Eine Unterführung für Fussgänger – den Autos zuliebe?

Die Fussgänger-Lobby pocht auf eine Fussgängerunterführung beim Berner Hirschengraben. Gegner wittern ein strategisches Manöver.

Durch ein Loch im neugebauten Haus beim Bubenbergplatz sollen Pendlerinnen und Pendler in den Bahnhof gelangen können.

Durch ein Loch im neugebauten Haus beim Bubenbergplatz sollen Pendlerinnen und Pendler in den Bahnhof gelangen können. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das wird eng: Wenn 2025 die erste Ausbauphase des Bahnhofs Bern beendet ist, sollen 10'000 Passanten den Bubenbergplatz überqueren – und das innerhalb 10 Minuten. Heute sind es lediglich 1700 Personen, die dort in dieser Zeitspanne die Strasse queren.

Um die wachsenden Pendlerströme zu bewältigen, prüft die Stadt, den Hirschengraben mit einer Fussgängerunterführung mit dem Bahnhof zu verbinden. Ein Entscheid ist noch nicht gefallen. Nun macht der Verein Vortritt Fussgänger von Stadtrat und FDP-Fraktionspräsident Bernhard Eicher Druck und fordert in einer Mitteilung, dass die Stadt das Projekt endlich an die Hand nimmt. «Von einer Unterführung würden alle profitieren», sagt Eicher auf Anfrage. Die Fussgänger hätten eine sichere Möglichkeit, die Strasse zu queren, «und Autos, Velos, Busse und Trams kämen flüssiger voran».

Einen Unterstützer hat Eicher bereits: SP-Grossrat und Velo-Lobbyist David Stampfli. «In diesem Fall wäre eine Fussgänger-Unterführung angezeigt», sagt er. Stampfli bezweifelt aber, dass es Eicher tatsächlich um die Fussgänger geht. «Er hofft wohl, dass mit einer Fussgänger-Unterführung der autofreie Bahnhofplatz in weite Ferne rückt; es braucht aber beides.»

Auch beim kantonalen Ableger von Fussverkehr Schweiz teilt man diesen Verdacht. «Dem Verein geht es wohl in erster Linie darum, dass die Autos freie Fahrt haben», sagt Co-Präsidentin und SP-Grossrätin Andrea Zryd. Unabhängig von der Motivation der Urheber steht sie dem Vorschlag skeptisch gegenüber: «Fussgänger-Unterführungen gelten eigentlich als Relikt der 1950er-Jahren.» So fühlten sich Fussgänger unter freiem Himmel wohler als unter der Erde. Gerade ältere Menschen und teils Frauen fürchteten sich zudem in Unterführungen nicht selten.

Allerdings gebe es Situationen, wo Unterführungen auch heute noch angebracht seien. Ob beim Bubenbergplatz ein solcher Fall vorliegt, kann Zryd noch nicht mit Bestimmtheit sagen. «Wir müssen das noch abklären.» Sicher sei, dass ein autofreier Bahnhofplatz für Fussgänger den viel grösseren Nutzen brächte. «Das Geplänkel um die Unterführung interessiert uns weniger.»

Eicher weist die Vorwürfe zurück. «Ideologisch verblendete Politiker aus Mitte-links-Parteien haben einfach Mühe, wenn sich Bürgerliche für die Interessen von Fussgängern einsetzen», sagt er. Dass allerdings das Szenario eines autofreien Bahnhofplatzes auch zu seiner Forderung beiträgt, wird aus dem Gespräch deutlich: Es kursiere das Gerücht, dass Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) die Unterführung verhindern wolle, um über die Hintertür den Weg für einen autofreien Bahnhofplatz zu ebnen, sagt Eicher. «Wir sind dagegen, dass man Fussgänger instrumentalisiert, um andere Verkehrsteilnehmer zu behindern.»

Gemeinderätin Wyss dementiert das Gerücht. «Wir werden dem Gemeinderat Anfang Jahr den Projektierungskredit mitsamt Passage Hirschengraben beantragen», teilt sie auf Anfrage mit. Das ist aber keine Absage an einen autofreien Bahnhofplatz. «Die fachliche Einschätzung, dass eine Unterführung notwendig ist, gilt unabhängig von der Entwicklung des motorisierten Individualverkehrs auf dem Bahnhofplatz.» (Der Bund)

Erstellt: 27.12.2017, 10:16 Uhr

Artikel zum Thema

SBB will «unaufgeregten» Bubenberg-Neubau

Beim Berner Bubenbergplatz entsteht ein weiterer Zugang zum Bahnhof: Die SBB will dort ein komplett neues Gebäude mit einer grossen Halle bauen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...