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Gerichtsübersetzer: In die Haut eines Mörders schlüpfen

Nur ein Wort falsch zu übersetzen, könnte fatal sein: Gerichtsübersetzer arbeiten im Hintergrund, tragen aber viel Verantwortung. Zwei Übersetzer erzählen über kurzfristige Anfragen und über das Risiko, sich mit Tätern zu identifizieren.

Eine Gerichtsverhandlung kann ganz schön strapaziös sein, nicht nur für die Angeklagten. Nach vier, fünf Stunden Verhandlungen ohne Pause werde es anstrengend, erzählt Martine Wegmann. «Besonders, wenn am Schluss noch das Protokoll zu übersetzen ist.» Oft bedeute dies eine Stunde volle Konzentration. Martine Wegmann ist eine von unzähligen Übersetzerinnen, die in der Kartei des Kreisgerichts Bern schlummern – ihr Adresskärtchen wird aber vergleichsweise oft gezogen. Durchschnittlich sieben Stunden pro Woche wird sie engagiert; das ist relativ häufig in diesem Metier. Das hat in erster Linie mit der Sprache zu tun: Wegmann übersetzt von Französisch auf Deutsch und umgekehrt. Aber es liegt auch daran, dass sie mehrere Jahre Erfahrung mitbringt und ihre Sache offenbar gut macht – das muss sogar die bescheidene Frau einräumen, während ihr ein scheues Lächeln übers Gesicht huscht. Ein Übersetzer arbeitet selten für ein Gericht alleine (siehe Kasten). Gerichtsdolmetscher sind meist an verschiedenen Kreis- und Einzelgerichten, am Untersuchungsrichteramt und für die Polizei tätig. Manche nehmen auch an Befragungen des Bundesamtes für Migration (BFM) teil.Gerichtsübersetzer zu sein, das ist kein Job für Menschen, die gerne vorausplanen. Manchmal werde sie angerufen, ob sie in einer Stunde vorbeikommen könne, gerade von Polizei oder Untersuchungsrichteramt, sagt Wegmann. Man müsse stets flexibel sein. Gerichtsverhandlungen würden zwar früh angekündigt, dafür manchmal im letzten Moment abgesagt. Eine Entschädigung erhalten die Übersetzer in diesem Fall keine. Die Entlöhnung sei ohnehin eher bescheiden.Und doch mag Wegmann ihren Job: Es ist der Einblick in verschiedenste Lebenswelten, der das Reizvolle am Job ausmacht. Drogendelikte, Scheidungen, Geschwindigkeitsüberschreitungen, Diebstahl, Mord – es seien die unterschiedlichsten Fälle, die sie am Gericht mitbekommt, erzählt die 54-Jährige. Und hinter jedem Fall steckten Geschichten, versteckten sich Biografien – oftmals solche, die nicht gerade verlaufen sind. «Man erlebt vor Gericht oft Leute, die ein schweres und trauriges Leben führen.» Nach solchen Fällen denkt Martine Wegmann manchmal daran, wie privilegiert sie ist, wenn sie nach der Arbeit im Bus nach Bremgarten fährt, wo sie mit ihrem Mann in einem Einfamilien-Reihenhaus – mit einem atemberaubenden Blick auf die Alpen – wohnt.

Auch der Papst könnte Dealer sein Es gebe ein indisches Sprichwort, sagt Rajiv Masillamoni: Jeder ist ein anderer Ausdruck des Lebens. Für ihn bedeute es, dass er vielleicht bloss Glück gehabt habe: Ein gutes Elternhaus, viele Möglichkeiten, ein Schicksal, das es gut mit ihm meinte. «In einer anderen Situation wäre ich vielleicht jemand ganz anderer geworden, hätte vielleicht auch ich ein Delikt begangen», sagt der 53-jährige Tamile, der vollberuflich als Übersetzter für Tamilisch und Englisch arbeitet, ebenfalls für verschiedene Behördenstellen – unter anderem auch für das BFM. Vor Gericht habe mal ein nigerianischer Drogendealer gesagt: «Wenn der Papst in einem Asylbewerberheim leben würde, dann würde auch er Drogen verkaufen.» Ein Körnchen Wahrheit stecke in diesem Satz. Die Kategorien «gut» und «böse» würden sich vor Gericht auflösen. Masillamonis Biografie weist zwar keine kriminellen Kapitel auf, dafür ist sie umso bunter und überraschender: Seit 26 Jahren lebt er in der Schweiz. Seine Eltern stammen ursprünglich aus dem südlichen Indien, der Vater war Pilot bei der Luftwaffe, in Sri Lanka arbeitete er bei der Bank. Masillamoni selbst studierte Agrarwirtschaft, arbeitete nach dem Studium aber als Reiseführer, weil es ihn nicht aufs Land, sondern in die weite Welt zog. Dabei lernte er eine Schweizerin kennen, mit der er 14 Jahre lang verheiratet war. Heute lebt er mit seiner zweiten Ehefrau und den drei Kindern in Gals in einem alten Bauernhaus. Mit Geranien vor den Fenstern. Es war der Wunsch seiner Ehefrau, in einem alten, traditionellen Haus zu wohnen – sie ist Singhalesin.

