«Gebaut wie ein Gefängnis, geführt wie eine Klinik»

Die eröffnete forensisch-psychiatrische Station auf dem Waldau-Areal erfüllt hohe Sicherheitsstandards.

Ein schlichter Neubau: die forensisch-psychiatrische Station.

Ein schlichter Neubau: die forensisch-psychiatrische Station.

(Bild: Valérie Chételat)

Anita Bachmann@anita_bachmann

«Ich bin froh, dass wir die Lücke schliessen können.» Mit diesen Worten eröffnete Baudirektorin Barbara Egger gestern die forensisch-psychiatrische Station auf dem Areal der Waldau. 14 Plätze stehen dort für psychisch kranke Straftäter und überdurchschnittlich gewaltbereite und gewalttätige Menschen mit Fürsorgerischem Freiheitsentzug (FFE) nun bereit. Das Bedürfnis einer solchen Station bestehe seit über drei Jahrzehnten, sagte Regula Mader, Direktorin der Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD), bei der Eröffnungsfeier. Trotz politischem Widerstand gewährte der Grosse Rat 2008 den nötigen Kredit, nun wurde der 12-Millionen-Bau realisiert.

Die durchschnittlich angestrebte Aufenthaltsdauer soll 30 Tage betragen. «Zu kurz für Straftäter mit angeordneten therapeutischen Massnahmen, die mehrere Jahre dauern», sagte Hans Zoss, Direktor der Anstalten Thorberg. Entlastung für die kürzlich in Betrieb genommene Therapieabteilung auf dem Thorberg bringe die neue Station deshalb nicht. Als Krisenintervention, Vorbereitung auf eine therapeutische Massnahme oder für die Einstellung einer Medikation werde die neue Station aber sicher von der Strafanstalt Thorberg in Anspruch genommen, sagte Zoss. Entlastend für die Gefängnisse dürfte die neue Station wirken, weil gewaltbereite Personen mit FFE nicht mehr mangels Alternative in Strafanstalten und Regionalgefängnissen eingewiesen werden.

Therapieangebot erschöpft

Dass bisher immer wieder Menschen mit FFE in Gefängnissen zwangsläufig falsch platziert wurden, geht aus einem Bundesgerichtsentscheid hervor. Eine an dissozialer Persönlichkeitsstörung leidende Person mit ausgeprägter Frustrationsintoleranz ist per statthalterliche Verfügung schliesslich in eine Strafanstalt eingewiesen worden, nachdem sie zwischen Regionalgefängnissen und Psychiatrie hin und her geschoben worden war. Diese Ultima Ratio knüpfte der Statthalter an die Bedingung, dass die Person nach der Eröffnung auf der forensisch-psychiatrischen Station aufgenommen wird. Wenn eine Person in einer psychiatrischen Klinik nicht tragbar sei, sei das Therapieangebot im Kanton Bern erschöpft, heisst es im Gerichtsentscheid. Dem Klientel entsprechend erfüllt die Station hohe Sicherheitsstandards, aber es ist kein Hochsicherheitstrakt. So seien etwa die Fenster nicht vergittert, bis auf ein schmales Fenster, das zum Lüften geöffnet werden könne, wie Martin Burger, Sicherheitsbeauftragter der UPD, erklärte. Ähnlich wie in einem Gefängnis gibt es aber beim Eingang Metalldetektor, Fahrzeugschleuse und bei den Zimmertüren Durchreiche- und Sichtklappen. Auf dem Waldauareal ungewohnt wirkt der mit einem drei Meter hohen Zaun gesicherte Spazierhof. Für gefährlichere Insassen der Station – die diesen Zaun vermutlich überwinden könnten – wurde auf dem Dach ein weiterer Spazierhof errichtet. Betonmauern und ein massives Eisengitter als Decke begrenzen den Hof, in dessen Mitte ein Pingpongtisch steht. «Die Station ist gebaut wie ein Gefängnis und wird geführt wie eine Klinik», sagte Burger.

Ein Recht auf Behandlung

Weil die Station in erster Linie eine Klinik ist, wo Menschen gesund werden sollen, setzten die Architekten Wert auf Ästhetik. Ein helles Grün dominiert in der Station, kombiniert mit einem dunklen Rot und Holzmöbeln. Viel Licht durchflutet die Zimmer dank grossen Fenstern mit Sichtschutz. «Warum sind die Menschen gewalttätig?», zitierte Egger den deutschen Künstler Joseph Beuys. Und weiter: «Weil sie in hässlichen Tapeten aufwachsen.» Ganz so einfach sei es mit der Gewalttätigkeit nicht, aber eine angenehme Umgebung habe einen positiven Effekt auf den Menschen, sagte Egger. Für die UPD bringe die Station mehr Sicherheit, sagte Mader. Denn ein Teil der künftigen Patienten werde heute in der Psychiatrie behandelt. Damit eine gewaltbereite Person Mitpatienten und Personal nicht gefährde, müssten die Freiheiten beschränkt werden, wovon auch nicht beteiligte Patienten betroffen seien. «Gewalttätige Patienten im Rahmen ihrer Psychose müssen aber die UPD weiterhin selber bewältigen», sagte Thomas Müller, Chefarzt Poliklinik UPD.

Nur weil die forensisch-psychiatrische Station auf dem Waldauareal stehe, dürfe man künftig psychisch Kranke nicht mit Straftätern gleichsetzen, sagte Mader. Denn der grösste Teil psychisch kranker Menschen sei nicht gewalttätig. Auf der anderen Seite hätten aber auch Menschen, die sich strafbar gemacht haben, Anrecht auf Behandlung, wenn sie krank seien. «Und das betrifft psychische Krankheiten ebenso wie körperliche», sagte Mader. Für kranke Straftäter gibt es zudem weiterhin die Bewachungsstation am Inselspital, auch dort werden heute psychisch kranke Straftäter behandelt. Einige, zu gefährliche, Verurteilte würden weiterhin dort behandelt, sagte Chefarzt Müller. Im Gegensatz zur neuen forensisch-psychiatrischen Station sei die Bewachungsstation ein richtiges Gefängnis.

Der Bund

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