Freizeit braucht Disziplin

19–20 Uhr: Sie arbeiten, wenn andere frei haben: Ein Flugverkehrsleiter am Flughafen Bern-Belp, ein selbstständiger Grafiker und ein Monteur im 24/7-Schlüsseldienst erzählen.

Tim Engel (35) arbeitet oft bis in den Abend hinein. Ausgleich findet der selbstständige Grafiker aus Bern im Sport – wenn er sich die Zeit nimmt.

Tim Engel (35) arbeitet oft bis in den Abend hinein. Ausgleich findet der selbstständige Grafiker aus Bern im Sport – wenn er sich die Zeit nimmt.

(Bild: Manu Friedrich)

Spätschicht am Flughafen Bern-Belp. Es ist sonnig, weshalb sich viele Hobbyflieger in der Luft tummeln. Adrian Schüpbach blickt abwechslungsweise aus dem Fenster des Towers und wieder auf die Bildschirme vor ihm. Auf dem Radar ­nähert sich ein Passagierflugzeug aus München. Schüpbach sagt etwas ins Funkmikrofon, der Pilot bestätigt und setzt zur Landung an. Die Funksprache verstehen Laien kaum, weil die Flug­lotsen mit Codes kommunizieren. Jede Halbstunde hat einen Namen aus dem Flugalphabet, etwa «Charlie» für C. Während Adrian Schüpbach (50) aus Bern die letzte Schicht hat, macht Adrian Meier (41) aus Belp Pause, dann übernimmt er bis zum Schluss um 23 Uhr. Wie ein Hirte geht er erst, wenn alle Schäfchen im Stall sind. Überstunden gibt es zum Beispiel wegen Bundesratsjets oder ­Ambulanzen, die auch nachts fliegen dürfen.

Ab 19 Uhr ist im Tower nur noch eine Person für die Aufgaben zuständig, die sich am Tag drei Flugverkehrsleiter ­teilen. Sie kontrollieren alle Abflüge, Landungen und Überflüge in der Zone und füttern den Flugfunk mit Wetterdaten. Am Abend herrscht weniger Verkehr. Umso schwieriger ist es, konzentriert zu bleiben. «Mental sind wir immer in Bewegung», sagt Meier. Beim Funken verziehen die Fluglotsen keine Miene, dazu bildet der lockere Ton untereinander einen Kontrast.

«Um Stress abzufedern, macht man nebenbei Sprüche.» Meier kann nach Spätdiensten nicht gleich einschlafen. Als junger Mann fand er sich im unregelmässigen Arbeitsrhythmus besser zurecht, heute braucht er längere Erholungsphasen. «Es ist anstrengend», sagt er, «aber ich kann mir keinen schöneren Job vorstellen.» Besonders schätze er die grosse Verantwortung im kleinen Team, so der stellvertretende Leiter des Towers der Flugsicherungsgesellschaft Skyguide. Zudem dauert eine Schicht inklusive Pausen nur sieben Stunden.

Der Sonntag ist «heilig», meistens

Die Schaufenster sind noch leer, es riecht nach Plastik und Farbe. Tim Engel sitzt im Büro und überlegt. Das gleiche Design wie letztes Jahr zu nehmen, fände er langweilig. Es ist 19 Uhr, seit über zehn Stunden ist er an der Arbeit. Die Offerten sind geschrieben, die Buchhaltung ist geführt, neue Entwürfe sind gespeichert oder gedruckt. Jetzt macht er noch ein Brainstorming für das Programmheft des Unifests, das die Studierendenschaft der Universität Bern (SUB) im Oktober schmeisst. «Abends ist die beste Zeit zum Experimentieren», sagt er.

Der 35-Jährige Grafiker aus Bern ist seit drei Jahren das, wovon viele träumen: sein eigener Chef. Seit kurzem hat er nun auch ein Büro im Ostring. Vorher führte er «durchzwei», sein Atelier für Gestaltung, von zu Hause aus. Die räumliche Trennung von Arbeits- und Wohnort hat den Vorteil, dass er am Abend besser abschalten kann, sobald er das Büro verlässt. Denn die Freiheit hat ihre Tücken. «Öfter als früher Feierabend mache ich Überstunden», sagt Engel. Für ihn sei es aber kein Müssen. «Ich mache die Arbeit einfach sehr gerne und stelle an mich hohe gestalterische Ansprüche.»

Wenn es viel Arbeit gibt, wie jetzt vor den Ferien, fährt er manchmal auch am Samstag ins Büro. Der Sonntag aber sei «heilig», um Zeit mit seiner Frau zu verbringen, sagt Engel – und schiebt nach: «Eigentlich.» Obwohl, er wisse es ja: Sonntägliches E-Mail-Checken sei ungesund. Er macht bewusst Pausen, geht zwei Mal pro Woche ins Fitnessstudio. Unter der beruflichen Selbstverwirk­lichung leiden zwangsläufig die Beziehungen. Er gibt sich selbstkritisch: «Ich dürfte mit dem Freimachen etwas disziplinierter sein.» Ein Treffen mit Freunden oder ein spontaner Aareschwumm seien das beste Mittel gegen den Stress – und förderten erst noch die Kreativität.

Retter in der Nacht

Nach zehn Jahren weiss Michel Brönnimann, was zu tun ist, wenn das Telefon während des Pikettdienstes klingelt: Ruhe bewahren. Die meisten Kunden rufen aufgeregt an, weil ein Schloss kaputt ist, eingebrochen wurde oder ein Schlüssel verloren ging. Der 34-Jährige aus ­Zollikofen arbeitet bei der Zentrale für Einbruchschutz. Brönnimann repariert Alarmanlagen und Schlösser, macht ­Notöffnungen und Beratungen. Tagesschicht ist von 7.30 bis 12 und von 13.30 bis 17.30 Uhr.

Ein bis zwei Mal pro Woche ruft jemand kurz vor Feierabend an, was zu Überstunden führt. Diese ­reichen von schnell erledigten Abklärungen bis zu längeren Einsätzen. Die Feuerwehr hat bei Wasserschäden schon Monteure gerufen, um Wohnungen zu öffnen. Wenn Brönnimann Pikettdienst hat, klingelt drei bis vier Mal pro Woche sein Handy, in Spitzenwochen neun bis elf Mal. Einsätze um 19 oder 20 Uhr sind ihm lieber, aber die Nacht habe auch schöne Seiten: «Die leeren Strassen, die Stimmung.» Zudem ist man dem nächtlichen Retter oft besonders dankbar, manchmal ausgedrückt in Trinkgeld. ­Allerdings gibt es für die Zuneigung Grenzen. Brönnimann erzählt amüsiert, wie er zwei aufdringlichen Damen klarmachen musste, dass man den Schlüssel-Service nicht mit Sex bezahlen könne. Ernster wird er beim Thema 24-Stunden-Gesellschaft. Ungeduld sei verbreiteter als früher. «Wir erwarten immer mehr, immer schneller.»

Der Bund

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