Gefülltes Wildschwein wie vor über 2000 Jahren

Auf der Engehalbinsel wurden Einblicke in den keltischen und römischen Alltag geboten – mit Gladiatoren und Tunika .

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Sechs Stunden lang hing das Wildschwein über dem offenen Feuer, bis es gar war. Während vor allem die kleinen Besucher des Brenodor-Festes am Samstag grosse Augen machten beim Anblick des gehäuteten Tieres, genossen die Erwachsenen das Fleisch. Am Brenodor-Fest wurde, wie das im Leben der Kelten ab 250 vor Christus üblich war, Wildschweinfleisch gegessen - gefüllt mit Äpfeln, Zwiebeln und Datteln. Während eines Tages öffnete sich für Familien und archäologisch Interessierte ein Zeittor in die Vergangenheit. Auf der Engehalbinsel, vorbei am Tiefenauspital und der Matthäuskirche, wurden die Kelten und Römer dank dem Projekt «Brenodor - Das älteste Bern» zum Leben erweckt.

Überall auf dem Areal tummelten sich Frauen und Männer in Tuniken und Togen, Bäuerinnen oder Gladiatoren - alles freiwillige Mitarbeiter unter anderem des archäologischen Instituts der Universität Bern. Diese versuchten so verkleidet Geschichte vor Ort erlebbar zu machen. Zu Hunderten begaben sich Interessierte auf das Gelände der «Vorgängersiedlung» des heutigen Berns, wie es die Archäologen nennen.

Rollenspiele

Nebst dem Bestaunen typischer Gewänder oder dem Degustieren verschiedener Nahrungsmittel lud das Fest vor allem zum Experimentieren ein, etwa wie eine Fibel gebastelt wird. Die ersten Formen dieser metallenen Gewandnadel sind nach dem Prinzip der Sicherheitsnadel bereits seit der Bronzezeit bekannt. So konnten Kinder mit Feile, Hammer und Zange ihrer Fantasie freien Lauf lassen und ihre persönliche Fibel kreieren.

Um die Vergangenheit unserer Vorfahren hautnah zu erleben, konnten die Besucherinnen und Besucher selber in andere Rollen schlüpfen, indem sie sich als junge Römerin, tapferen Gladiator oder hämmernden Schmied verkleideten. Mit grosser Ausdauer suchten wiederum ganze Familien auf einer Lehrgrabung in Sand nach Münzen, Keramikstücken oder Schokolade. Manch einem Kind ging der archäologische Atem dann doch frühzeitig aus. Diese gingen sogleich zum nächsten Angebot über, beispielsweise dem Herstellen eines Tongefässes oder dem Basteln einer Keltenkette. Geführt und erläutert von freiwilligen Helfern.

«Vieles ist noch unentdeckt»

Doch nur wegen dieser Einblicke wird wohl keiner als Experte am Samstag das Areal verlassen haben. «Vieles auf der Engehalbinsel ist noch unentdeckt», sagt Projektleiter und Archäologe Urs Rohrbach. Fragen zu den ersten Berner Siedlern, die vor über 2000 Jahren das Gebiet innerhalb der nördlichen Aareschlaufe bewohnten, blieben somit auch nach dem Brenodor-Fest offen. «Durch dieses Fest soll das ‹älteste Bern›, das 1849 per Zufall beim Bau der Tiefenaustrasse wieder entdeckt wurde, bei einer breiten Öffentlichkeit bekannter werden.» Rohrbach - natürlich selbst mit einer Tunika und weisser Toga sowie schwarzen Römerschuhen bekleidet - ist sicher, dass gerade diese Visualisierung dank Kostümen und Rekonstruktionen nötig ist. Eine Wiederholung des Festes sei geplant, noch stehe die Suche nach Geldern an, so Rohrbach weiter. «Die Kosten dieses Festes belaufen sich dank viel ehrenamtlicher Arbeit Freiwilliger auf nur rund 25'000 Franken der sonst gut 100'000 nötigen Franken.» Ob mit einem Defizit gerechnet werden muss, müsse eine abschliessende Bilanz des Festes zeigen.

Es sind vier Vereine, darunter der Verein «pro brenodor», die das Projekt «Brenodor - Das älteste Bern» organisiert haben. Zusammen mit Institutionen wie etwa dem Archäologischen Dienst des Kantons Bern, dem Bernischen Historischen Museum oder der Universität Bern. Weiterführende Ideen seien geplant, so Rohrbach. Für den geplanten Audioguide fehlt zwar noch das Geld. Bereits angeboten werden hingegen szenische Führungen für Schulklassen und Gruppen. Denn, so Rohrbach: «Die Engehalbinsel mit ihrer archäologischen Stätte in unmittelbarer Stadtnähe soll aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt werden.»

Der Bund

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