Interview: «Fussball ist ein Spiel – Radfahren ein Kampf»

2016 sprach Andy Rihs im «Bund»-Samstagsinterview über seinen Tour de France-Coup, die Löhne der YB-Spieler und Dopingfälle in seinem Radsportteam.

Andy Rihs bei einer YB-Medienkonferenz im September 2016.

Andy Rihs bei einer YB-Medienkonferenz im September 2016.

(Bild: Keystone Peter Klaunzer)

Es gibt Orte, die warten 10 Jahre auf eine Tour-de-France-Etappe. Sie brauchten dafür 2. Wie lief das?
Du musst die richtigen Leute kennen.

Eine Frage der Beziehung also?
Genau. Sehr vieles passiert da sehr informell. Die Fifa und Uefa machen Ausschreibungen. Die gibt es bei der Tour nicht. Da heisst es: «Schreib mal einen Brief.» Dann schreibst du einen und sagst, was du willst. Danach hörst du meist nichts mehr.

Wie ging es weiter?
Ich sagte Alexander Tschäppät: «Schau, wir bereiten denen einen staatsmännischen Empfang. Wir holen sie ab in ­Paris, fahren sie in den Erlacherhof.»

Sie holten die ASO-Chefs mit dem Auto in Paris ab? Mit meinem Flieger, rasch-rasch. Der Empfang musste den Respekt für die Veranstaltung ausdrücken und den ­Willen, diese zu empfangen. Dann organisierte Alex das in Bern im Erlacherhof. So schöne Palais haben nur die Sozialisten in Bern. Wunderschön, schöner kann man es gar nicht haben mit der Terrasse mit Blick auf die Aare hinunter. Dann kam noch Andreas Rickenbacher dazu, der damalige Volkswirtschafts­direktor des Kantons, und mit Ueli hatten wir im Von-Wattenwyl-Haus einen Lunch. Alles auch wieder offiziell.

Und Bundesrat Maurer erzählte den Franzosen, dass er einst ein Radfahrer-Bataillon kommandierte.
Genau, das ist ein Sportsmann. Der geht heute noch an den Wasalauf, 90 Kilometer! Auf jeden Fall lief es nicht wie bei Fifa und Uefa – und es ging auch nicht um Geld. Im Ernst: Am Ende ging es um lächerlich wenig Geld. Die Tour zu kriegen ist ein Privileg.

Von wie viel Geld sprechen wir?
Für die drei Tage zahlten Bern und das Wallis etwa 600 000 Euro an die ASO, die Tour-Organisation.

Wie viel zahlten Sie?
Nichts. Keinen Rappen. Ich habe ihnen gesagt: Sobald der Rihs Geld geben muss, hört es gleich auf. Ich stelle die Verbindung her, den Rest macht ihr. Mit Tschäppät ging das gut, sie mussten ­lediglich das Budget aufbringen, einen ­lächerlichen Betrag.

Was heisst lächerlich?
Lächerlich ist, wenn man für so einen Anlass, inklusive aller Sicherheitskosten und so weiter, ein Bruttobudget von ­etwas über 3 Millionen organisieren muss. Rein medial ist es der drittgrösste Sportanlass der Welt. Die produzieren über 6000 Stunden Fernsehen, in über 90 Ländern.

Präsenz Schweiz und Schweiz Tourismus haben Ihnen aber kaum Unterstützung gegeben.
Ich möchte dazu nicht mehr viel ­sagen. Ich habe mit Hannes Schneider-Ammann gesprochen. Es ist einfach mühsam, sehr mühsam. Das muss man sich einmal vorstellen: Wir können während 700 bis 800 Fernsehstunden Werbung für die Schweiz machen, und da kommt von denen einfach nichts.

Sie sprechen immer von «wir».
Das ist ein fantastisches OK-Team um Alexander Tschäppät. Wenn du dann hörst, wie schwierig es ist, etwa von ­Präsenz Schweiz Geld fürs Budget zu erhalten, dann ist das fast lachhaft.

