«Georges glaubte immer an eine Lösung im Nahen Osten»

Die bald 100-Jährige Odette Brunschvig hat an der Seite des jüdischen Berner Anwalts Georges Brunschvig historische Momente miterlebt.

Ein ganzes Jahrhundert im Blick: Die Bernerin Odette Brunschvig.

Ein ganzes Jahrhundert im Blick: Die Bernerin Odette Brunschvig.

(Bild: Adrian Moser)

Markus Dütschler

Die hochbetagte Dame in einer Berner Seniorenresidenz erwartet den Besuch bereits. Den Rollator braucht sie, weil sie fast nichts mehr sieht. Doch Odette Brunschvig-Wyler weiss noch alles – und im Jahrhundert, das sie erlebt hat, kommt manches zusammen.

Das lässt sich dem soeben erschienenen Buch über ihren Gatten Georges Brunschvig entnehmen, zu dem die Witwe vieles beigetragen hat. Wenn der strapazierte Begriff Zeitzeuge angebracht ist, dann bei ihr.

Ins hauseigene Hallenbad gehe sie nicht mehr, sagt die lebhafte Frau, «man muss vernünftig sein», doch geistig taucht sie mühelos in die Vergangenheit ab und durchdringt die Jahrzehnte. «Jüdischer Demokrat, Berner Anwalt, Schweizer Patriot» – so wird ihr 1973 verstorbener Gatte im Buchtitel umschrieben.

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Der attraktive Jura-Student um die 20 warf einen Blick auf das erst 12-jährige hübsche Mädchen Odette. Sie habe lange nicht gemerkt, dass er in ihr bereits seine Zukünftige gesehen habe. Als Schülerin der Berner «Töchterhandelsschule» verlobte sie sich mit dem charismatischen Anwalt, nachdem dieser bei Mutter Wyler um die Hand der Tochter angehalten hatte. Der Vater war bereits gestorben, als Odette 3-jährig war.

Die für 1935 geplante Heirat musste warten, denn Georges Brunschvig hatte eine grosse Sache vor sich: den Prozess um die «Protokolle der Weisen von Zion», eine antisemitische Hetzschrift. Der Berner Prozess figuriert heute in allen Geschichtsbüchern.

Ein Team gut dokumentierter meist jüdischer Juristen verklagte die faschistischen Herausgeber des Machwerks, das auch in Bern überall zu bekommen war. Die Jüdische Gemeinde Bern und der Dachverband, der Schweizerische Israelitische Gemeindebund, strengten das Verfahren an, um das hasserfüllte Pamphlet als Fälschung zu entlarven.

Die Propaganda der Nazis schoss aus allen Rohren, sowohl in Deutschland als auch im Gerichtssaal. Die 18-jährige Odette – die einzige noch lebende Zeitzeugin – verfolgte den Prozess im Assisensaal des Amthauses und hörte die reichsdeutschen Tiraden in Goebbels-Manier.

«Es ist intensiver, wenn man das Geschrei nicht im Radio hört, sondern im Gerichtssaal.»

«Es dünkt einen noch intensiver, als wenn man das Geschrei nur im Radio hört.» Die gut dokumentierten Anwälte luden prominente Zeugen vor, und es gelang, die «Protokolle» als Machwerk der russisch-zaristischen Geheimpolizei Ochrana zu entlarven – verfasst, um den Antijudaismus anzuheizen. Beim Gespräch in der Altersresidenz klingelt das Telefon.

Brunschvig meldet sich mit: «Allô». Ihre Mutter, die einst die Berner Warenhalle führte, beschäftigte im Haushalt meist welsche Angestellte, weshalb die kleine Odette «fast bilingue» aufwuchs. Manchmal klingelt das Telefon auch vor jüdischen Feiertagen. Dann ruft Gabriel Bach an, der stellvertretende Ankläger beim Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem, ein alter Freund der Familie.

Beim Streifzug durch die Jahrzehnte fallen etliche prominente Namen. Als Brunschvig in Bern während Jahrzehnten den jüdischen Frauenverein Wizo präsidierte, halfen die Frau des damaligen Stapi Reynold Tschäppät und die Gattin des Bundesrats Rudolf Gnägi beim Benefiz-Orangenverkauf mit.

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Brunschvig ist eine aufmerksame Zeitgenossin, und was sie in den Nachrichten hört, gefällt ihr nicht. Sie hat in den instabilen 1930er-Jahren die Warteschlangen vor dem Arbeitslosenamt in der Predigergasse gesehen und ist darum besorgt über die Jugendarbeitslosigkeit in Europa.

Abscheulich findet sie, dass die gefälschten «Protokolle» besonders in arabischen Staaten als bare Münze herumgeboten werden – ein Mosaikstein im Geflecht des Hasses im Nahen Osten. Dieses hatte ihr Mann 1972 durch einen israelisch-arabischen Dialog aufbrechen wollen, selbst nach dem palästinensischen Terroranschlag auf die israelischen Olympia-Sportler in München: «Georges glaubte immer an eine Lösung im Nahen Osten.»

Der 1973 Verstorbene hat die Erfolge und Rückschläge im Nahostkonflikt nicht mehr erlebt. Vielleicht werden ihre sechs Enkel und elf Urenkel eine Friedenslösung erleben. Brunschvig sagt: «Nichts ist unmöglich, auch wenn es im Moment nicht so aussieht.»

Und sie erzählt, was sie kürzlich im Fernsehen gesehen – beziehungsweise gehört – hat: Deutsche und französische Kinder singen gemeinsam an den Gräbern der Kriegsgefallenen von Verdun. «Das hätte man sich früher auch nie träumen lassen.»

Der Bund

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