G-20-Protest made in Bern

Zum Gipfeltreffen in Hamburg reisen mehrere Hundert Schweizer an, um zu protestieren. Der Motor der Mobilisierung ist die Berner Reitschule, die hierfür Merchandising-Artikel entwirft.

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Am Freitag ist es so weit: In Hamburg treffen sich beim G-20-Gipfel die Staatschefs zahlreicher Industrie- und Schwellenländer. Mit dabei sind auch Hunderte Demonstranten aus der Schweiz. Autonome Zentren verschiedener Städte haben bei der Koordination im Vorfeld die Führung übernommen und aktiv dazu aufgerufen, an den Protesten teilzunehmen. In keiner anderen Schweizer Stadt wird aber stärker mobilisiert als in Bern, und ganz vorne mit dabei ist die Reitschule.

Zunächst hat deren Mediengruppe Anfang April mitgeteilt, man werde sich an den Protesten gegen den G-20-Gipfel beteiligen und während des Treffens die Tore schliessen. Die Reitschule verstehe sich als Teil einer breiten Bewegung, «welche die herrschenden Verhältnisse grundlegend infrage stellt und sich nach Alternativen sehnt», heisst es in der Mitteilung. Auch die Parolen auf dem Dach der Reitschule sprechen für sich: «Shoot G20» steht da, daneben ein Sturmgewehr. Dahinter stecken zwar nach eigenen Angaben nicht die Betreiber selber – stehen gelassen haben sie es trotzdem.

Sonderzug, Schirme und Westen

Es bleibt aber nicht bloss bei Solidaritätsbekundungen, wie Recherchen des «Bund» zeigen. Für die Proteste hat die hauseigene Druckerei der Reitschule eine Merchandising-Linie entworfen: «Mein Zuhause ist die Welt – grenzenlose Solidarität» steht auf neonpinken Regenschirmen und Leuchtwesten. Diese sollen unter den Demonstranten verteilt werden, die mit dem Zug nach Hamburg reisen. Die linke Szene hat nämlich grenzübergreifend zusammengearbeitet, um einen Sonderzug auf die Schienen zu bringen.

Die Organisatoren rechnen damit, dass rund 1000 Demonstranten aus Deutschland und der Schweiz per Bahn nach Hamburg fahren. Der Zug soll den Badischen Bahnhof in Basel am frühen Nachmittag verlassen. Bis Dienstag Abend konnten Interessierte ihre Tickets auch an einem Verkaufs- und Infostand im Restaurant Sous Le Pont in der Reitschule beziehen. Man habe etwas über 70 Billette verkauft, heisst es bei einem Ticketverkäufer auf Anfrage. Die Kosten für die Hin- und Rückfahrt betragen 100 Euro. Aus Bern dürften insgesamt über 150 Personen anreisen, deutsche Behörden rechnen insgesamt mit rund 100'000 Teilnehmern.

Flirt mit der Gewalt

Das grosse Interesse führt der emeritierte Soziologie-Professor Ueli Mäder auf das «Erstarken des neoliberalen Nationalkonservatismus» zurück, wie er im Interview mit dem «Bund» sagt. «Die populistischen Bewegungen um Donald Trump in den USA oder Marine Le Pen in Frankreich: Das emotionalisiert die Leute, bewegt und berührt sie. Und das mündet in ein Bedürfnis, sich wieder stärker zu artikulieren und auf die Strasse zu gehen.»

Auch B. (Name der Redaktion bekannt) wird in den Sonderzug steigen. Der 26-jährige Berner arbeitet in der Gastronomie und studiert Soziale Arbeit. Es gebe «eine gefühlte Million Gründe», die ihn zum Protest bewegten. «Trump in Amerika, Erdogan in der Türkei – wenn solche Personen so viel Macht anhäufen können, ist das für mich der lebende Beweis, dass etwas falsch läuft.» Sein Protest richte sich aber nicht einfach an Personen: «Das sind nur Repräsentanten eines Systems, das dahintersteckt und das deren Aufstieg und Getue erst ermöglicht.» Am Gipfeltreffen kämen diese Leute zusammen. Er sehe es als seine Pflicht, an den Demonstrationen teilzunehmen und ein Zeichen zu setzen: «Verdammt noch mal, ich bin damit nicht einverstanden.»

Derweil wächst in Hamburg die Angst vor gewaltbereiten Demonstranten. B. sagt, er wolle friedlich protestieren. Damit lasse sich mehr erreichen als mit fliegenden Steinen. Und auf Demo-Websites wird verkündet, «lautstark und entschlossen die Vorstellung von einer friedlichen und solidarischen Welt» auf die Strasse zu tragen. Das Vokabular der Aktivisten spricht aber eine andere Sprache: «Smash G20», «Shoot G20», von «Sabotieren» ist die Rede, begleitet von Darstellungen von Waffen. Der Flirt mit der Gewalt gehört zur medienwirksamen Selbstinszenierung der Aktivisten. Wie verträgt sich das? «Es geht darum, hin und wieder rote Linien zu überschreiten», sagt B. «Sie leben davon, dass man sie übertritt. Das hilft, Diskussionen loszutreten und Regeln zu hinterfragen.»

Dennoch will sich B. nicht gänzlich von gewalttätigen Demonstranten distanzieren. Er kenne ihre Beweggründe nicht und könne nicht für sie sprechen. Der Vorwurf mangelnder Distanz wird jeweils auch von Politikern geäussert, wenn im Umfeld der Reitschule Demonstrationen stattfinden und sich diese auf die Seite der Protestierenden stellt. «Es nervt aber extrem, wenn dann nur militante Aktivisten im Fokus der Berichterstattung stehen», sagt B. Dabei werde häufig ausgeblendet, dass sich die Polizei nicht deeskalierend verhalte. (Der Bund)

Erstellt: 05.07.2017, 06:50 Uhr

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