So wie Sie das erzählen, hört es sich an, als ob Sie primär Bern und der Schweiz etwas zuliebe getan haben. Dabei war die Tour-Ankunft auch Ihr persönliches Ziel.
Ja. Aber ich will das nicht gross gewichten. Ich bin seit 16, 17 Jahren in der Radszene, habe zwei Mal die Tour de France gewonnen – ein Mal richtig (Anm.: 2006 wurde Floyd Landis nachträglich des Dopings überführt). Man kennt sich einfach gut. Die Tour schätzt uns. Auch, weil wir viel für sie gemacht haben. Für sie war der Sieg von Cadel Evans 2011 wichtig, sie konnten sagen: Nach vielen Jahren gab es keinen Doper als Sieger.

Sie sind im Kanton Zürich aufgewachsen. Weshalb die Affinität zu Bern?
Es ist eine extrem sportinteressierte Stadt, keine zieht mehr Zuschauer an bei Fussball und Eishockey. Und die Berner sind bereit, dafür etwas zu tun, das merkt man auch jetzt. In Zürich könntest du die Tour niemals machen.

War das einmal ein Gedanke?
Nein, das ist fast nicht möglich. Auch von der Mentalität her.

Sie sind auch Besitzer von YB. Wie unterscheiden sich die Emotionen im Fussball und Radsport?
Es ist völlig anders, die Emotionen entstehen völlig unterschiedlich. Beim Fussball sind die Gefühle viel spontaner, viel mehr zägg-bum. «Out of the blue» fällt ein Tor, und du jubelst. Im Radsport ist das anders, da bibberst du über Stunden, oft eine ganze Etappe lang. Geht es? Kommt der Fahrer durch? Wird er nicht eingeholt? Im Velo begleiten dich viel mehr Ängste, die du durchstehen musst.

Und der Frust?
Der ist auch beim Fussball spontaner. Es kann dich furchtbar aufregen, wenn die da ein bisschen herumbömbelen, und du denkst, die bringen es fertig, 27-mal am Tor vorbeizuschiessen. Das macht mich richtig ranzig, da kann ich ausrufen: «Gats no, spinned die! Der verdient so viel Geld und leistet nichts!» Beim Radsport passiert das kaum.

Dann fühlen Sie sich einem wie BMC-Leader Van Garderen näher als einem wie YB-Stürmer Hoarau?
Schon. Es ist intimer. Ich verbringe mit den Fahrern an Rundfahrten drei Wochen am Stück. Aber: Mich freut es, wenn ein Hoarau souverän spielt. Bei YB habe ich vor allem Kontakt mit Sportchef Bickel, nicht aber mit Trainer Hütter. Ich halte Distanz und mische mich nicht ein, sonst gibt es «Kompetenz-Lämpe».

Und im Radsport?
Hier ist es ein bisschen anders. Hier sind wir wie eine «Family».

Und Sie sind der Vater?
Kann man so sagen. Wissen Sie, wie mein offizieller Titel hier lautet? Kommen wir in ein Hotel, gibt es eine Zimmerliste mit den Bezeichnungen Fahrer, Masseur, Mechaniker und so weiter. Am Schluss bin ich aufgeführt, mein Bruder, mein Pilot und dessen Freundin. Bei uns stand das Funktionsfeld immer leer. Da sagte ich, «Himmel, alle habe einen Titel, nur wir nicht. Das müssen wir ändern.»

Und?
Ich bin nun der «Chief Sommelier». Mein Pilot ist der «Chief Pilot» und seine Freundin «Chief Flight Attendant». Bleibt noch mein Bruder. Bei Jöggi habe ich gesagt: «Du bist der ‹Chief Enthusiast›.»

Apropos Familie: Telefonieren Sie mit Ihren Athleten?
Mit einem Fussballer habe ich das noch nie gemacht. Bei BMC kommt das vor, gerade mit den Teamleadern. Das liegt in der Natur der Sache. Im Radsport entscheiden sie mit, wen sie auf eine Rundfahrt mitnehmen wollen. Im Fussball hingegen sagt der Trainer, wer spielt.

