Geselliger Hardliner mit grüner Ader

Reto Nause gibt sich gerne als harter Hund. Beissen lässt ihn der Gemeinderat aber selten.

«Ich führe sehr harte Diskussionen, aber ich führe sie im Gemeinderat und nicht in der Öffentlichkeit», sagt Reto Nause auf die Anschuldigung, er mache es Rot-Grün im Gemeinderat zu einfach.

«Ich führe sehr harte Diskussionen, aber ich führe sie im Gemeinderat und nicht in der Öffentlichkeit», sagt Reto Nause auf die Anschuldigung, er mache es Rot-Grün im Gemeinderat zu einfach. Bild: Franziska Rothenbuehler

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Es ist Sonntagnachmittag und Reto Nause ist empört. Mit ernster Miene spricht der CVP-Politiker in die Mikrofone, verurteilt die samstäglichen Ausschreitungen, attestiert den Chaoten «eine neue Dimension der Gewaltbereitschaft» und fordert Telefonüberwachung, Body-Cams oder – je nach Schauplatz der Randale – das Ende der Basisdemokratie in der Reitschule.

So kennt man ihn, den Sicherheitsdirektor; als Teil eines Rituals, das sich auch in den letzten vier Jahren in Bern regelmässig beobachten liess. In seiner Rolle als harter Hund hat er sich zum Primärfeind der Reitschüler gemausert. Das schmerzt ihn. Denn eigentlich fühlt er sich den Reitschülern gar nicht so fremd.

In seiner Jugend hat er selber Konzerte organisiert – etwa von Baby Jail, einer Band, die ihre ersten Auftritte in besetzten Häusern in Zürich hatte. Und als in Baden, wo er die Kantonsschule besuchte, eine bei Jugendlichen beliebte Kneipe durch einen McDonald’s ersetzt wurde, stellte er kurzerhand eine Demonstration auf die Beine.

«Die grösste Demo, die es je in Baden gab», erinnert er sich. Wenn er seine Jugend im heutigen Bern verbracht hätte, so sagt er, wäre er regelmässig als Gast in der Reitschule anzutreffen gewesen. Ein Linker war er aber auch damals keiner. Im Schülerrat forderte er nicht nur ein Kanti-Fest, sondern auch einen Bancomaten auf dem Schulgelände sowie eine Möglichkeit, die Lehrer zu benoten.

Als Jugendlicher trat er der Jungen CVP bei. «Nach intensivem Studium der Parteiprogramme», sagt er. Vorgespurt war bei ihm die politische Laufbahn jedenfalls nicht. Am Esstisch im ländlichen Birmenstorf, wo er aufgewachsen ist, sei Politik nie Thema gewesen.

Trotzdem widmete er sich nach dem Geschichts- und Politologiestudium vollamtlich dem Spiel mit der Macht: als Parteisekretär der CVP Aargau, als Wahlkampfleiter von Doris Leuthard und später als Generalsekretär der CVP Schweiz. Für seine Arbeit als Parteistratege erhielt Nause von allen Seiten sehr gute Noten.

Nauses Radikalisierung

Als Nause vor acht Jahren das Amt als Berner Sicherheitsdirektor antrat, war er auch noch nicht der Law-and-Order-Politiker, der er heute ist. Eine entscheidende Rolle dürften die Ausschreitungen im Zuge des zweiten grossen «Tanz dich frei» gespielt haben: In der Mainacht 2013 wurde die Polizei von den Ausschreitungen völlig überrumpelt und musste während des Einsatzes Verstärkung aus anderen Kantonen anfordern. «Das war meine bisher grösste Niederlage», sagt Nause noch heute.

Seither setzen Nause und die Verantwortlichen von der Kantonspolizei bei heiklen Einsätzen auf ein grosses Aufgebot. Teilweise auf «zu grosse» Polizeiaufgebote, sagt Lena Sorg, Co-Fraktionspräsidentin der SP. «Nause glaubt, dass mehr Polizisten automatisch zu mehr Sicherheit führen – die Grundrechte und die erfolgreiche Strategie der Deeskalation vergisst er dabei regelmässig», sagt sie.

Eigentlich könnten die Linken Nauses Treiben mit mehr Gelassenheit betrachten. Denn Nause bellt zwar, er beisst aber nicht. Oder besser: Der rot-grüne Gemeinderat und der linke Stadtrat lassen ihn nicht beissen. Das ist nirgends augenfälliger als bei der Reitschule. 2015 hat ihm der Gemeinderat – dieser Eindruck entstand jedenfalls in der Öffentlichkeit – das Reitschuldossier entzogen.

