«Frauen brachten neue Themen in die Politik»

Vor 50 Jahren führte die Stadt Bern das Frauenstimmrecht ein. Dies sei am Schluss nicht mehr umstritten gewesen, sagt Historikerin Fabienne Amlinger.

Ein Stimmlokal mit aufgereihten Wahlkabinen in der Romandie, wo Frauen allerdings erst in kantonalen Belangen ihre Stimme abgeben dürfen, aufgenommen am 14. November 1970.

Ein Stimmlokal mit aufgereihten Wahlkabinen in der Romandie, wo Frauen allerdings erst in kantonalen Belangen ihre Stimme abgeben dürfen, aufgenommen am 14. November 1970. Bild: Keystone

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Frau Amlinger, warum hat die Stadt Bern das Frauenstimmrecht drei Jahre vor der Schweiz eingeführt?
Die Kräfte, die versuchten das Stimmrecht auf verschiedenen Ebenen einzuführen, waren schon seit Ende des 19. Jahrhunderts aktiv. Gegen Ende der 1960er-Jahre zeichnete sich ab, dass das Frauenstimmrecht auf nationaler Ebene bald durchkommen würde. Welsche Kantone hatten es bald zehn Jahren vorher eingeführt. Der Kanton Bern stellte den Gemeinden ein halbes Jahr vorher frei, das Frauenstimmrecht auf Gemeindeebene einzuführen. 103 Gemeinden taten das und die Stadt Bern war eine von ihnen.

In der Stadt Bern stimmten 74 Prozent der stimmberechtigten Männer für das Frauenstimmrecht. Es scheint also nicht umstritten gewesen zu sein.
Am Schluss nicht mehr. Erfahrungen aus dem Ausland und anderen Kantonen zeigten, dass die Einführung des Frauenstimmrechts nicht, wie von einigen befürchtet, zu grossen politischen Umwälzungen führte. Zudem schämten sich Schweizer Politiker im internationalen Kontext zunehmend. Denn andere Länder hatten das Frauenstimmrecht schon lange und belächelten die Schweiz als rückständig. Frauen das Stimmrecht zu verweigern, widersprach nun offensichtlich dem Schweizer Demokratieprinzip, auf das man so stolz war. Und schliesslich wurde argumentiert, das Stimmrecht sei ein Menschenrecht.

Welche Hürden musste das Frauenstimmrecht bis dahin nehmen?
Eine grosse Hürde war, dass die Schweizer Männer zustimmen mussten. In Ländern, die keine Volksabstimmungen kennen, gab es diese Hürde nicht.

Was waren andere Hindernisse?
Die Schweiz hatte sehr konservative Vorstellungen von den Geschlechterrollen. Die Öffentlichkeit war der Bereich der Männer, das Haus derjenige der Frauen. Man befürchtete, dass die Beteiligung der Frauen an der Politik die Gesellschaft durcheinanderbringen würde. Ausserdem hatten linke Kräfte Angst, dass die Frauen bürgerlich wählen würden, und bürgerliche Kreise befürchteten, dass das Frauenstimmrecht zu einem Linksrutsch führen könnte.

Als die Frauen in Bern endlich abstimmen durften, nahm lediglich ein Drittel der Frauen das neue Recht wahr. Das erstaunt.
Politik war von Männern und für Männer gemacht. Frauen waren in der Politik lange nicht vorgesehen. Daher waren sie politische Teilhabe auch nicht gewohnt. Viele hatten gar keine politische Bildung, da diese weder in der Schule noch in der Familie vermittelt wurde. Zudem gab es noch keine Briefwahl, die Frauen mussten aus dem Haus, um abzustimmen. Das wurde nicht überall gerne gesehen. Eine Frau, die abstimmen ging, war ausgestellt.

Auch heute noch ist der Frauenanteil bei Abstimmungen tiefer als der Männeranteil.
Trotz des Frauenstimmrechts ist die Politik noch stark männlich dominiert. Einerseits zahlenmässig, andererseits wurde die ganze politische Kultur vor rund 200 Jahren von Männern geschaffen. Trotz der Teilhabe der Frauen, ist das Feld noch stark männlich konnotiert. Das mag etliche Frauen abschrecken oder führt zu fehlendem Interesse an der Politik.

Die erste Frau wurde 1970 in den Gemeinderat gewählt. 1971 zogen die ersten Frauen in den Stadtrat ein. Wie wurden sie aufgenommen?
Dort ging wieder ein neuer Kampf los. Die Parteien brüsteten sich gerne mit ihren ersten weiblichen Vertreterinnen. Doch als Frauen zur Konkurrenz wurden, wurde auch das Klima frostiger. Es gab durch die Einführung des Frauenstimmrechts nicht mehr Ämter, aber mehr Personen, die eines haben wollten. Mehr Personen wollten ein Stück vom Kuchen der Macht, und diese teilen die wenigsten gerne. Auch heute sind Frauen in den meisten politischen Gremien noch nicht gemäss ihrem Anteil in der Bevölkerung vertreten. Im Berner Stadtrat gibt es allerdings erstmals in seiner Geschichte eine minimale Frauenmehrheit.

Heute kann man sich eine Schweiz ohne Frauenstimmrecht nicht mehr vorstellen. Wie hat sich die Schweiz seither verändert?
Durch die Frauen sind neue Themen in die Politik gekommen oder lange vernachlässigte Themen wieder aufgegriffen worden. Die Lebensrealitäten von Frauen und Männern waren damals noch unterschiedlicher als heute. Daher waren gewisse Themen den Frauen näher, etwa Gleichstellung, Kinderbetreuung, Schwangerschaftsabbruch oder Vergewaltigung in der Ehe. Auch für das neue Eherecht engagierten sie sich.

Letzten Herbst hat es der Grosse Rat abgelehnt, Gemeinden die Einführung des Ausländerstimmrechts zu ermöglichen. Gibt es hier Parallelen zur Einführung des Frauenstimmrechts?
Ja insofern, als eine bestimmte Gruppe über das Stimmrecht einer anderen Gruppe abstimmt. Auch die Strategie ist ähnlich. Man versucht, das Ausländerstimmrecht zuerst auf Gemeindeebene einzuführen. Schliesslich ist auch die Frage, wer welche Bürgerrechte erhält, eine ähnliche Frage, wie bei der Einführung des Frauenstimmrechts. (Der Bund)

Erstellt: 28.05.2018, 06:39 Uhr

Romandie: Neun Jahre früher

Die erste nationale Abstimmung zum Frauenstimmrecht wurde am 1. Februar 1959 durchgeführt. Doch nur die Kantone Waadt, Neuenburg und Genf nahmen es an und führten es wenig später auf kantonaler Ebene ein. In der Deutschschweiz waren die Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft die ersten Kantone, die das Frauenstimmrecht einführten.

Im Kanton Bern wurde am 18. Februar 1968 das sogenannte Gemeinde-Fakultativum angenommen. Die Gemeinden des Kantons konnten nun selbst entscheiden, ob sie ihren Bürgerinnen das Stimmrecht gewähren wollten. Das tat die Stadt Bern am 29. September 1968.

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts hatten Frauen in Bern die Möglichkeit abzustimmen, wenn sie alleinstehend und steuerpflichtig waren. Sie durften aber nicht selbst an die Urne gehen, sondern mussten sich von einem Mann vertreten lassen.

Fabienne Amlinger



Fabienne Amlinger: Historikerin und Geschlechterforscherin.

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