Geringe Schuld – schlimme Wirkung

Der Schweizer, der auf der Berner Schützenmatte einen Algerier lebensgefährlich verletzt hat, muss nur ein halbes Jahr ins Gefängnis.

Es geschah auf dem Vorplatz der Reitschule. Ein Algerier wurde von einem Schweizer mit einem Messer schwer verletzt.

Es geschah auf dem Vorplatz der Reitschule. Ein Algerier wurde von einem Schweizer mit einem Messer schwer verletzt. Bild: Tobias Anliker

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«Er ist genug gestraft», sagt man zuweilen, wenn etwas Schlimmes passiert ist. Das Diktum gilt in diesem Fall für beide, das Opfer wie den Täter. Auf dem Vorplatz bei der Berner Reitschule gerieten die Männer aneinander, der heute 22-jährige Schweizer und der 44-jährige Algerier – beide aus unterschiedlichen Gründen frustriert, beide betrunken. Das Opfer, das einen Messerstich in die Halsgegend nur knapp überlebte, fristet sein Dasein in einem Pflegeheim und wird vermutlich kaum je wieder ein halbwegs normales Leben führen können. Der Täter wird von zwei Dingen geplagt: von seiner Schuld und den Schulden, die er über Jahre wird abstottern müssen, wenn ihm dies überhaupt je gelingt.

Das Regionalgericht Bern-Mittelland unter dem Vorsitz von Christine Schaer, das über die Anklage wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu befinden hatte, war spürbar bemüht, die Last nicht noch mehr zu vergrössern. Es sprach den jungen Berner zwar schuldig, legte aber das Strafmass so tief wie möglich fest: 30 Monate, davon 6 unbedingt, die restlichen 24 bedingt auf 2 Jahre Probezeit.

Zwei Männer – zwei Messer

Das Rencontre vor der Reitschule in der Nacht auf den 4. Dezember vor einem Jahr war kein Beziehungsdelikt, die beiden kannten sich nicht. Im Suff, so befand das Gericht, habe der Angeschuldigte den Drang verspürt, den aggressiven Algerier wegzuweisen, der mehrfach bei Diebstahlversuchen beobachtet worden war und ein Messer in der Hand hielt. Das Personal der Reitschule hatte ihn mehrmals weggeschickt – erfolglos.

Der Schweizer trat in einer Art «Amtsanmassung» in Aktion und befahl dem Algerier, den Platz zu verlassen. Als sich die beiden gegenüberstanden, machte der Schweizer, der ebenfalls ein Messer in der Hand hielt, eine Bewegung gegen den Kontrahenten. Im dynamischen Geschehen kam es zum fatalen Stich in den Hals des Algeriers. Dieser wäre gestorben, hätten nicht Nothelfer, Polizei und Sanität sofort eingegriffen. Im Inselspital erfolgte dann eine Notoperation.

Christine Schaer erinnerte die Anwesenden daran, dass das Strafrecht nicht das Resultat bewerte, sondern das Verschulden. Der Täter sei nicht mit der Absicht auf den Algerier zugegangen, ihn zu töten, sondern zu vertreiben. Die Verletzung sei eingetreten, weil er das Messer geführt habe. Er habe dadurch eine lebensgefährliche Verletzung in Kauf genommen, auch wenn er diese nicht gewollt habe. Die Anklageschrift von Staatsanwältin Andrea Müller enthielt auch noch die Variante «Verübung einer Tat in selbst verschuldeter Unzurechnungsfähigkeit». Das Gericht ging davon aus, dass der Täter erheblich betrunken war, aber noch gehen, sprechen und nach der Tat mit dem Bus nach Hause fahren konnte. Er sei schuldfähig gewesen, wenn auch stark vermindert.

Bei der Würdigung der Umstände gewichtete das Gericht die Tatsache hoch, dass der Täter eine Lehre abgeschlossen hat und vom Lehrbetrieb angestellt worden ist. Er trinke keinen Alkohol mehr, sei reuig und einsichtig. Wegen der Untersuchungshaft, die angerechnet wird, muss der Verurteilte von den sechs Monaten nur noch etwa fünf absitzen, wobei die Haft in Halbgefangenschaft erfolgen kann: Der Verurteilte kann den Beruf weiter ausüben. Das Geld wird er brauchen, denn hohe Forderungen harren seiner. Die Haftpflichtversicherung wird für die schweren Schäden des Algeriers kaum aufkommen, Krankenkassen könnten Regress nehmen. Zudem hat das Gericht dem Opfer eine Genugtuung von 50'000 Franken zugesprochen – nicht nach amerikanischen Massstäben, wie Schaer darlegte: Der Betrag solle dem Opfer etwas helfen, auch wenn Geld die schlimme Sache nicht rückgängig zu machen vermöge. Der Anwalt des Algeriers wird nun seinem Klienten zu erklären versuchen, wie der Prozess ausgegangen ist. Ob es aber der schwerbehinderte Nordafrikaner verstehen wird, bleibt fraglich. (Der Bund)

Erstellt: 07.12.2017, 19:23 Uhr

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