In der Haut der Angeklagten Masillamoni ist Übersetzer mit Leib und Seele. Wenn er übersetze, versuche er in die Haut des Angeklagten zu schlüpfen, sagt er, auch wenn es sich um einen Mörder handle. Er versuche nicht nur Wort für Wort zu übersetzen, er versuche auch, die Mimik des Angeklagten zu übernehmen. Den Moment, den er anstrebe, sei dann erreicht, wenn Angeklagter und Richter ihn nicht mehr wahrnehmen würden; wenn sie das Gefühl erhielten, dass sie gemeinsam redeten – obwohl sie in zwei verschiedenen Sprachen sprächen. Im Leben habe jeder seine Rolle zu spielen, sagt der intellektuelle Masillamoni, der häufig Zitate in seine Sätze streut, von Buddha oder Ghandi etwa. «Und meine Rolle will ich gut spielen.» Jeder Angeklagter habe einen fairen Prozess verdient – und einen guten Übersetzer. Über Schuld und Unschuld müsse dann das Gericht entscheiden, dafür sei nicht er verantwortlich.Seine Methode des In-die-Haut-Schlüpfens trage auch ein Risiko mit sich, das räumt Masillamoni ein: nämlich, dass er sich zu wenig von den tragischen Geschichten abgrenzen kann, die er bei seiner Arbeit mitbekommt. Und er erzählt von einem Fall in Biel, der ihn tief bewegt hat: Der Täter sei Tamile gewesen, er habe seine Frau und ihren Liebhaber umgebracht und in Stücke zerschnitten. Masillamoni war von der ersten polizeilichen Befragung bis zur Gerichtsverhandlung als Übersetzer am Fall beteiligt.«Er war ein Opfer, der Täter wurde», erzählt der Übersetzer. Ein Mensch, der immer betrogen und benachteiligt wurde. Die Tat habe er in der Überzeugung begangen, etwas Gutes für seine Kinder zu tun. Während einer Befragung habe der Täter Tränen in seinen Augen gehabt. Da habe er plötzlich gemerkt, erzählt Masillamoni, dass auch er weine. «Hier habe ich eine Grenze überschritten», sagt er. Damals hat er sich vorgenommen, Fälle möglichst nicht mehr von Anfang bis Ende zu begleiten – um sich selbst zu schützen. Abstand zur Arbeit findet er aber auch in seinem Hobby: seinen Kampffischen. Im Keller seines Bauernhauses hat Masillamoni 35 Aquarien, in denen er Halbmond-Betas züchtet. Er hat gar ein Buch über die Fische mitverfasst und eine eigene Art gezüchtet. «So kann ich abschalten», sagt er.

Ein Fehler könnte fatal sein Auch Martine Wegmann kaut manchmal lange an den Geschichten, die sie mitbekommt, etwa wenn es um Kindsmissbrauch gehe, sagt sie. Aber während der Arbeit versuche sie ihre Emotionen zu unterdrücken: «Sonst kann ich nicht korrekt übersetzen», sagt sie. Ihren Job gut zu machen, hiesse für sie, ganz genau zu sein: Wort für Wort zu tradieren. Interpretieren dürfe ein Übersetzer nicht, auch wenn man manchmal gerne Angeklagten etwas helfen würde, die Mühe haben, sich auszudrücken. Aber Wegmann ist sich bewusst: «Ein kleines Wort kann einen Satz total ändern.» Vor Gericht sei es manchmal nur ein kleines Detail, das einen Fall entscheide.

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