Bürgerliche wollen Brücke für alle statt für wenige

Der geplanten Velobrücke zwischen Länggasse und Nordquartier erwächst im Stadtrat Opposition: FDP und CVP wollen eine «echte Brücke» für alle statt einen «Panoramasteg» für Velos.

Beim Portal des Neufeldtunnels befände sich der westliche Brückenkopf der Velobrücke.

Beim Portal des Neufeldtunnels befände sich der westliche Brückenkopf der Velobrücke. Bild: Adrian Moser

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Weshalb sollen nur Velos und Fussgänger die geplante Brücke zwischen Länggasse und Nordquartier überqueren? Wäre nicht ein städtebaulicher Wurf mit einer neuen Hochbrücke für alle Verkehrsteilnehmer und einem anschliessenden Boulevard im Viererfeld-Quartier das zukunftsfähigere Projekt, das der zu erwartenden Bevölkerungsentwicklung besser Rechnung trüge? Im Januar hatte ETH-Architekt und Städtebauexperte Arpad Boa im «Bund» diese Fragen aufgeworfen – und damit die von bürgerlicher Seite immer wieder als «Prestigeprojekt» kritisierten Velobrückenpläne von Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) infrage gestellt.

Boas Idee fiel bei Fachexperten wie dem früheren Berner Stadtplaner Jürg Sulzer oder dem ehemaligen städtischen Denkmalpfleger Bernhard Furrer auf positive Resonanz. Aufseiten der Politik kommentierten die auf die Verdrängung des Autoverkehrs fokussierten SP und die Grünen Boas Input erwartungsgemäss kritisch. Die bürgerlichen Parteien im Berner Stadtparlament taxierten die Idee als «spannend» oder «interessant», blieben politisch aber zunächst inaktiv.

«Generationenbrücke» für das Viererfeld

Trotzdem hat es Boas Idee einer vollwertigen Brückenverbindung nun doch noch aufs politische Parkett geschafft: Ein interfraktioneller Vorstoss aus FDP, CVP und BDP, über den am 14. Juni im Stadtparlament debattiert wird, fordert Wyss und den Gesamtgemeinderat in Sachen Velobrücke zum Marschhalt auf: Die Planung einer reinen Velobrücke sei zu sistieren und stattdessen «das Potenzial einer neuen Generationenbrücke für das Quartier Viererfeld auszuloten» respektive eine «für neue Verkehrskonzepte optimierte Brücke in die Planung einzubringen».

Solle eine neue Brücke zwischen Nordquartier und Länggasse «einen echten Mehrwert für die Stadt Bern bieten», so der Vorstosstext, müsse eine ähnliche Verkehrsfläche wie bei den bestehenden Berner Hochbrücken in Betracht gezogen werden. Die Brücke müsse «eine hohe Aufwärtskompatibilität» aufweisen, um die künftigen Verkehrsbedürfnisse wie den automatisierten Strassenverkehr abdecken zu können. Offen lässt der Vorstoss indessen auch die Nutzung durch den motorisierten Individualverkehr (MIV): Welchem Zweck die Verkehrsfläche dereinst konkret zugeführt werde, soll laut dem Text konkret erst später «in einem partizipativen Prozess definiert werden».

Gemeinderat will nur Shuttle-Bus prüfen

Die Antwort des Gemeinderats auf den dringlichen Vorstoss steht derzeit noch aus. Dass er in der Angelegenheit eine 180-Grad-Wende vollziehen wird, ist aber nicht zu erwarten: Im Februar hatte die Stadtregierung auf die von Boa lancierte Diskussion reagiert und der Idee einer Brücke für den MIV eine deutliche Absage erteilt. Gleichzeitig kündigte der Gemeinderat jedoch an, die Idee eines Shuttlebus-Betriebs von Wyss’ Tiefbaudirektion zu prüfen und weitere Entscheidungsgrundlagen zur genauen Linienführung und zur Dimensionierung der Zufahrtswege ausarbeiten zu lassen.

Grosse Chancen dürfen sich die Vorstösserinnen und Vorstösser aus FDP, CVP und BDP aber auch aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat nicht ausrechnen; keine Unterstützung zu erwarten ist bereits von der SVP: Die Fraktion habe den Vorstoss noch nicht diskutiert, eine vollwertige Brücke sei am geplanten Standort aber bereits aus Platzgründen «nicht ohne Enteignungen realisierbar», sagt Fraktionschef Alexander Feuz.

