«Gleichzeitig Träumer und Pragmatiker sein»

Der Berner Querdenker Sam Nüesch hat gelernt, sein Leben umzukrempeln; als einer der ersten Absolventen der Berner Kaospilotenschule.

Sam Nüesch hat seien Platz in der Gesellschaft gefunden.

Sam Nüesch hat seien Platz in der Gesellschaft gefunden. Bild: Valérie Chételat

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«Mögen Sie das Abenteuer? Sind Sie bereit zu lernen, zu wachsen und sich zu verändern?» Die Internetseite der Kaospiloten verspricht eine Ausbildung zur kreativen Führungsperson. Schon beim Betreten der Räumlichkeiten in der ehemaligen Druckmaschinenfabrik Wifag im Berner Wylerquartier wird klar: Diese Schule ist anders. Während dreier Jahre absolvieren hier rund 40 Studierende die Vollzeitausbildung zum Kaospiloten – obschon diese in der Schweiz nicht offiziell anerkannt ist.

Kostenpunkt: 16'000 Franken pro Jahr.Türen gibt es wenige, Wände ebenso wenig, dafür Yogamatten und gemischte Toiletten. Dennoch hat diese Ausbildung bereits Topmanager von Novartis dazu bewegt, alles hinzuschmeissen um hier neu anzufangen. Auch der Emmentaler Sam Nüesch hat dies getan. Für ihn «passt hier alles zusammen». Der 36-Jährige aus Linden gehört zum ersten Jahrgang der Schweizer Kaospilotenschule. Am kommenden Mittwoch wird den Absolventen im Progr ihr Diplom überreicht.

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Kaospilot zu werden sei letztendlich «eine der besten Entscheidungen seines Lebens» gewesen. Davor schien der studierte Philosoph permanent auf der Suche nach seiner Bestimmung. Auf den Wunsch Künstler zu werden, wollte er sich den Ärztekittel überstreifen. Und nach der Matura am Wirtschaftsgymnasium studierte er – nach einem Zwischenjahr auf einer Baustelle – altorientalische Fremdsprachen.

Doch bald schon tauschte er dieses Fach gegen Kunstgeschichte ein, ein weiterer «Fehltritt». Glücklicherweise habe er einen «guten Draht» zu einer Professorin gefunden. Ebenso rat- wie orientierungslos schilderte ihr der junge Mann in einem zehnseitigen Brief, was ihn eigentlich interessiere. «Du gehörst in die Philosophie», lautete das einschneidende Urteil seiner Mentorin. Einige Jahre sollte sie Rrecht behalten.

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Doch kaum hatte Nüesch seinen Masterabschluss in der Tasche, verschlug es ihn in die Event-Branche. Ein guter Freund und Inhaber eines Thuner Rockclubs bat ihn um Hilfe bei der Geschäftsleitung. «Mit Handkuss» willigte der frischgebackene Philosoph ein, denn «allmählich» habe es ihm in der Philosophie an praktischem Aufgaben» gefehlt. Reichlich Praxis bot ihm dann der Job im Club. Dabei habe er sein Flair fürs Organisieren entdeckt. Als das Lokal schliessen musste, gründeten er und sein Freund eine eigene Eventfirma – doch bereits nach fünf Anlässen und einer «Schlacht mit den Behörden» war Schluss. Nüesch heuerte bei einer anderen Event-Firma an.

Doch bald schon erschien ihm diese Arbeit «inhaltlich leer». «Ich hatte es satt, bloss die Spassgesellschaft zu beliefern.» Nach eineinhalb Jahren warf er letztlich das Handtuch. So stiess der damals 33-Jährige, erneut auf Stellensuche, auf ein Inserat der Kaos­piloten. «Mit 22 wäre das genau mein Ding gewesen», war sein erster Gedanke. Doch eine Ausbildung sei für ihn zu dem Zeitpunkt nicht mehr infrage gekommen. Trotzdem las er weiter – und die anfängliche Ablehnung schlug in helle Begeisterung um. Er schien am Ziel seiner Suche zu sein. So wurde er angehender Kaospilot.

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Endlich habe er seinen «Platz in der Gesellschaft» gesehen und gelernt, aus Ideen «Wow-Projekte» zu machen. «Es benötigt den Willen zur Veränderung und den Mut auf die Nase zu fallen.» Von Anfang an musste er im Studium Kunden aquirieren, teils sogar in Kapstadt. Das Studium als Auffangbecken für Orientierungslose? Häufig werden den Kaospiloten Vorurteile entgegengebracht. Doch wegen «Kaos» hätten sie noch lange nichts mit der Reitschule zu tun, und auch ohne Zertifizierung absolvierten sie hier eine seriöse Ausbildung auf Bachelorniveau, so Nüesch.

Hier müsse man gleichzeitig «Träumer» und «Pragmatiker» sein. Denn neben dem Fachlichen werde man hier vor allem «als Mensch herausgefordert». In Kürze wird Nüesch im Schulzimmer die Seiten wechseln. Ab Herbst soll er Teamleiter des neuen Jahrgangs werden. Daneben wagt er ein zweites Mal den Schritt in die Selbstständigkeit. Mit seiner Firma Hungry Learners bietet er künftig Beratung und Coaching für Unternehmen und Einzelpersonen an. Er glaube dass die «beiden Tätigkeiten miteinander synergieren». Und letzten Endes «liebe er Herausforderungen».

Alle Folgen der Serie «Wieder Montag» unter montag.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 13.07.2015, 13:40 Uhr

Kreative Kaderschmiede

Die Kaospiloten im Wylerquartier

Die Führungs- und Projektleitungsausbildung Kaospiloten wurde vor 23 Jahren im dänischen Aarhus von führenden Kulturschaffenden lanciert. Auch der Berater Matti Straub war einer der Schüler. Er brachte die Kaospiloten schliesslich nach Bern.

Mit Unterstützung der Firma Changels konnte die neue Kaderschmiede 2012 den Betrieb aufnehmen. Seither lassen sich dort alljährlich 10 bis 15 Studierenden aus aller Welt zu Kaos­piloten ausbilden. Weltweit sind Straub und sein Team bisher die einzigen Franchisenehmer der dänischen Ausbildung. Expansionsversuche in anderen Ländern sind bisher gescheitert.

Die beiden Schulen verfügen aber über eine gemeinsame, externe Schule in Kapstadt – dort sollen die Studierenden Erfahrungen unter anderen kulturellen Bedingun­gen sammeln können. Im Gegensatz zu Dänemark wurde die Ausbildung in der Schweiz noch nicht offiziell als Bachelorstudiengang zertifiziert. Es bestehen aber Partnerschaften mit 25 Hochschulen weltweit, darunter auch mit der Berner Fachhochschule und der Universität Basel. Ausserdem zeichne sich ein Kaos­pilot «durch sein Können aus, nicht durch ein Papier», so Straub. (agr)

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