Frauenthemen

«Poller»-Kolumnistin Gisela Feuz hat nichts übrig für klischeehafte Frauen- oder Männerthemen.

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Lieber Volkan Obriciz,

meine letzte Poller-Kolumne über schwule Liebe im Profifussball hat Sie offenbar gelangweilt. «Wenn Frau schon sonst nichts beizusteuern vermag, soll sie doch bitte über Frauenthemen schreiben», haben Sie mich wissen lassen. Jetzt brauche ich Ihre Hilfe, Herr Obriciz, weil ehrlich gesagt: Ich stehe am Hag. Frauenthemen? Eigentlich bin ich ja davon ausgegangen, dass schwule Fussballer durchaus ein Frauenthema seien. Homosexuelle Fussballer mögen Fussball und Männer, ich mag Fussball und Männer, ergo: Frauenthema. Nicht? Hm. Meinen Sie vielleicht eher Angelegenheiten, mit denen sich Frauen in ihrem Alltag beschäftigen? Vielleicht etwas in der Art:

Die australische Evolutionsökologin Monica Gagliano hat herausgefunden, dass es auch bei Pflanzen einen pawlowschen Effekt gibt (Pawlow war der mit den Hunden und den Glöckchen). Frau Gagliano hat anstelle von Fressi einfach Licht und als Stimulus einen Ventilator eingesetzt, will heissen: Jedes Mal, wenn sie die Lichtquelle anknipste, schaltete sie auch den Ventilator ein. Als sie dann nach einiger Zeit nur noch den Ventilator einschaltete, drehten sich die Pflanzen trotzdem in Richtung der vermeintlichen Lichtquelle. Gaglianos Schlussfolgerung: Pflanzen können einen bestimmten Reiz mit einem anderen in Verbindung bringen, können also «lernen». Krass, nicht?! Weil wenn man das Experiment weiterdenkt, stellt sich unweigerlich die Frage, wo die Pflanzen ihr Wissen genau speichern. Haben sie vielleicht so etwas wie ein Hirn?

Habe ich Sie da gerade «kein Frauenthema» grummeln gehört, Herr Obriciz? Sind Sie vielleicht mehr der musische Typ, der sich für das Geschehen im musikalischen Untergrund interessiert? Wie wärs also hiermit: Die Musikpresse beklagt ja ab und an, dass Bands heutzutage wenig kreativ seien und nur bereits Dagewesenes rezyklieren würden. Gute Nachrichten, Herr Obriciz! Es gibt tatsächlich noch kreative Köpfe, die Neues erschaffen. Patricia Andrade zum Beispiel kreuzt mit ihrer Band Sinistro portugiesischen Fado-Gesang mit Doom Metal. Ja, genau. Diese schwere, schleppende Gitarrenmusik, bei der Songs gut und gerne 10 Minuten dauern.

Frau Andrade und ihre Kombo gehören übrigens zu den wenigen mediterranen Doom-Unterfangen, von denen die einschlägige Fachliteratur Kenntnis hat. Offenbar hat man es im Süden Europas nicht so mit düsterer Morbidität. Ah, und wenn wir sowieso gerade von struber Gitarrenmusik sprechen: Haben Sie gewusst, dass es eine Frau war, die in den 1980er-Jahren mit ihrem rauen Gesangsstil die deutsche Thrash-Metal-Szene mitprägte und mit ihrer Band als Wegbereiterin dieses Genres gilt? Doch, doch, ist wirklich so. Müssen Sie sich mal anhören: Sabine Classen mit ihrer Band Holy Moses. Läck Bobi, wenn die Dame loslegt, muss man sich aber warm anziehen.

Habe ich Sie etwa gerade schon wieder «kein Frauenthema» sagen hören, Herr Obriciz?! Also, ich glaube, wir beide fänden es ganz furchtbar langweilig miteinander, wenn wir auf einem Langstreckenflug nebeneinander sitzen müssten, gellen Sie. Wobei: Wahrscheinlich würden Sie sowieso nicht mit mir reden wollen, sondern viel lieber «Gala» lesen. Schade eigentlich.

Mit besten Grüssen,

Ihre Frau Feuz

Nein, Gisela Feuz ist immer noch nicht verwandt mit dem Chef. Sie ist freie «Bund»-Journalistin und schreibt regelmässig für KulturStattBern. derpoller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 28.02.2018, 06:58 Uhr

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