Gemischte Gefühle beim Eigerplatz

Nach 16-monatiger Bauzeit wurde der neue Eigerplatz offiziell eröffnet. Damit hält auch der Verkehr wieder Einzug. Man denkt deshalb bereits an radikalere Lösungen.

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Ein älterer Herr, von Weissenbühl her kommend, fährt auf dem Rad in den Kreisel hinein. Nach wenigen Metern biegt er trotz fabrikneuem Fahrverbotsschild rechts ab – in die Spur von Tram und Bus. Offenbar haben sich noch nicht alle an die neue Verkehrsführung gewöhnt.

Seit Montag früh fährt jetzt auch das Tram wieder über den Eigerplatz. Es hat auch hier Vortritt. Die Ampeln schalten dann beim neuen Kreisel jeweils auf Rot – und die Autos stehen für kurze Zeit still. Danach läuft es für den Rest des Verkehrs wieder buchstäblich rund.

Für Velofahrer ist die Fahrt über einen viel befahrenen Kreisel nicht unbedingt ein Vergnügen. Das gilt auch für diesen. Immerhin gibt es für jene Velos, die vom Zentrum her kommend in die Schwarzenburgstrasse einbiegen wollen, die Möglichkeit, den Kreisel mit einem «Bypass» zu umfahren. Dass Tram und Bus nun zusammen auf einer Spur fahren, ist für Radfahrer ebenfalls von Vorteil.

«Verkehrsberuhigende Massnahmen sind das Minimum.»Daniel Imthurn, Co-Präsident QM3

Für den normalen Verkehr ist der Eigerplatz schon seit etlichen Wochen wieder offen. Die meisten Verkehrsteilnehmer machen darum an diesem Vormittag einen routinierten Eindruck. Von den Autofahrern dürften viele kaum bemerkt haben, dass sie nun eine Spur weniger zur Verfügung haben. Ausser beim Kreisel gibt es beim neuen Eigerplatz keine Ampeln mehr – stattdessen gilt jetzt auf dem Platz, wo sich vor dem Umbau 8000 Autos am Tag durchzwängten, Tempo 30.

Der zu früh abgebogene Radfahrer fährt jetzt zwischen den Tramgleisen an Vertretern von Kanton, Stadt und Quartier vorbei. Diese sind dabei, den Eigerplatz mit goldenen Scheren symbolisch zu eröffnen. Zum Glück hat die Stadt für die anschliessenden Ansprachen Lautsprecher aufgestellt, denn laut ist es auf dem Eigerplatz immer noch.

Regierungsrätin Barbara Egger (SP) spricht von einer «beispielhaften Sanierung einer Verkehrsdrehscheibe». Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) bedankt sich bei den Anwohnern für deren Geduld und Ausdauer. Auch den Bauarbeitern dankt die Verkehrsdirektorin. Zeitweise waren hier über 100 Leute tätig, oft im Zweischichtbetrieb.

«Radikalere Massnahmen»

Daniel Imthurn, Co-Präsident der Quartierorganisation QM3, spricht von einem «lachenden und einem weinenden Auge». Einerseits habe er bei der Quartierbevölkerung ein «grosses Aufatmen» festgestellt, andererseits kehre jetzt auch wieder der Verkehr ins Quartier zurück. Dieses leide nach wie vor unter der fehlenden Südumfahrung.

Aus Quartiersicht sei dieser Verkehr, der nur auf die Autobahn wolle, «überflüssig». Für Imthurn sind deshalb verkehrsberuhigende Massnahmen das «Minimum» und auch «radikalere Massnahmen» denkbar wie Einbahnstrassen oder die Sperrung einzelner Strassen. Dabei denkt der ehemalige GLP-Stadtrat an die Länggasse. Imthurn: «Das hätten wir hier auch gern.»

«Platz sieht toll aus»

Wer sich bei Anwohnern umhört, vernimmt weitere Ambivalenzen. Auf jeden Fall freuen sich viele Quartierbewohner über die wiedergewonnene Bewegungsfreiheit. Sie seien erleichtert über das Ende der Baustelle. Ob der Platz auch ästhetisch gelungen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Eine Anwohnerin sagt, sie habe sich den fertigen Platz «anders vorgestellt», sie finde ihn «wenig wohnlich» – er gleiche einer «Betonwüste».

Tatsächlich sieht man nur am Rand des Platzes einige frisch gepflanzte Bäume, welche etwas verloren dastehen und noch wenig Schatten werfen. Alte Bäume hat es keine mehr. Auch vor der Coop-Filiale, wo gerade der neue Platz fertiggestellt wird, wurden die Pflanzen gerodet, was den etwas sterilen Eindruck des Platzes zusätzlich verstärkt.

Gemeinderätin Ursula Wyss ist sich der Thematik bewusst und verspricht in ihrer Eröffnungsrede zusätzliche Bäume. Wo es für diese hier Platz haben soll, bleibt allerdings unklar. Wyss meint wohl das «Eiger-Pärkli», welches derzeit fertiggestellt wird. Der Platz sehe «toll aus», sagt Mettimano Arnaldo, Betreiber des Restaurants Da Rina.

Seine Pizzeria war von den Bauarbeiten besonders betroffen, «47 Prozent» weniger Umsatz habe er gemacht, klagt er. Nun hofft er auf etwas mehr Leben auf dem Platz. Am 10. September wird der Platz in einem grossen Eröffnungsfest der Bevölkerung übergeben – im Rahmen des autofreien Sonntags. (Der Bund)

Erstellt: 14.08.2017, 11:48 Uhr

Ovaler Kreisel und 48 Millionen Sanierungskosten

Nach 16 Monaten Bauzeit ist der Eigerplatz gestern für den Verkehr wieder freigegeben worden. Zeitweise arbeiteten über 100 Leute auf der Baustelle. Das erste Tram der Linie 3 fuhr um halb sechs in der Früh in die neue gemeinsame Haltestelle der Buslinie 10 und der Tramlinie 3 ein.

Die Perrons wurden überdacht und so gestaltet, dass Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer besser in die Verkehrsmittel einsteigen können. Zudem endet die Buslinie 28 neu nicht mehr am Eigerplatz, sondern fährt weiter bis zum Bahnhof Weissenbühl. Benutzer der S-Bahn aus dem Gürbetal haben damit eine bessere Verbindung in die Quartiere Mattenhof und Monbijou. Auf dem ganzen Eigerplatz und auf Nebenstrassen wie der Belp- oder der Seftigenstrasse herrscht nun Tempo 30.

Die lichtsignalgesteuerte Kreuzung wurde durch einen ovalen Kreisel ersetzt. Die Trams und Busse haben dabei Vortritt. Fahrradfahrer, die Richtung Monbijou oder Köniz abbiegen, müssen nicht mehr durch den Kreiselverkehr fahren. Stattdessen können sie die neuen Bypässe benutzen. Für die Anwohner wurde zudem ein neuer Eiger-Park gegenüber dem Depot von Bernmobil erstellt, dieser wird aber erst am 10. September fertig. Vorgesehen sind Bänke, Bäume und ein Brunnen.

Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 48 Millionen Franken. Darin enthalten sind die Kosten für die Sanierung der Siedlungsentwässerung und der Werkleitungen sowie die Kosten für den Ersatz der Gleisanlagen. Die Stadt Bern steuert rund 25 Millionen Franken bei, Bernmobil rund 17 Millionen und Energie Wasser Bern
rund 5 Millionen.

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