«Gartenstädte waren eine Reaktion auf die Luftverschmutzung»

Die Idee der Gartenstadt entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Heute würde eine Siedlung wie das Wylergut dichter gebaut.

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Herr Schläppi, woran erkennt man die Beliebtheit des Wylerguts? Viele Leute haben ihr Leben lang im Wylergut gelebt. Oder sind hier aufgewachsen und nach der Heirat zurückgekehrt. Den Erfolg des Wylerdörflis im Norden von Bern kann man am kläglichen Scheitern vieler anderer grosser Wohnbauprojekte messen. Die Banlieues in Frankreich sind zu Ikonen des sozialen Abstiegs verkommen. Der Grosssiedlungsbau Pruitt-Igoe in St. Louis (Missouri) musste wegen massiver sozialer Probleme gar gesprengt werden. Vor diesem Hintergrund funktioniert das biedere, unauffällige Wylerdörfli gut.

Wo liegen die Wurzeln der Siedlungsgenossenschaft Wylergut? Im Zweiten Weltkrieg wurden Bauprojekte gefördert, um die Beschäftigung anzukurbeln. Neben Restaurierungen war auch der Bau des Wylerguts eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme. Am meisten gebaut wurde jedoch in der Hochphase der Industrialisierung bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts.

Warum? Weil durch die Industrialisierung viele Arbeitskräfte in die Stadt geströmt sind, gab es eine grosse Nachfrage nach Wohnungen. Phasenweise sprach man von Wohnungsnot. Im 19. Jahrhundert waren es oft die Fabrikbesitzer, welche Siedlungsbau betrieben. Später übernahmen auch Genossenschaften, unterstützt vom Staat, diese Aufgabe.

Sind Gartenstädte eine Schweizer Erfindung? Die Idee der Gartenstadt ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts in England entstanden. Es war eine Reaktion auf die verschmutzte Luft in den Städten. Aus gesundheitlichen Gründen wollte man im Grünen wohnen. In den Gartenstädten in Europa war die Idee der Selbstversorgung wichtiger, besonders natürlich während der beiden Weltkriege.

Wie würde das Wylergut heute geplant, wenn dort wie im Viererfeld noch ein Feld wäre? Das Wylergut müsste möglichst gut in das Verkehrsnetz eingebunden werden. Dann müsste man eine grössere Vielfalt sicherstellen, als wir sie heute im Wylergut haben: soziale Durchmischung, Kindertagesstätten, Gewerbe. Daher braucht es Ideenwettbewerbe, welche die Qualität der Projekte sichern.

Müsste man heute nicht auch viel dichter bauen? Es würde auf jeden Fall viel dichter gebaut. Hauptsächlich, weil wir viel haushälterischer mit dem Boden umgehen müssen. Die Idee der Selbstversorgung steht heute nicht mehr so im Vordergrund. Weil mehr Menschen an einem Ort zusammenleben, kann Verdichtung aber auch zur Vielfalt im Quartier beitragen. Verschiedene Lebensformen von der Familie bis zur Gross-WG müssen in einem dichten Quartier Platz finden. Als Trägerschaft wäre es ideal, wenn man wieder mit Genossenschaften arbeiten würde.

Warum? Wenn Investoren bauen, regelt der Markt die Nutzung der Bauten. Dies führt zu steigenden Preisen. Genossenschaften können sich hingegen selber Regeln geben, da sie nahe bei den Leuten sind. Die Genossenschaft ist nicht dem Shareholder-Value verpflichtet, sondern einer nachhaltigen Nutzung. Hier ist das Wylerdörfli vorbildlich.

Sind eigentlich Denkmalpflege und Umweltschutz ein Widerspruch? Auch Denkmäler können ertüchtigt werden. Dies braucht jedoch immer eine behutsame Herangehensweise. Problematisch wird es, wenn man denkmalwürdige Substanz kurzlebigen Ökotrends opfert. Und häufig ist es am nachhaltigsten, auf eine Massnahme zu verzichten und keine graue Energie zu verschwenden. Der Wert der Immobilien im Wylergut ist in den letzten Jahren in die Höhe geschossen.

Findet im Wylergut eine Gentrifizierung statt? Ich habe im Wylerdörfli von verschiedenen Bewohnern die Klage gehört, dass Leute, die viel für ihre Häuser bezahlt hätten, weniger Bereitschaft zeigten, sich gemeinschaftlichen Anliegen anzuschliessen. Dieses Phänomen könnte der Idee der Gemeinschaft tendenziell schaden. Man sollte die soziale Utopie nicht aus den Augen verlieren. Ein Ort wie das Wylerdörfli ist auch als Gemeinschaft wichtig. Wenn das Nebeneinander von Nachbarschaft, Kompostverein und Kindergarten funktioniert, ist die Lebensqualität an so einem Ort massiv höher.

Der Bund

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