Paradox ist: Bei YB sind Sie Mitbesitzer und agieren im Hintergrund – bei BMC nur Sponsor, aber voll dabei.
Nicht ganz, auch das BMC-Team gehört mir zur Hälfte. Aber wie gesagt, hier sind wir wie eine Familiy. Du weisst, was geht. Du weisst, wer ein Kind bekommt, wer verletzt, wer gestürzt ist.

Was fühlen Sie in jenem Moment?
Das tut mir eben sehr leid, wie kürzlich beim Küng (Anm.: gestürzt bei den Schweizer Meisterschaften). Wenn im Fussball einer ein Bein bricht, tut das auch weh, doch es ist ein anderes Gefühl.

Im Radsport bewundert man die Fahrer wegen ihrer Leidenskraft, die Fussballer nennt man Weichspüler.
Ein Velofahrer muss sicher für seinen Sport viel mehr machen. Er muss trainieren, trainieren, trainieren – er verschiebt Limiten. Ein Fussballer braucht technische Skills und eine gute Fitness. Er muss aber bestimmt weniger trainieren und leiden, wenn er ein bisschen «seckeln» muss. Ein Velofahrer fährt Pässe, immer nahe am anaeroben Bereich.

Haben Sie darum mehr Respekt vor den Velofahrern?
Ja. Es ist aussergewöhnlich, was die leisten. Ich leide extrem, wenn ich Pässe fahre. Ich bin schier gestorben, als ich kürzlich den Mont Ventoux hoch bin. Und ich weiss, die machen das in einem wahnsinnigen Tempo, das ist verrückt. Wenn du das kannst, und das können nicht viele, dann bist du wer. Und, ganz wichtig: Fussball ist ein Spiel. Radfahren ist ein Kampf.

Wo ist es einfacher, Erfolg zu kaufen?
Ich sage es einmal so: Wenn du ein Veloteam entsprechend organisierst, kommst du einfacher zum Erfolg – auch weil die Leistungskomponenten besser messbar sind. Im Fussball kannst du die besten Leute zusammenkaufen, und die Mannschaft funktioniert trotzdem nicht. Um die Tour de France zu gewinnen, braucht es eine gute Vorbereitung, du planst sehr viel – das kostet. Wir schreiben ganze Roadbooks für die Etappen, im Fussball kannst du kein Spiel planen.

Wie lange können Sie sich diese Engagements leisten?
Bis ans Ende meiner Tage sicher. Aber: Das Ganze muss Sinn machen.

Wie viele Millionen schiessen Sie denn pro Jahr in den Sport?
Bei YB liegt der Break-even bei 48 Millionen Franken. Und wenn wir nur 40 umsetzen, dann fehlen 8 Millionen. Darum fahren wir aktuell die Payroll herunter.

Und beim Radsport?
Ich liefere den Cash, rund 20 Millionen Franken. BMC bringt die Sachleistungen, die Velos und das Material.

Das heisst, Sie investieren von Ihrem Vermögen in Radsport 20 Millionen pro Jahr und in Fussball 8 Millionen.
Wissen Sie, ich habe nicht nur Vermögen, ich habe auch Einkünfte. Ich verdiene auch noch Geld.

Einverstanden, doch wer ist teurer – der Fussballer oder der Radfahrer?
Im Schnitt der Fussballer.

Tatsächlich?
Im Fussball hat einer schnell einmal ein paar Hunderttausend. Im Radsport verdient ein junger Fahrer auch einmal 150 000 oder 200 000 Franken. Aber klar, wir haben auch ein paar Stars.

Die verdienen wie viel?
Das ist allgemein bekannt, da spielt ein Markt, die verdienen rund zwei Kisten (Anm.: Millionen). Doch wir haben uns gesagt, wir wollen künftig lieber junge Talente wie die Schweizer Dillier, Bohli, Küng fördern.

Und was erhalten die Bestverdienenden bei YB?
Wohl etwas über einer Million.