Und auch die Fraktionen der Grünliberalen (GLP) und der Grünen Freien Liste (GFL), die bei knappen Verhältnissen das Zünglein an der Waage spielen könnten, dürften sich mehrheitlich gegen den Vorstoss aussprechen: Die GFL steht laut Fraktionschef Lukas Gutzwiller hinter dem Vorgehen des Gemeinderats, der eine Shuttle-Bus-Verbindung prüfen will. Bereits bei der Diskussion um Boas Idee hatte Gutzwiller festgehalten, dass eine vollwertige Brücke für die GFL nur «diskutierbar» sei, «wenn dadurch der Bahnhofplatz autofrei würde».

Für die GLP ist eine «Brücke für den MIV nicht interessant», wie der stellvertretende Fraktionschef Claude Grosjean auf Anfrage verlauten lässt. Wichtig sei aus Sicht der Grünliberalen, dass der Gemeinderat «möglichst bald eine Vorlage mit den Gesamtkosten präsentiert, über die dann das Volk entscheiden kann».

Abstimmung nicht vor 2020

Für Vorabklärungen und Projektierungsarbeiten für die Velobrücke hat das Berner Stadtparlament in zwei Tranchen bisher insgesamt 1,946 Millionen Franken bewilligt, abschliessend rechnet der Gemeinderat mit Gesamtkosten von 18 Millionen Franken.

Gemäss der Terminvorgabe des Gemeinderats soll der Variantenentscheid bis Ende 2019 ausgearbeitet und dann dem Stadtrat vorgelegt werden. Das Parlament soll dannzumal zudem über eine weitere Kreditaufstockung zur Durchführung des geplanten Projektwettbewerbs entscheiden können. Über ihn wird voraussichtlich abschliessend das Volk befinden können (vgl. Box). (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.06.2018, 17:52 Uhr

Vorsorgliches Referendum gegen Velobrücke

Der Verein Vortritt Fussgänger droht mit dem Referendum gegen die Velobrücke. Doch das Projekt wird ohnehin dem Volk vorgelegt werden.

Dem Projekt einer Velo- und Fussgängerbrücke von der Länggasse ins Nordquartier erwächst Opposition, ausgerechnet von der Fussänger-Lobby: Weil bei dem Projekt die Fussgänger zu wenig berücksichtigt würden, hat der Verein Vortritt Fussgänger beschlossen, gegen das Projekt das Referendum zu ergreifen. Verzichten will er darauf nur, wenn es zugunsten der Fussgänger überarbeitet wird, wie der Verein am Mittwoch mitteilte.

Die heutige Version der geplanten Brücke von der Länggasse in den Breitenrain sehe eine reine Velobrücke vor, begründet der Verein seinen Entscheid. Die Fussgänger würden «nur am Rand erwähnt und einbezogen». Eine Brücke für einen einzigen Verkehrsteilnehmer sei aber «kurzsichtig und unfair». Sie verhindere eine ausgewogene Förderung des Langsamverkehrs. Einmal mehr werde der Fussverkehr vernachlässigt.

Aus unserer Sicht ist das Projekt derzeit «klar eines für die Velolobby», sagte auf Anfrage Bernhard Eicher, Fraktionschef der FDP im Stadtrat und Präsident des Vereins Vortritt Fussgänger auf Anfrage. Dazu kommen laut Eicher aber auch grundsätzliche Überlegungen zur «Zukunftskompatibilität» der Brücke, wie sie Architekt Arpad Boa und eine hängige Motion im Stadtrat zur Diskussion stellen (vgl. Haupttext). «Wenn klar abgegrenzte Verkehrsflächen für Velos und Fussgänger in zwei Richtungen geschaffen werden, ist die Brücke bereits 8 bis 10 Meter breit. Entsprechend kann man auch gleich eine richtige Brücke bauen, die allen etwas bringt», sagt Eicher.

Der Grundsatzentscheid der Mitgliederversammlung sieht laut Eicher deshalb vor, beim nächsten fälligen Kredit zur Velobrücke das fakultative Finanzreferendum zu ergreifen. Überdenken will der Verein seinen Entscheid unter zwei Bedingungen: Das Projekt müsse «im Sinne der Fussgänger und unter Berücksichtigung der Quartierverträglichkeit» überarbeitet werden.

Stadtrat will obligatorisches Referendum

Mit seiner Referendumsdrohung rennt der Verein Vortritt Fussgänger indessen offene Türen ein: Bereits vor zwei Jahren hatte das Stadtparlament nämlich entschieden, dass die nächste Kreditaufstockung in Sachen Velobrücke obligatorisch dem Volk vorgelegt werden muss. «Falls der Stadtrat bei diesem Entscheid bleibt, umso besser», sagt Eicher: «Dann müssen wir keine Unterschriften sammeln».


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