Gentripedia

Poller-Kolumnist Martin Erdmann ruft in der Gentrifizierungs-Frage zum Brückenschlagen auf. Er meint es wortwörtlich.

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Martin Erdmann@M_Erdmann

Wenn Sie erfahren möchten, wieso die Lorrainebrücke abgerissen werden sollte, dann lesen Sie nun weiter. Ich muss an dieser Stelle jedoch vorausschicken, dass manche Bürgerinnen und Bürger an dieser Idee keinen Gefallen finden werden. Manche dürften ihr sogar mit aufrichtigem Zorn begegnen. Doch jene, die das Lorrainequartier vor steigenden Bodenpreisen und dekadenten Kaffeekreationen schützen wollen, sprich gewillt sind, der bereits fortgeschrittenen Gentrifizierung ein Bein zu stellen, holen schon einmal Spaten und Pickel aus dem Schuppen. Es führt kein Weg daran vorbei – der Weg zwischen Bollwerk und Berufsschule muss weg.

Vermutlich werden Sie noch etwas Mühe haben, die Absichten hinter dem Plan zu verstehen. Bevor wir diese genauer ausleuchten, wollen wir uns zuerst nochmals die Ausgangslage in der Lorraine vor Augen führen. Unternehmen mit starker Verwurzelung im Quartier machen dicht und werden durch Zuzüger, angezogen durch die tiefen Mieten, ersetzt. Diese sind meist etwas hipper als ihre Vorgänger, was dazu führt, dass es plötzlich als angesagt gilt, in der Lorraine zu wohnen. Grosse Nachfrage sorgt für höhere Mietpreise – das Quartierleben wird teurer. Oder um es für die Freunde der bildlichen Sprache zusammenzufassen: Die Gentrifizierung ist ein Dampfer, der umso schneller fährt, je mehr Kohle in den Kessel geschaufelt wird.

Nun sehen es einige als ihre Pflicht, ebendiese Kohle wieder aus dem Feuer zu holen, also die Gentrifizierung zum Stillstand zu bringen. Die dazu angewandten Methoden nehmen dabei seltsame Formen an. So ziehen manche in dunklen Nächten um die Häuser und hinterlassen an ausgewählten Geschäften Grussbotschaften in Form von eingeschlagenen Scheiben oder Sprühfarbe. Solche Mätzchen sind natürlich völlig albern und können dem Gentrifizierungsdampfer nicht einmal ein be­lei­dig­tes Tuten entlocken.

Nein, die totale Aufwertung des Quartiers lässt sich wahrlich nur durch den Abriss der Lorrainebrücke verhindern. Zur Erklärung: In Schangnau kriegen Sie eine 4,5-Zimmer-Wohnung für 990 Franken. Wieso? Na, weil sie weitab vom Schuss liegt. Mietzinse sind demnach an die Erreichbarkeit der Liegenschaft gekoppelt. Wenn nun die Brücke fällt, wird die Lorraine zu Berns Schangnau, was für die Bewohner den Vorteil hat, dass die Mieten wieder billiger werden. Gentrifizierungsfördernde Geschäfte bleiben aber dennoch fern, weil Abgeschiedenheit kein Kundenfänger ist. Sie fragen sich nun bestimmt, ob durch das schwindende Gewerbe im Quartier nicht die Arbeitslosenquote in die Höhe schiessen wird. Nein, im Gegenteil. Durch den Wegfall von modernen Geschäftszweigen fällt das Quartier in die Industrialisierung zurück und die Bewohner marschieren täglich zum Malochen auf das frisch aufblühende Wifag-Areal.

Nun aber genug herumgealbert. Das nächste Mal erzähle ich Ihnen, was gegen die Gelatifizierung des Breitenrainquartiers zu tun ist. Bringen Sie einen Löffel mit.

Martin Erdmann ist «Bund»-Onlineredaktor – noch lieber aber würde er überteuerte Wohnungen in der Altstadt an ausländische Geschäftsleute vermieten.

Der Bund

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