Flauschige Bandagen

Egal ob im Oval Office oder bei der Berner Polizei – Hundebabys sind die besten Mediatoren, die man kriegen kann.

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Hanna Jordi

Einen hässlichen Cake kann man mit Zuckerglasur aufhübschen, das wissen alle, die über einen Gasbackofen verfügen oder gerne mit Schutzbefohlenen in der Küche stehen. Diesen Kniff gibt es auch in der Öffentlichkeits­arbeit: Nach einer Serie schlechter Nachrichten wird eine gute Nachricht nachgeliefert, um die verkniffene Stirn- und Kiefermuskulatur des Publikums etwas zu entspannen. Diese ergotherapeutische Massnahme aus dem PR-Werkzeugkasten erfreut sich grosser Beliebtheit, und die Meister der Technik befinden sich im Weissen Haus. Letzter November, harte Zeiten: Präsidentschaftskandidat Donald Trump gewinnt in Umfragen immer mehr Zuspruch, nach den Anschlägen in Paris steigt in Amerika die Terrorangst, bei den Abgeordneten bilden sich vor lauter Schnappatmung zunehmend Gerinnsel. Da kommt die Tradition der jährlichen Truthahnbegnadigung gerade recht: Barack Obama bewahrt die Truthähne Abe und Honest vor dem Tod und wünscht allen Familien in «diesen herausfordernden Zeiten» ein frohes Erntedankfest.

Gut gelöst, mit einer Ausnahme. Fast so alt wie die Gesetze der Rhetorik ist der Leitsatz: Fell geht in Sachen Niedlichkeitsfaktor über Gefieder. Immer. Hunde eignen sich zum Kaschieren von Bad News also viel, viel besser als Geflügel. Es ist sicher kein Zufall, dass Obama im April 2009 einen sympathischen Fami­lien­zuwachs präsentierte: Bo, den Wasserhundwelpen. An Flauschigkeit war er kaum zu übertreffen, aber er hatte auch einiges an Bad News wegzuhecheln: Eine geplatzte Immobilienblase sorgte für die Verarmung des Mittelstands, nach Afghanistan waren neue Truppen entsandt worden, und in Mexiko tauchte ein Virus auf, das Schweinegrippe verursachte. Way to go, Bo.

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Und was hat das jetzt mit Ihnen zu tun, fragen Sie sich? Nichts, aber mit dem aktuellen Reitschulkonflikt. Die Berner Polizei hat sich nämlich den Kniff von den PR-Profis aus Washington abgeschaut. Zwei Tage nach den Krawallen vor der Reitschule veröffentlichte die Kantonspolizei eine Mitteilung mit dem Titel «Diensthund ermöglicht Anhaltung». Polizeihund Chenook, dem mitgelieferten Bild nach ein schäferhaftes Tier mit elegantem Schädel und unternehmungslustig aufgesperrten Lefzen, hat am Pappelweg in Bern einen Einbrecher gestellt. Nun ist Chenook natürlich ein braver Hund. Aber kann er ganz allein die harten Fronten zwischen gewaltbereiten Krawallmachern und Polizei aufweichen? Vergessen machen, wie die Eskalationsspirale so unglücklich wie absehbar ins Drehen kommt, sobald auf der Schützenmatte Polizei auftaucht? Die Diskussion über den Sinn von präventiven Polizeikontrollen abwürgen? Relativieren, dass sich die Reitschulverantwortlichen in unmögliche Rechtfertigungsreflexe flüchten, sobald bei ihrem Haus untolerierbare Gewalttaten geschehen? Die Schnappatmung der hiesigen Politiker normalisieren? Wohl kaum. Dafür brauchte es mehr. Etwa die Bereitschaft, das Aggressionslevel massiv runterzuschrauben und wie Erwachsene über Lösungen zu diskutieren.

Sonst bleiben als letztes Mittel nur noch: flauschigere Bandagen. Es braucht einen Therapiehund als festen Teilnehmer an den Reitschulgesprächen. Was sage ich, einen Therapiehundewelpen. Pardon, ein ganzes Therapiehundewelpenkorps. Das wärs. Ich bin sicher, diese Subvention würden die Steuerzahler noch so gerne mittragen.

Hanna Jordi leitet das Online-Ressort des «Bund». Sie mag: das Konzertangebot im Dachstock, den Falafel im Sous le Pont und feuchte Nasen von knuffigen Hundewelpen.

Der Bund

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