«Government-Bashing ist sehr en vogue»

Für Adrian Ritz, Professor für Public Management an der Universität Bern, sind Lohndeckel bei Verwaltungen nur schwer zu rechtfertigen.

Könnte es sein, dass Alec von Graffenried (rechts) als Stadtpräsident weniger verdienen wird, als ein Chefbeamter? Bei der Schlüsselübergabe im Erlacherhof.

Könnte es sein, dass Alec von Graffenried (rechts) als Stadtpräsident weniger verdienen wird, als ein Chefbeamter? Bei der Schlüsselübergabe im Erlacherhof. Bild: Adrian Moser (Archiv)

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Herr Ritz, in der Stadt Bern gibt es seit 2004 einen Lohndeckel: Lohnerhöhungen für Angestellte sind nicht mehr möglich. Wie beurteilen Sie diesen Umstand?
Der Lohndeckel umfasst zwei unterschiedliche Themen: die Gehälter der Exekutivmitglieder und die Gehälter der Verwaltung. Die Verwaltung wartet nun hinter dem Gemeinderat auf Gehaltsanpassungen – dabei sollte sich der Lohndeckel gerade gegen den Gemeinderat richten. Man kann durchaus fragen, wie sinnvoll dieses System noch ist.

Eine Motion des Grünen Bündnisses sieht vor, bei der Lohnerhöhung den Gemeinderat auszuklammern. Ist das besser?
Ja, damit würden die zwei Themen getrennt und Anpassungen bei der Gehaltsstruktur in der Verwaltung wären wieder möglich.

Ein Chefbeamter könnte so mehr verdienen als der Stadtpräsident. Was halten Sie davon?
Mir fehlt es hier an der Begründung: Ist das Exekutivamt anspruchsloser als der Job eines Spitzenbeamten? Oder ist die Arbeit des Gemeinderats weniger wichtig als die einer Kaderperson? Es geht um Symbolik: Man will keine exorbitanten Löhne. Eine Rechtfertigung wäre, dass ein Regierungsamt auch anders entlöhnt wird, etwa durch Einfluss und Status. Die Motivation, sich für Interessen bestimmter Gruppen oder Parteien einzusetzen, wird also nicht durch Geld abgegolten. Vor allem in kleineren Gemeinden wird es effektiv zum Problem, weil sie ohne vergleichbares Gehalt niemanden mehr finden, der für das Amt qualifiziert ist.

Wie steht die Berner Stadtverwaltung im Vergleich mit anderen Städten da?
Mit einem Maximallohn von rund 225'000 Franken sind die Berner Löhne vergleichbar mit jenen anderer Städte.

Ist der Lohndeckel nicht auch Ausdruck eines Trends, die eigene Regierung schlechtzureden?
«Government-Bashing» ist sehr en vogue. Es ist einfach, Regierung und Verwaltung schlechtzureden, die Ressourcen zu kürzen und anschliessend die mangelnde Leistung wieder zu kritisieren. Aber irgendwann wird es problematisch. Eine gute Verwaltung garantiert Stabilität, und dafür sind qualifizierte Personen entscheidend. Vertrauen der Bevölkerung in das Gemeinwesen entsteht gerade durch unabhängige Expertenarbeit der Verwaltung. Die Qualität der Verwaltung ist eine zentrale Rahmenbedingungen des Erfolgsmodells Schweiz.

Ist Sparen also grundsätzlich Gift für eine Verwaltung?
Ich bin nicht dagegen, dass man in diesem Bereich spart. Aber Sparen per se ist letztlich kein politisches Programm. Es geht dabei immer auch um Aufgabenkürzungen.

Gegner der Lohn-Blockade argumentierten stets, ohne entsprechenden Lohn liessen sich keine guten Kaderleute finden. Trifft das zu?
In einem ausgetrockneten Arbeitsmarkt muss man sich von anderen abheben können. In Bern befinden sich einige attraktive Arbeitgeber wie die Post oder die SBB. Gegen die kämpft die Stadt an. Studien belegen, dass der Lohn gerade bei der Besetzung von Kaderpositionen eine wesentliche Rolle spielt. Unter Umständen kommt man nicht mehr an die Wunschkandidaten ran. Kriegt man die Nummer zwei oder drei, ist das verschmerzbar. Doch wenn gewisse Spezialistenjobs nicht mehr besetzt werden können, dann kann man die Lohnhöhe nicht einfach ausblenden.

Kann eine Stadt wie Bern überhaupt mit der Privatwirtschaft mithalten, was die Löhne angeht?
Das kommt auf den Vergleichsbetrieb an. Im KMU-Bereich schon, gegenüber den Grossbetrieben in Bern wird es eng. Bei mittleren und oberen Gehaltsklassen gibt es in der Verwaltung tiefere Löhne als in Privatwirtschaft. In den tieferen Gehaltsklassen ist der Lohn höher als in der Privatwirtschaft. Da zeigt sich das Verständnis des Staates als sozialer Arbeitgeber. Und Lohnscheren, die in der Privatwirtschaft teilweise fragwürdige Ausmasse annehmen, betragen in Verwaltungen im Schnitt 1:5. Ebenso gibt es keine Boni-Kultur in der Verwaltung. (Der Bund)

Erstellt: 08.04.2017, 08:24 Uhr

Adrian Ritz, Professor für Public Management an der Universität Bern (Bild: zvg)

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