Fussballerischer Kollektivismus

Die Berner Gastroszene stellt derweilen Grossleinwände für die Fussball-WM auf. Doch ob und in welcher Form Public Viewings berechtigt sind, ist umstritten.

Public Viewings gibt es an vielen Orten – auch in der Badi. Wylerbeizli-Mitbetreiber Marco Belz beim Aufbau.

Public Viewings gibt es an vielen Orten – auch in der Badi. Wylerbeizli-Mitbetreiber Marco Belz beim Aufbau. Bild: Adrian Moser

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Eine Weltmeisterschaft ist eine hart umkämpfte Sache. 32 Mannschaften machen unter sich die globale fussballerische Vorherrschaft aus. Doch um einiges grösser ist das Teilnehmerfeld, wenn es darum geht, mit den 64 WM-Spielen auf Gästefang zu gehen. Auch in Bern gibt es nur wenige Gastrobetriebe, bei denen ab nächsten Freitag bis zum 15. Juli fussballerische Flaute herrscht. Im Beizli des Freibads Wyler glaubt man gute Karten zu haben. «Wo sonst kann gebadet werden, wenn gerade kein Spiel läuft?», fragt Wyler-Beizli-Mitbetreiber Marco Belz rhetorisch.

Die WM soll dazu genutzt werden, die Badibeiz bekannter zu machen. Die Terrasse wurde begrünt, eine LED-Grossleinwand aufgebaut, das Personal aufgestockt. «Eigentlich eine riskante Investition», sagt Belz. «Wenn es im nächsten Monat regnet, sieht es nicht rosig aus.» Und was ist mit den Besuchern, deren Fussballeuphorie sich in Grenzen hält? «Das Wylerbad ist gross. Es gibt genügend Ecken, die nicht beschallt werden.»

Das Fanlokal Halbzeit im Breitenrain hat der Öffentlichkeit seit 1998 keine WM oder EM vorenthalten. Doch oftmals wurde das Public Viewing in ein anderes Lokal ausgelagert. «Im Sommer ist es bei uns im Sousparterre etwas deprimierend», sagt Halbzeit-Mitglied Res Hofer. Dieses Jahr spannt die Halbzeit mit dem Restaurant Löscher am Viktoriaplatz zusammen.

Das Programm beschränkt sich nicht auf die Spiele, sondern bietet neben Musik und Livekommentatoren auch die Möglichkeit, sich über die politischen Machenschaften des WM-Austragungsorts Russland zu informieren. Ein wichtiger Punkt, sagt Hofer. Denn Fussball, ohne diesen zu hinterfragen, gibt es bei der Halbzeit nicht. «Ein Turnier zu schauen, das in einem Land stattfindet, das Journalisten und Künstler verfolgt, bringt einen in eine moralische Zwickmühle.» Ein Boykott sei aber nie infrage gekommen. «Dazu lieben wir Fussball zu sehr.» Und seine Sympathien für Putin nähmen nicht zu, nur weil er die Weltmeisterschaft schaue.

«Dagegen sträube ich mich»

Es gibt aber auch Menschen, die gegen den Fussball eine vollkommene Immunität an den Tag legen. Auch in der Stadt Bern sind Vertreter jener Sorte zu finden. Die Webseite www.fussballfrei.be dürfte ihr Leben in den nächsten Wochen erträglicher machen. Sie richtet sich an Menschen, die «ihren Verstand noch nicht gänzlich verloren haben», und führt Beizen auf, die auf ein WM-Programm verzichten. Aufgeführt ist auch das Adrianos. Das Lokal ist eine der letzten Bastionen in der Altstadt, die sich dem fussballerischen Massenschauen konsequent widersetzen. Hier geht es nicht um Politik, sondern ums Prinzip. «Ich sträube mich dagegen, bei allem mitmachen zu müssen», sagt Adrianos-Chef Adrian Iten. Für ihn hat das nichts mit Überheblichkeit zu tun, sondern viel mehr mit Firmenphilosophie. «Wir sind keine Entertainerbar.»

Grundsätzlich hat Iten nichts gegen Public Viewings und besucht manche sogar selbst. «Das Bierhübeli macht das sehr gut.» Dennoch verfolgt er das gastronomische Aufrüsten vor Anlässen wie der WM mit einer gewissen Skepsis. «Mich stört es, wenn krampfhaft versucht wird, aus einer Sache Profit zu schlagen.»

Wenn das Geschäft Vorrang hat

Eine punktuell ähnliche Meinung wird am unteren Ende der Altstadt vertreten. Die Fussball-Bar Goal an der Junkerngasse warnt vor den «Konjunktur-Rittern des Fussballs». Auf Facebook mokiert sich das Bar-Team über Gastrobetriebe, die aus dem Fussball primär wirtschaftlichen Nutzen ziehen wollen. Viele regten sich über «primitive Fussballfans» auf, seien aber die ersten, die den Biergarten oder das Säli in ein Public Viewing verwandeln. Die Goal-Bar zeigt alle Spiele. Ob politische Gewissensbisse oder gastronomische Grabenkämpfe: Bier bleibt in WM-Zeiten immer Sieger.

