Glotzen

«Poller»-Kolumnistin Gisela Feuz ärgert sich über schamlos starrende Menschen.

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Lieber Mann im Zug,

du bist auch einer von denen, gell. Einer von denen, welche während einer Zugfahrt offenbar nur zwei Arten von Zeitvertreib kennen: Menschen anglotzen und Dinge sagen, die so offensichtlich sind, dass man sie höchstens dann aussprechen müsste, wenn Blinde anwesend wären. In deinem Fall war aber niemand mit Sehbehinderung beteiligt, sondern nur deine Begleiterin, von der ich jetzt mal annehme, dass sie mit zwei primatipptopp funktionierenden Augen ausgestattet ist.

Erstens war sie nämlich gerade dabei, ein Heftli zu lesen, und zweitens schaute sie dann sehr interessiert von demselbigen auf, als du sie in die Seite knufftest und auf mich zeigtest. «Läck, isch die gross», sagtest du. Die Augen fielen dir fast aus dem Kopf, und zwar während der ganzen Zugfahrt von Zürich nach Bern.

Lieber Mann im Zug, du hast recht. Ich bin aussergewöhnlich gross für eine Frau. 188 cm. Toll erkannt, starke Leistung, dafür gibts ein Sächsi Usruef. Allerdings ist mir meine Körpergrösse lästig. Nein, nicht weil ich gesundheitliche Probleme hätte. Meine sterbliche Hülle funktioniert so weit einwandfrei. Höchstens die Leber klönt ab und an, aber hey, da muss die olle Schrumpeldrüse nun mal durch. Nein, auch nicht wegen der langen Beine. Es ist zwar mühsam, eine passende Hose zu finden, aber Kleiderkaufen ist für viele Menschen eine Tortur, welche im Shoppen nicht ihren Lebenssinn gefunden haben. Meine Körpergrösse ist schlicht und einfach aus dem Grund lästig, weil viele Schweizer und Schweizerinnen wie du funktionieren, lieber Mann im Zug.

Jedes Mal, wenn ich aus fremden Landen heimkehre, stelle ich fest: Glotzen ist das helvetische Hobby Nummer eins. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass, wenn es eine Weltmeisterschaft im Glotzen gäbe, Schweizer und Schweizerinnen durchaus intakte Chancen auf eine Goldmedaille hätten. Alles, was sich aus irgendeinem Grund ausserhalb der gängigen Norm bewegt, wird hierzulande hemmungslos niedergeglotzt. Dicker Hintern?

Glotzen. Dunkle Hautfarbe? Glotzen. Kleiner Mann? Glotzen. Alki? Glotzen. Rollstuhl? Glotzen. Schwules Pärchen? Glotzen. Grosse Frau? Glotzen.

Glotzen ist nicht nur höchst unanständig, sondern verunsichert auch, und zwar das Objekt der Glotzbegierde. Darum bin ich dafür, dass Leute wie du, lieber Mann im Zug, geblendet werden. Doch, doch, genauso wie im Mittelalter. Zugespitzter Holzspeer, im Feuer zum Glühen bringen, und dann zack und zack, beide Augen rausbrennen. Stell dir vor, lieber Mann im Zug, so geblendet hättest du nicht mehr glotzen und ich mich nicht mehr unwohl fühlen müssen. Wer weiss, vielleicht wären wir beide ins Gespräch gekommen und hätten uns über richtig interessante Dinge unterhalten.

Zum Beispiel über wissenschaftliche Studien, die du in Brailleschrift gelesen hättest. Vielleicht ja sogar über die aussergewöhnlich hohe Anzahl von 12 Farbrezeptoren in den Facettenaugen von Fangschreckenkrebsen. Wir Menschen haben ja nur drei davon (Rezeptoren, nicht Facettenaugen) und zurzeit rätselt die Fachwelt noch, wie die Fangschreckenkrebse die ganzen komplexen Informationen überhaupt in ihren Hirnen verarbeiten können. Man geht davon aus, dass Vertreter dieser Krebssorte, die übrigens aussehen wie die evolutionären Vorläufer von Clowns, mit Effizienz zur Sache gehen. Sprich: nur das wahrnehmen, was richtig wichtig ist in ihrem Leben. Im Fall der Fangschreckenkrebse: Fressen.

Lieber Mann im Zug, nein, liebe Glotzer und Glotzerinnen im Allgemeinen, tut es doch zukünftig den Fangschreckenkrebsen gleich, ja? Setzt eure Blicke mit Effizienz ein und begutachtet nur diejenigen Dinge ausgiebig, die richtig wichtig und spannend sind. Bücher zum Beispiel. Oder miera auch eine Cremeschnitte.

Danke & beste Grüsse,

Eure Frau Feuz

PS: Aufgrund besserer Ernährung, medizinischer Versorgung und allgemein verbesserter Lebensumstände nimmt die durchschnittliche Körpergrösse in Europa stetig zu. Gewöhnt euch also dran! derpoller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 11.04.2018, 06:54 Uhr

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