Immer wieder sonntags

Die Berner Kantonsregierung will, dass die Geschäfte in der unteren Berner Altstadt künftig auch sonntags geöffnet sind. Die Diskussion um den ruhigsten Tag der Woche erhitzt die Gemüter.

Hier soll künftig sonntags Shopping möglich sein: Gerechtigkeitsgasse in Bern.

Hier soll künftig sonntags Shopping möglich sein: Gerechtigkeitsgasse in Bern. Bild: Manu Friederich

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Geht es nach dem bernischen Regierungsrat, sollen die Geschäfte in der unteren Berner Altstadt vom Zytglogge bis zur Nydeggbrücke schon bald sonntags von 10 bis 18 Uhr öffnen dürfen. Die Kantonsregierung hat gestern eine entsprechende Änderung des Gesetzes über Handel und Gewerbe in die Vernehmlassung geschickt. Sie setzt damit eine Motion des Stadtberner FDP-Grossrats Adrian Haas um, die der Grosse Rat im September 2015 angenommen hat.

Bisher können Lebensmittelgeschäfte mit einer Verkaufsfläche bis 120 Quadratmeter, insbesondere Bäckereien, Confiserien und Blumengeschäfte, am Sonntag geöffnet haben. Mit dem neuen Gesetzesentwurf dürften in der unteren Altstadt neu Geschäfte aus sämtlichen Branchen am Sonntag öffnen, sagt der Berner Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann. Eine Voraussetzung gilt es zu beachten: Diese neue Möglichkeit steht nur Familienbetrieben offen.

Der Grund ist dieser: Zwar sind die gewerblichen Ladenöffnungszeiten kantonal geregelt, der Bund bestimmt jedoch das Arbeitsgesetz. Und dieses verbietet die Beschäftigung von Personal am Sonntag grundsätzlich – ausser eine Gemeinde ist als sogenannte Fremdenverkehrszone eingestuft. Und das ist die Stadt Bern eben nicht, da der Tourismus hier einen zu kleinen Anteil an der gesamten Wertschöpfung ausmacht. Eine Ausnahme sieht das Arbeitsgesetz aber nebst Lebensmittelgeschäften bei Betrieben vor, die sich vollständig in Familienbesitz befinden. Die Inhaber dieser Firmen dürfen am Sonntag selber hinter der Verkaufstheke stehen, sie dürfen an diesem Tag aber kein Personal einsetzen.

Zu wenig Erholung

Stefanie Anliker, Präsidentin der Vereinigten Altstadtleiste, ist überzeugt, dass dieser Gesetzesentwurf nicht zugunsten der Ladenbesitzer ausgearbeitet wurde. Die meisten der Betriebe in der unteren Altstadt könnten einen Sonntagsverkauf nicht stemmen. Wenn der Inhaber am Sonntag arbeiten müsse, müsse er unter der Woche jemanden zusätzlich anstellen, um sich erholen zu können. «Das zahlt sich nicht aus, weil der Sonntagsumsatz die zusätzlichen Lohnkosten nicht decken würde», sagt Anliker.

Die Inhaber brauchten auch einmal Zeit, um sich zu erholen und mit der Familie etwas zu unternehmen. «Dafür eignet sich der Sonntag am besten, weil die Kinder schulfrei haben.» Sie verweist auch auf die Bäckereien, die Blumenläden und Restaurants in der Altstadt, die bereits heute am Sonntag geöffnet haben können. «Viele öffnen am Sonntag ihre Läden nicht, weil es für sie nicht rentiert.»

Gemäss Anliker gebe es in der unteren Altstadt viele inhabergeführte Betriebe, diese seien aber zum Teil von Dritten mitfinanziert und seien somit keine reinen Familienbetriebe. «Das macht es für die Gewerbepolizei sehr schwierig zu überprüfen, welche Betriebe tatsächlich das Recht haben, am Sonntag geöffnet zu haben.»

Und die obere Altstadt?

Sven Gubler, Geschäftsführer der Innenstadtorganisation Bern City, findet die Gesetzesrevision inkonsequent. «Konsequenterweise müssten die Öffnungszeiten auch auf die obere Altstadt ausgeweitet werden», sagt er. Nicht nur der Teil unterhalb des Zytglogge, auch der obere Teil bis zum Hirschengraben gehöre zum Unesco-Weltkulturerbe der Stadt und ziehe damit Touristen an. Die allgemeine Diskussion über liberalere Ladenöffnungszeiten in der Stadt Bern empfindet er jedoch als positiv, weil es für Ladenbesitzer heute insbesondere darum gehe, dann öffnen zu können, wenn der Kunde Zeit hat. «Der stationäre Handel ist gegenüber dem dauerhaft geöffneten Einkaufszentrum im Bahnhof Bern und manchen Online-Anbietern im Nachteil», sagt Gubler.

Chance für das Kleingewerbe

Jedoch ist Gubler ebenfalls der Meinung, dass die meisten betroffenen Kleinbetriebe auch Nachteile aus der Gesetzesrevision ziehen. «Sie verfügen über zu wenig Personal, und der Sonntagsverkauf ist für sie mit einem erhöhten Kostenaufwand verbunden.»

Motionär Adrian Haas betont derweil, die erweiterten Ladenöffnungszeiten seien als Chance für die untere Altstadt zu sehen: «Die neue Regelung ermöglicht es Ladenbesitzern, dann ihre Türen zu öffnen, wenn es sich für sie rentiert.» Die Idee der Motion sei, dass die untere Altstadt ihr Gewerbe flexibler handhaben könne, wodurch die Verkäufer die Möglichkeit erhielten, bestimmte saisonale Sonntage zu nutzen, an denen Bern touristisch besonders belebt ist. «Es entsteht dadurch kein Zwang zur Ladenöffnung am Sonntag», meint Haas, der Direktor des kantonalen Handels- und Industrievereins. Gerne würde er von seinem Bürofenster aus sehen, dass es in der unteren Altstadt am Sonntag etwas reger zuginge. Die Liberalisierung auch auf die obere Altstadt auszudehnen, steht für Haas ausser Diskussion, weil sich der Tourismus besonders ab dem Zytglogge abwärts konzentriere. Die Vernehmlassung dauert bis am 31. Januar 2017. (Der Bund)

Erstellt: 04.11.2016, 10:03 Uhr

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