«Die WM hat sicher einen positiven Einfluss. Und wenn unsere Nationalmannschaft lange im Turnier bleibt, freut das die Brauer natürlich umso mehr», sagt Marcel Kreber, Direktor des Schweizer Brauereiverbands.

Die Berner Brauerei Felsenau geht davon aus, dass der WM-Sommer für höhere Umsätze sorgen wird. Wie hoch diese sein werden, sei aber schwer abzuschätzen, sagt Pierre Dubler, Leiter Verkauf und Administration. «Wir befinden uns im Wachstum und haben seit dem letzten Turnier jedes Jahr zugelegt.» Grundsätzlich gelte aber: «Schönes Wetter und Fussball sind die besten Freunde des Biers.» Wieso das so ist, kann Dubler nicht genau sagen. «Es ist wohl einfach Tradition, dass zu einem Spiel Wurst und Bier gehören.» Felsenau-Bier wird während der WM gleich an mehreren Public Viewings ausgeschenkt: unter anderem im Wylerbad, in der Turnhalle, im Bierhübeli und im Schloss Köniz. (Der Bund)

Erstellt: 12.06.2018, 06:19 Uhr

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Von Kinosaal bis Schlosshof

Public Viewings geben Fussballfans die Möglichkeit, ihren Lieblingssport an Orten zu schauen, an denen sie das für gewöhnlich nicht tun. Zum Beispiel im Kino. Auf Stadtberner Boden gibt es dafür gleich zwei Möglichkeiten. Im Kino Cinebubenberg werden alle Spiele mit Schweizer Beteiligung gezeigt. Das im letzten Jahr geschlossene Kino City lässt sogar alle Partien auf seiner Leinwand laufen.

Wer die Sommerabende nicht in dunklen, geschlossenen Räumen verbringen will, hat eine grosse Auswahl. Das Kapitel am Bollwerk rollt auf dem Kleeplatz die Leinwand aus, im Mattenhofquartier wird es auf dem Cäcilienplatz ein Public Viewing geben, und auch im Progr-Innenhof laufen die Fernseher. Wer Fussball gern mit etwas Halligalli verbindet, dürfte im Summer Beach auf der Grossen Schanze auf seine Kosten kommen.

Hier gibt es nicht nur 2000 Quadratmeter Sand, sondern auch DJ-Animationen. Die Grosse Schanze bietet jedoch auch eine familiärere Alternative. Die Bar Peter Flamingo zeigt die Spiele in gemütlicher Atmosphäre und verspricht den Spielen angepasstes Essen: Spielt Deutschland, gibts Currywurst, bei den Spaniern kommt die Paellapfanne aufs Feuer.

Bier ist nicht gleich Bier. Wer höheres als Standardgebräu anstrebt, ist auch während der WM im Biercafé Au Trappiste gut aufgehoben. Gleich zum Eröffnungsspiel zapft das Lokal nicht alltägliche Fässer an. Im Wartsaal gibt es eine grosse Auswahl an Flaschenbier, und wer seinen Glasinhalt dunkel mag, setzt sich ins Mr. Pickwicks Pub. Dort dürfte es vor allem während der England-Spiele eng werden.

Wer die WM als willkommenen Anlass nimmt, einen Ausflug zu unternehmen, findet auch abseits des städtischen Bodens empfehlenswerte Übertragungsorte. Gerade die Gemeinde Köniz legt sich mächtig ins Zeug. Im Liebefeldpark zeigt die Bar Campo alle Spiele in entspannter Umgebung. Ein altbewährter Publikumsmagnet dürfte das Schloss Köniz bleiben.

Hier gibt es nicht nur Grillstationen zur freien Benützung, sondern auch eine Streetsoccer-Anlage und Tischfussballkästen. Und natürlich werden alle Spiele gezeigt.

Hupen erlaubt? Wann die Polizei eingreift

Was auf dem Fussballplatz der Schiedsrichter, ist im wirklichen Leben die Polizei. Die Kantonspolizei verspricht, während der WM etwas walten zu lassen, was beim Aufseher auf dem Rasen oft vermisst wird: Augenmass. Dieses soll beispielsweise bei spontanen Autocorsos zum Einsatz kommen. Grundsätzlich gelte aber: «Wer Autocorsos und Veranstaltungen plant, welche die Strassen mehr als verkehrsüblich in Anspruch nehmen, muss vorgängig eine Bewilligung einholen.»

Und wie sieht es mit Hupkonzerten aus? «Sollten wir Ruhestörungen feststellen oder sollten entsprechende Meldungen bei uns eingehen, werden wir mit Augenmass intervenieren.» Ob eine WM für die Kantonspolizei grundsätzlich eine arbeitsintensive Zeit ist, kann diese nicht generell beantworten. Nur so viel: «Es ist erfahrungsgemäss so, dass es dort, wo viele Leute aufeinandertreffen, auch eher zu Einsätzen kommt.» Bei solchen Veranstaltungen würden die Einsätze oft durch Streitereien, Ruhestörungen oder alkoholisierte Personen ausgelöst. Zudem seien bei grossen Personenansammlungen vermehrt Taschendiebe unterwegs, warnt die Polizei.

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