Zum Hauptinhalt springen

Fulminanter Steigerungslauf

Mit Mahlers 6. Sinfonie wagte sich das Berner Sinfonieorchester an einen Meilenstein der Sinfonik.

Zunächst einmal warf der Gastdirigent des Abends, Günther Herbig, aufgrund seiner künstlerischen Entscheidungen einige Fragen auf. In der umstrittenen Diskussion um die Satzreihenfolge von Mahlers 6. Sinfonie entschied er sich für die ursprüngliche Fassung (Scherzo vor Andante), was an sich legitim ist. Doch das Notenmaterial entsprach dann der revidierten Version, in der schliesslich auch nur noch zwei dieser wuchtigen Hammerschläge auftauchen. Eine Ausführung oder Erklärung dazu suchte man im Programmheft vergeblich. Für die meisten Zuhörenden mag diese Frage irrelevant gewesen sein, andererseits darf man das Publikum schon für solche Problematiken sensibilisieren.

Verstörend dann auch, dass Herbig im ersten Satz die Wiederholung der Exposition einfach beiseiteliess. Auch wenn die Sinfonie ungeheure Dimensionen aufweist, so hat diese Unvollständigkeit im formalen Aufbau doch irritiert, ein ästhetisches Ungleichgewicht hinterlassen. Und das Ungleichgewicht hielt sich anfänglich ebenso in der musikalischen Interpretation. Wo blieb das «Heftig, aber markig»? Das Unaufhaltsame, Eindringliche blieb auf der Strecke. Zu breit und zu schöngeistig präsentierte sich dieses kollektive Marschieren. Überhaupt schien Herbig übers Ganze zu sehr auf Wohlklang bedacht gewesen zu sein. Weil die Musiker und Musikerinnen ihm in dieser Hinsicht wunderbar nachzukommen wussten, gerieten aber Passagen wie die feierlichen Bläserchoräle und die wohltuend heimeligen Kuhherdenepisoden aufs Vorzüglichste. Dafür fehlte eben das Brüchige in Mahlers Klangbild, das Abgründige. Das unheilschwangere Dur-Moll-Signet erhielt wenig Beachtung.

Um diesen Artikel vollständig lesen zu können, benötigen Sie ein Abo.