien

Die Welt in Bildern

Schmucke Brille: Ein Model führt in Mailand die neusten Kreationen von Dolce und Gabbana vor. (24. September 2017)
(Bild: Antonio Calanni/AP) Mehr...