Frisches Brot – aber bitte leise

5-6 Uhr: Bern brummt: Wenn zwischen fünf und sechs Uhr morgens der Verkehr anzieht, ist es vorbei mit der Ruhe. Lärmschutz ist ein kniffliges Unterfangen.

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Hanna Jordi
Lisa Stalder

Natürlich ist es nie ganz still in der Stadt. Unter einen Pegel von 35 Dezibel, das ist in etwa vergleichbar mit dem Schaben der Rotorblätter eines Zimmerventilators, fällt die Geräuschkulisse selbst in der Nacht nie. Zu viel passiert: Blätter rascheln, Autos fahren vorüber, Babys schreien, Katzen liefern sich Territorialkämpfe. Es ist ein Geräusch-Potpourri von Quellen aus Nah und Fern. Und kommt dem am nächsten, was Städterinnen und Städter als still ­empfinden.

Zwischen fünf und sechs Uhr morgens ist es damit vorüber. Die relative Stille der Nacht geht in einen relativen Lärm über. Der Verkehr schwillt an; die Stadt beginnt zu rauschen. Der Pegel steigt jetzt von 35 auf 38 Dezibel – das entspricht etwa dem Sirren eines handelsüblichen Kühlschranks. Drei Dezibel mehr, das klingt zwar nach wenig, ist aber beachtlich: Aufgrund der logarithmischen Skala entsprechen drei ­Dezibel einer Verdopplung der Schallintensität.

Missliebigen Schall empfinden wir als Lärm. Und Lärm plagt die Menschen. Er schädigt das Gehör, und er kann Nervosität, Niedergeschlagenheit, Aggressivität oder Körperleiden wie Bluthochdruck verursachen. Aber er hat auch soziale Folgen, gerade in dicht besiedelten Gebieten: Lärm sorgt für Konflikte, überall dort, wo gelebt wird. Das merkt nicht zuletzt die Kantonspolizei Bern: Rund 3800 Lärmklagen gehen bei ihr jährlich aus dem ganzen Kanton ein. Das Spektrum ist gross: Es geht von der Waschmaschine, die in der Nacht läuft, über ein Möbelrücken über Mittag bis hin zu lärmenden Gästen einer Bar.

Mehr Klagen, weniger Verkehr

Auch Eva Krähenbühl ist entlang einer dieser Konfliktlinien zugange. Sie arbeitet bei der Abteilung Bau und Lärm des städtischen Amts für Umweltschutz. Sie beantwortet regelmässig die Anfragen am Sorgentelefon für Menschen, die unter Stadtlärm leiden. Ein Thema ist ein Dauerbrenner: «Der Verkehr.» Und wer auf sein Recht auf Ruhe pocht, hat in der Regel früher oder später Erfolg.

Das zeigte sich etwa letztes Jahr in der Matte. Weil das Fahrverbot schlecht befolgt wurde, erstritten sich die Anwohner nach jahrelangem Hin und Her einen Poller. Das stiess die Poller-Gegner vor den Kopf. Jeder Lärmkonflikt kennt Verlierer – ein Umstand, von dem Gastronomen ein Lied singen können. Erst letzte Woche wurde bekannt, dass die Zwischennutzung der alten Kaserne an der Viktoriastrasse nicht bewilligungsreif ist, weil Nachbarn Lärm fürchten.

Bemerkenswert ist, dass die Lärmbeschwerden über Verkehr zunehmen, ­obwohl sich der motorisierte Privatverkehr auf städtischen Strassen seit den 1970er-Jahren stetig reduziert hat. Das ist einerseits auf den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und andererseits auf die Verlagerung des motorisierten Individualverkehrs auf das Nationalstrassennetz zurückzuführen. Werden die Menschen immer intoleranter?

«Die Leute sind nicht sensibler als früher, aber der Lärm wird immer komplexer.»Eva Krähenbühl, Abteilung Bau und Lärm Stadt Bern

Eva Krähenbühl möchte das nicht unterschreiben. «Die Leute sind nicht sensibler als früher, aber der Lärm wird immer komplexer. Die Quellen sind vielfältiger, die Ruhephasen kürzer.» Etwa hat sich in den letzten Jahren ein neues Problem herauskristallisiert: Besonders schlecht kommen bei Anwohnerinnen und Anwohnern Lastwagenlieferungen an, Camions, die um fünf Uhr morgens ihre Waren beim Grossverteiler abladen. «Wir alle möchten schon frühmorgens frische Früchte und Brot im Laden kaufen können, doch wenn der Lastwagen dann direkt vor dem Schlafzimmer hält, können wir das schlecht akzeptieren.»

