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Fussgänger im Clinch mit Velofahrern

Die Stadt Bern fokussiere zu stark auf das Velo und zu wenig auf Fussgänger, klagt die Fussgängerlobby. Ein Beispiel ist für sie die neue Brücke zwischen Länggasse und Breitenrain.

Mischzonen wie am Helvetiaplatz, die von Fussgänger und Velos gemeinsam genutzt werden, sind besonders für Fussgänger problematisch.
Mischzonen wie am Helvetiaplatz, die von Fussgänger und Velos gemeinsam genutzt werden, sind besonders für Fussgänger problematisch.
Franziska Rothenbühler

Eine neue Brücke entlang der Autobahn ins Weyermannshaus, eine weitere über die Aare. Die überarbeitete Fussgängerstrategie der Stadt Bern setzt stark auf Beton. Unter den acht Schlüsselmassnahmen, die der Gemeinderat im Rahmen des überarbeiteten Richtplans «Fuss- und Wanderwege Bern» verabschiedet hat, befinden sich nebst den beiden Brücken Verbindungen durch zwei geplante Quartiere, zwei rückwärtige Fussgängerverbindungen und nur zwei eigentliche Hotspots: die Innenstadt und der Helvetiaplatz (siehe Text rechts).

Bernhard Eicher (FDP), Präsident des Vereins Vortritt Fussgänger, hat dafür klare Worte: «Das ist eine Beruhigungspille für die Fussgängerinnen und Fussgänger.» Deren «stiefmütterliche Behandlung» zeige sich daran, dass man viel zu wenig auf Schul- und Wanderwege fokussiert habe. In der Stadt Bern würden insgesamt Fussgänger vernachlässigt und Velos bevorzugt, findet er.

Casimir von Arx (GLP), Co-Präsident Fussverkehr Kanton Bern, kann Eichers Einschätzung nachvollziehen: Häufig vergesse man die Möglichkeit, einfach zu Fuss zu gehen, sagt er. Dem leiste die Stadt mit ihrer starken Fokussierung auf das Velo und den öffentlichen Verkehr noch Vorschub. Besorgniserregend war für ihn vor allem der «Städtebericht Mobilität». Dieser analysiert das Mobilitätsverhalten von sechs Schweizer Städten für den Zeitraum von 2010 bis 2015. In Bern ist der Fussverkehr rückläufig, Velo, Bus und Tram dagegen sind auf dem Vormarsch. Diese Entwicklung dürfe aber nicht auf Kosten des Fussverkehrs geschehen, warnt er. «Zu Fuss gehen ist immerhin die nachhaltigste Form der Fortbewegung», sagt von Arx.

«Zu Fuss gehen ist immerhin die nachhaltigste Form der Fortbewegung»

Casimir von Arx, Co-Präsident Fussverkehr Kanton Bern

Knapp 50 Prozent umgesetzt

1999 hiessen die Berner Stimmberechtigten das Reglement zur Förderung des Fuss- und Veloverkehrs gut. Im selben Jahr definierte die Stadt 153 Massnahmen. Davon wurden lediglich 42 Prozent umgesetzt oder planungsrechtlich gesichert – weitere 10 Prozent erübrigten sich, weil sie in den vergangenen 20 Jahren von anderen Planungen überholt wurden. Für die Umsetzung sämtlicher 153 Massnahmen waren einst zwölf Jahre vorgesehen.

Im Stadtteil Bümpliz-Bethlehem ist die Diskrepanz zwischen Plan und Realität besonders krass: «Gute Vorhaben bestehen seit vielen Jahren, sie werden aber nie umgesetzt», sagt Agnes Nienhaus, SP-Delegierte bei der Quartierkommission Bümpliz-Bethlehem. Dringend notwendig wäre etwa der Fuss- und Veloweg entlang der Bottigenstrasse von Oberbottigen in Richtung Stadt. Denn auf dieser Strecke sind viele Schulkinder unterwegs. Die Stadt will nun einen 3,5 Meter breiten Weg bauen, den Fussgänger und Velofahrer gemeinsam nutzen sollen.

Was wiederum für Seniorinnen und Senioren problematisch ist: «Fährt jemand auf dem Trottoir mit dem Velo vorbei, kann das ältere oder auch andere Fussgänger erschrecken», mahnt Julia Jenzer vom Rat für Senior­Innen. Solche Konflikte beobachtet sie auch an anderen Orten in der Stadt, etwa auf dem Helvetiaplatz. Auch dort gebe es immer wieder Konflikte unter den verschiedenen Verkehrsteilnehmenden. Verschärft werden diese durch die Elektrovelos. Mehr Sicherheit ist für sie darum vor allem mit einem Verzicht auf Mischverkehr zu erreichen.

Kritik wird aufgenommen

Die Stadt will nun immerhin die 30 bestehenden Mischverkehrszonen überprüfen und wo möglich auf eine Trennung hinwirken. Überall werde dies aber nicht möglich sein, schreibt sie.

Karl Vogel, Leiter Verkehrsplanung der Stadt Bern, verteidigt die Stossrichtung: Der Fokus auf dem Velo liege an dessen unausgeschöpftem Potenzial. Während 2010 fast 40 Prozent der Wegstrecken zu Fuss zurückgelegt wurden, waren es im Velosattel nur 10 Prozent. 2015 sank der Anteil Fussverkehr gemäss dem 2017 publizierten Städtevergleich Mobilität allerdings auf 30 Prozent, und jener des Velos stieg auf 15 Prozent. Bis 2030 sollen er gemäss der 2014 lancierten Velostrategie 20 Prozent betragen. Laut Vogel will der Gemeinderat bis 2021 nun auch beim Fussverkehr Gegensteuer geben.

Vogel nimmt die geäusserte Kritik auf: Sichere Schulwege und hindernisfreie Wege würden ebenso Priorität geniessen wie sogenannte Aufenthalts- und Begegnungsorte. «Gerade in diesem Bereich ist die Direktion Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün bereits sehr aktiv», sagt er. Der Gemeinderat habe zuhanden des Stadtrats kürzlich beantragt, dass nächstes Jahr 500 Sitzbänke installiert werden sollten. Dies komme generell Fussgängerinnen und Fussgängern zugute, aber besonders älteren oder gehbehinderten Menschen. Investitionen in den Langsamverkehr liessen sich aber nicht immer nach einzelnen Verkehrsträgern aufschlüsseln. «Viele Projekte dienen sowohl dem Fuss- als auch dem Veloverkehr», sagt er.

Doch die Vorbehalte gegenüber der städtischen Strategie bleiben. So steht zum Beispiel die geplante Brücke zwischen Länggasse und Breitenrain in der Kritik. Propagiert wird sie als Gewinn für Velo und Fussgänger gleichermassen. VCS, Fussverkehr Kanton Bern und der Verein Vortritt Fussgänger zweifeln am Nutzen dieses Bauwerks für Fussgänger. Sie befürchten konkret, dass der Grossteil der Mittel dafür verwendet wird und andere wichtige Massnahmen unrealisiert bleiben. Sie und etliche SP-Sektionen sähen es lieber, wenn problematische Kreuzungen und Übergänge fussgängerfreundlicher gestaltet würden.

Wie fühlen Sie sich als Fussgänger in Bern? Sind Sie überhaupt zu Fuss unterwegs? Teilen Sie die Meinung der Kritiker, dass die Stadt Fussgänger «insgesamt vernachlässigt»? Wir wollen von Ihnen wissen: Wie erleben Sie das Miteinander von Fussgängern und Velofahrern?

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