Der Eindruck täusche, sagt Nause. «Meine Ideen zur Reitschule fanden im Gemeinderat keine Mehrheit. Ich habe deshalb vorgeschlagen, mit dem Dossier wieder zum Turnussystem zurückzukehren.»

Nauses Durchschlagskraft

Laut Bernhard Eicher (FDP) ist die Reitschule nicht das einzige Thema, bei dem Nause bürgerlicher Politik nicht zur Durchschlagskraft verhelfen konnte. Namentlich in Wirtschaftsfragen sei sein Einsatz zu gering, sagt der Chef der Stadtratsfraktion. «In Wirtschaftsfragen wirkt Reto Nause bisweilen blutleer.» Generell lasse er die linke Mehrheit im Gemeinderat allzu oft gewähren. «Reto Nause macht es Rot-Grün zu einfach.»

Nause widerspricht vehement. «Ich führe sehr harte Diskussionen, aber ich führe sie im Gemeinderat und nicht in der Öffentlichkeit», sagt er. Ein Gemeinderat, bei dem alle Mitglieder unterschiedliche Visionen verkündeten, bringe niemandem etwas. «Stellen Sie sich ein Unternehmen vor, bei dem der CEO und der CFO mit konträren Ideen an die Öffentlichkeit gingen: Kein Aktionär würde es noch ernst nehmen.»

Auch den Vorwurf des fehlenden Leistungsausweises weist er zurück. Er habe das «äusserst erfolgreiche» Bern-Ticket eingeführt, die gemeinsame Vermarktung der Wirtschafts- und Tourismusregion vorangetrieben und wichtiger noch: alle Player der Tourismusförderung zur Holding «Bern Welcome» zusammengefasst. Auch im Energiedossier, das ebenfalls in seine Zuständigkeit fällt, könne er viele Erfolge vorweisen.

Unter seiner Ägide habe Bern einen Energierichtplan ausgearbeitet, den Atomausstieg aufgegleist und einen Solarkataster erstellt. Auch die fortschrittliche Energiezentrale Forsthaus konnte Nause in dieser Legislatur in Betrieb nehmen – und setzte damit eine Familientradition fort: Sein Vater, ein Ingenieur, war bei der Inbetriebnahme des AKW Mühleberg dabei.

Das Urteil der grünen Stadträtin Regula Tschanz (GB) ist denn auch gnädiger als jenes von Eicher. «Während Nause bei Sicherheitsthemen hauptsächlich poltert, agiert er in der Energiepolitik sachlich und erfolgreich», sagt sie. Doch auch in der Energiepolitik ist Tschanz nicht völlig zufrieden mit dem CVP-Gemeinderat: Mit mehr Feuer und Begeisterungsfähigkeit liesse sich energiepolitisch in Bern auch für Nause viel mehr bewegen.

Nauses Versprechen

«Blutleer», «fehlendes Feuer» – die Kommentare seiner politischen Gegner sind bisweilen harsch – und sicher nicht frei von Eigeninteressen. Tatsächlich wirkt Nause im Stadtrat manchmal aber etwas schlecht gelaunt und desinteressiert. Hinter vorgehaltener Hand werden ihm mangelhafte Dossierkenntnisse vorgeworfen. So lässt er in der Kommission häufig die Verwaltung für ihn sprechen.

Dass er der Verwaltung viel Platz einräume, bestätigt Nause. Er begründet dies aber nicht mit mangelnden Dossierkenntnissen, sondern mit seiner Führungsphilosophie. «Ich bin ein Teamplayer», sagt er. Es sei auch die Verwaltung, die für die Umsetzung der meisten Geschäfte zuständig sei. «Und wenn jemand gute Arbeit leiste, soll er diese gegen aussen präsentieren dürfen.»

Dass sich mit Nause gut zusammenarbeiten lässt, bestreitet denn auch niemand. Selbst seine ärgsten politischen Gegner attestieren ihm, dass er Wort halte und dass man mit ihm streiten und sich danach wieder vertragen könne. Nause sei gesellig und begegne seinem Gegenüber auf Augenhöhe, heisst es unisono. Es müsse schon jemand Steine auf Feuerwehrleute schmeissen, damit er keine Basis für einen Dialog mehr sehe, sagt Nause. «Ich sah auch keinen Grund, um nach den zuweilen harten Sitzungen mit den Reitschülern nicht noch gemeinsam ein Bier zu trinken.» (Der Bund)

Erstellt: 04.11.2016, 06:49 Uhr

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