Es ist dies ein Konflikt, der sich auch auf den Schienen verstärkt hat: In den letzten Jahren habe die Anzahl Güterzüge auf Schweizer Schienen stark zugenommen – auch nachts, wie es bei den SBB auf Anfrage heisst. Dass diese lauter sind als Personenzüge, ist hinlänglich bekannt. Es kommt gemäss SBB aber noch ein weiteres Problem dazu: Ein Teil der Güterzüge stammt aus dem Ausland, wo – anders als in der Schweiz – viele Bahnunternehmen noch nicht auf schallgedämpftes Rollmaterial setzen. Dagegen könnten die SBB nichts unternehmen, es seien ihnen die Hände gebunden.

Mehr Spielraum hat das städtische Amt für Umweltschutz: Es sucht mit den Anspruchsgruppen nach Lösungen, um etwa die Folgen einer stetigen Warenverfügbarkeit für den Einzelnen erträglich zu machen. «Ein Elektronikmarkt kann, anders als eine Bäckerei, die Waren auch erst am Nachmittag entgegennehmen.

Oder im Baugesuch wird festgehalten, dass die Lieferung im Innenraum stattfinden muss», so Krähenbühl. Der Media-Markt am Bubenbergplatz kennt das Prozedere. Diverse Einsprecher machten den Anlieferungslärm geltend. Bis eine Einigung gefunden war, verging viel Zeit. Der Media-Markt eröffnete mit 15 Monaten Verspätung.

Nachtruhe auf dem Prüfstand

Dass die Gemeinde dem Anwohnerwillen derart grosse Bedeutung beimisst, erfolgt auf Befehl von oben. Denn der Schutz des Einzelnen vor Lärmeinfluss ist im Bundesgesetz festgehalten. Während manche Nachtleben-Aktivistin diesen Schutz lieber gelockert sähe, setzen die Behörden Druck auf, um die Bestimmungen auf Gemeindeebene umzusetzen. Im Rahmen der Lärmschutzverordnung LSV haben sie im Jahr 1986 die Gemeinden verpflichtet, bis im März 2018 ihre Strassen einer Lärmsanierung zu unterziehen.

«Am Ende spielt es keine Rolle, ob es sich um Kirchenglocken oder um Strassenlärm handelt»Eva Krähenbühl, Abteilung Bau und Lärm Stadt Bern

National gesehen dürfte das eng werden: «Für viele Kantone und Gemeinden wird es schwierig, die Frist einzuhalten», liess das Bundesamt für Umwelt bei einer Bestandsaufnahme 2014 gegenüber dem «Bund» verlauten. Ein Problem für die säumigen Gemeinden: Bundesbeiträge für Sanierungsmassnahmen gibt es nur bis dahin. In der Stadt Bern ist – anders als in vielen anderen Gemeinden – die Lärmsanierung weit fortgeschritten (vergleiche Kasten). Wie viel Lärm darf eine Gemeinde ihren Bewohnern zumuten? «Am Ende spielt es keine Rolle, ob es sich um Kirchenglocken oder um Strassenlärm handelt», sagt Eva Krähenbühl. «Lärm beeinträchtigt die Lebensqualität.»

Ob sich diese Einschätzung auf Dauer verteidigen lässt, dessen ist man sich selbst auf Bundesebene nicht sicher. Schliesslich sind die Bevölkerung und damit die allgemeine Betriebsamkeit im Wachstum begriffen. Im Bericht «Die ­Zukunft der akustischen Landschaft Schweiz» von 2012 haben Forscher eine Reihe von Zukunftsthesen aufgestellt. Dort heisst es einerseits: «Der Ruheschutz wird Teil eines umfassenden Gesundheitsverständnisses.» Aber auch: «Der Konsens über Mittags-, Nacht- und Feiertagsruhe geht verloren.»

Der Bund

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