Fleischbremse Feuz

«Poller»-Kolumnistin Gisela Feuz will doch nur eine grüne Welle.

Sobald die Ampel auf Grün springt, gehts los, dann heisst es Ellbogen ausfahren (Symbolbild).

Sobald die Ampel auf Grün springt, gehts los, dann heisst es Ellbogen ausfahren (Symbolbild).

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Lieber Herr Ampelprogrammierer,

Wir kennen uns nicht persönlich und doch irgendwie, denn ich habe täglich mit Ihrem Werk zu tun. Frau Feuz betreibt nämlich das, was in einschlägigen Fussballforen gerne als Randsportart bezeichnet wird. Radfahren. Genauer: Radquer, auch Querfeldein oder Cyclocross genannt. Querfeldein gibt es ja seit über hundert Jahren. Nein, erfunden wurde es nicht von Albert Zweifel, sondern von den Franzosen.

Vor Beginn der Strassenfahrer-Saison trainierten die französischen «Gümeler» jeweils ihre Kondition auf steinigen, unwegsamen Wegen. Eines Tages wurde dann eine solche Strecke abgesteckt, um darauf ein Rennen zu fahren: die Geburtsstunde des Querfeldein. Seit Frau Feuz in einem Magazin für männliche Hausrinder mit Pigmentstörung (Red Bull) gelesen hat, dass Querfeldein der Sport für Helden sei und man sich dabei Übernamen wie «Der Kannibale im Schlamm» (Erik de Vlaeminck) zulegen könne, ist sie Feuer und Flamme.

***

Momentan trainiere ich ja für das Radquer-Weltcup-Rennen, welches im Oktober im Weyerli durchgeführt wird. Für dieses Rennen wird um das Schwimmbecken ein Rundkurs angelegt, der mit Hindernissen gespickt wird. Dank Ihnen, lieber Herr Ampelprogrammierer, kann ich meine Radquer-Trainingseinheit gleich auf meinem Weg zur Arbeit erledigen. 15 Hindernisse befinden sich auf den 3,2 Kilometern zwischen Holligen und Lorraine. Eine fantastische Dichte.

Ich bin ja bei weitem nicht die einzige Radquer-Trainierende, wie jeden Morgen beim ersten Hindernis festgestellt werden kann. Also falls Sie einmal mittrainieren kommen möchten, werter Herr Ampelprogrammierer: Wir versammeln uns jeweils bei der Kreuzung am Inselplatz. Sobald die Ampel auf Grün springt, gehts los, dann heisst es Ellbogen ausfahren und einen ersten ordentlichen Antritt hinlegen, weils sonst nicht über Ampel Nummer 2 reicht, die in einer Entfernung von 15 Metern folgt.

Auf der leicht abschüssigen Laupenstrasse, stadteinwärts dann kurz Kräfte sammeln, vielleicht sogar am Bidon nippen, denn es folgt das berühmt berüchtigte Ampel-Triplet Belpstrasse, Seilerstrasse und Schanzenstrasse. Drei Mal den Drahtesel schultern und durch knietiefen Schlamm waten. Zumindest im Geiste. Faktisch strandet man drei Mal am Auspuff des 11-Busses, fährt dann los, wenn dieser auch losfährt, um festzustellen, dass es dann eben exakt grad nicht über den Fussgängerstreifen beim Bubenbergplatz reicht.

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Auf das Triplet folgen dann die Ampeln Bogenschützenstrasse und das Quartett rund um den Bahnhof, wobei Bahnhof-Ampel Nummer 4 einen erhöhten Schwierigkeitsgrad aufweist. Je nach Tageszeit kippt einem hier nämlich auch mal ein Alki direkt aus der Brésil Bar vor die Pneus. Weiter gehts mit Halt in Aarbergergasse, Speichergasse, Bollwerk und Hodlerstrasse. Letztere gilt als Königsetappe unter uns Radquerfahrerinnen.

Wenn der Chauffeur des 20er-Busses nämlich einen Rebel-without-a-cause-Tag erwischt hat, heisst es beten, wenn die Ampel auf Grün wechselt. Oder dreckfressen. Oder beides. Ist die Hodlerstrasse erst mal überquert, erfolgt der Schlussspurt über die Lorrainebrücke.

Die letzte Ampel auf der Trainingseinheit dürfte in der Euphorie über das nahende Ziel auch schon mal übersehen worden sein (Liebe Polizei, ihr wisst schon, künstlerische Freiheit und so in Kolumnen), dann links rein, Slalom durch eine Horde verpennter Berufsschüler, die Hände vom Lenker reissen und in Jubelpose die Lorrainestrasse runterflitzen. Weyerli, ich komme! Fehlt eigentlich nur noch ein möglichst klingender Übername. Was halten Sie von «Fleischbremse Feuz», werter Herr Ampelprogrammierer?

Herzlichst,

Ihre Frau Feuz

P. S. Wenn Frau Feuz morgens mit dem Rad zu Arbeit fährt, passiert sie auf 3,2 Kilometern 15 Ampeln, wovon mindestens zwei Drittel meistens nicht die Farbe Grün aufweisen. Verkehrsfachleute bezeichnen Velofahrer im Strassenverkehr als «Fleischbremsen».

derpoller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 16.05.2018, 06:36 Uhr

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