Sie kommen im Radsport jovial herüber, sind aber als Geschäftsmann zu Millionen gekommen. Wann sind Sie hart?
Ich bin im Radsport, weil es mein Sport ist. Doch was heisst, hart sein? Wenn ich sehe, dass der Einsatz nicht da ist, da musst du halt auch einmal «Rock the boat» machen. Zig andere Leute hängen an den Resultaten eines Sportlers, und wenn der zu wenig macht, dann bist du hart, dann werde ich grantig – aber das ist der Sache wegen.

Auch im Radsport?
Eher im Fussball, wenn sie «blötterlen», die Kerle, dann sage ich «nehmt einmal den Finger raus». Gut, das sage ich ihnen nicht persönlich. Beim Radsport kommen die harten Entscheide von den Trainern – und ich stütze die.

Dreizehn Ihrer Fahrer wurden des Dopings überführt. Wie haben Sie damals reagiert als Landis und Hamilton aufflogen?
Ich war enttäuscht. Richtig enttäuscht. Ösi (Camenzind) war der Einzige, der mir das gestanden hatte. Der rief mich von zu Hause an und sagte: «Du, die ­haben mich erwischt.» Ich sagte: «Das brauchtest du doch nicht. Du hast deine ganze Karriere zerstört.»

Hamilton schreibt in seiner ­Biografie, er gehe davon aus, dass Sie vom Doping im Team gewusst haben.
Das ist falsch. Er ist der Mann mit den blauen Augen, der einen angeschaut hat und sagte (Rihs wechselt ins Hochdeutsche): «Bei der Ehre meiner Mutter und Schwester habe ich nie irgendwas gemacht.» Ich habe ihm geglaubt.

Sie haben von einer grossen Familie gesprochen. aber in dieser wurde offensichtlich gedopt...
...das war eine Riesenenttäuschung. Du willst nicht eine Tour gewinnen mit einer grossen Party, und drei Tage später ist alles anders.

Haben Sie eine schwarze Liste von Fahrern, die Sie nicht engagieren? IAM stellte etwa keine Spanier ein.
Die Liste habe ich, doch die verrate ich Ihnen nicht.

Wenn Sie einen Fahrer verpflichten, gibt es den Passus Schadenersatz­forderung bei einem Dopingfall?
Nein, das machen wir nicht, doch wir prüfen ihn natürlich auf Herz und Nieren. Und: Jeder hat eine Geschichte, du weisst, wer gefährlich ist, und die nimmst du nicht.

Machen Sie heute Zimmerkontrollen nach den Rennen?
Das ist nicht meine Aufgabe, wir haben Ärzte.

Aber es ist Ihre Marke, die bei einem positiven Fall blutet.
Wissen Sie, das Dopingthema ist eigentlich nur noch aus der alten Zeit des Radsport, nicht mehr aus der neuen. Die heutigen Fahrer trainieren total anders. Wenn einer Epo genommen hatte, musste der doch gar nie richtig trainieren, der hat seine Entwicklung gar nie richtig gemacht.

Doch auch die Doper kamen erst ohne Epo in den Radsport.
Anscheinend wurden die Fahrer in den 90er-Jahren von Anfang an von den Teams zum Dopen aufgefordert, später haben dann die Fahrer einzeln gedopt. Ausserdem, schauen Sie einmal im Fussball, im Eishockey. Wenn ich dort frage, was ist euer Dopinggesetz...

...noch einmal: Legen Sie für Ihre Fahrer die Hand ins Feuer?
Nein. Für keinen einzigen. Doch ich denke, das System ist mittlerweile so engmaschig...

...es gibt Mikrodosen, synthetisiertes Epo.
Du wirst erwischt, glauben Sie mir.

Angenommen, es erwischt noch einmal einen Fahrer aus Ihrem Team, hören Sie dann auf?
Nein. Wenn tatsächlich so etwas noch einmal passiert, dann ist das ein ganz trauriger Typ. Einer, der bereit ist, alles in Kauf zu nehmen. Ich bin der Überzeugung, dass heute jeder Doper in kurzer Zeit auffliegt.

DerBund.ch/Newsnet

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