Finderlohn, ordentlich gesalzen

«Poller»-Kolumnistin Hanna Jordi entdeckt im Mischwald unglaubliche Freuden.

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Hanna Jordi

Er war mein erster, deshalb weiss ich es noch, als wäre es gestern gewesen. Er hatte den konvexen Körperbau eines Kurgastes, den milchigen Teint eines Säuglings und die flaumige Haut einer frisch geschlüpften Raupe. Schön war er nicht. Und doch hat sich sein Äusseres in die Höhlenwände meines Gedächtnisses eingeschrieben. Er stand auf einer Herbstwiese, bereit, mitgenommen zu werden. Dort angekommen, die Erleichterung: kein Wurmbefall. Ich häutete ihn, schnitt ihn in Scheiben und panierte ihn. Er landete in der Bratpfanne.

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Ich hatte tatsächlich einen Riesenbovist gefunden. Der Champignon­verwandte kann einen Durchmesser von einem halben Meter erreichen. Am besten bereitet man ihn zu wie ein Wiener Schnitzel, ordentlich salzen sollte man ihn vorher. Mein Riesen­bovist mass 30 Zentimeter. Der Jagdstolz mindestens so viel.

Zu Dutzenden brechen sie jetzt wieder aus dem Geäst der Region, atemlos von den überwundenen Höhenmetern in unwegsamem Gelände. Vom landläufigen Wanderer ist der Pilzsammler durch seinen Rucksack in Tarnfarben und seinen auffällig unbeteiligten Blick zu unterscheiden. Nichts soll auf einen allfälligen Erfolg hinweisen. Ein Pilzsammler bleibt stets im Vagen: Er war in Bumbach und wurde fündig? In seinen Berichten wird er maximal vom «Ausflug ins Emmental» sprechen. Sonst stibitzt ihm noch jemand die Beute weg. Und warum der Aufwand? Frisch gebratene Steinpilze sind herrlich. Doch es ist mehr als das.

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Pilze sind kostbar. Passt ihnen die Feuchtigkeit oder der Säuregehalt in der Erde nicht, lassen sie sich gar nicht erst blicken. Sie sind das schönste Mysterium des Herbstes. Ähnlich sagenumwoben ist lediglich die andere grosse Frage der Saison: Warum wird Vermicellesmasse in Form von ­Quadern verkauft, während die handelsübliche Vermicellespresse zylinderförmig ist? Eine alberne Schikane. Aber das nur in Klammern.

Pilze sind Freudenbündel. Davon zeugen Berichte. Von einem «unglaublichen Glücksgefühl» weiss ein Kurt aus Brütten/Dättnau zu erzählen. «Zuerst dachte ich an ein Stück Plastik», schreibt er auf dem Pilzblog Passion-pilze-sammeln.com. Dann aber erkannte er, dass er eine Morchel vor sich hatte, und zwar eine von 35 Zentimeter Höhe. Einmal geerntet, sagt Kurt, habe sich der Pilz in seinen Armen angefühlt «wie ein Kleinkind». Der Finderlohn kam in Form von Vaterfreuden.

Pilze sind Gedichte, sie tragen schöne Namen. Krause Glucke, Eichhase, Schweinsohr, Kuhmaul, Ziegenbart. Gewimperter Erdstern, Sparriger Schüppling, Fransiger Wulstling. Schmierling, Saftling, Wolliger Scheidling und Himbeerrote Hundsrute. Wenn man sie schon nicht essen kann, auf der Zunge zergehen sie dennoch.

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Pilze verursachen wohligen Grusel. Sie sind Grussbotschaften aus dem Giftschrank Gottes, tödliche Horsd’œuvres, das aus der Vorratskammer der Natur. Etwa der Orangefuchsige Raukopf, der neben dem Knollenblätter einer der giftigsten Pilze unserer Breitengrade ist. Aus den Nieren macht der Raukopf Putzleder. Seine Verschlagenheit besteht nicht nur darin, dass er jungen Eierschwämmen ähnlich sieht, besonders fies ist er, weil sich die Symptome teils erst nach zweieinhalb Wochen zeigen. Dann also, wenn es niemandem mehr einfällt, den akuten Brechdurchfall mit dem Pilz­gulasch in Verbindung zu bringen. Er hinterlässt keine Spuren, dieser Meuchler des Mischwalds.

Pilze teilen den Nachteil aller Mysterien. Einmal gelüftet, sind sie manchmal erschreckend banal. Der Riesen­bovist etwa schmeckte am Ende so wie er aussah: wie paniertes Styropor. Neutral, mit Spuren von Ei und Semmelbröseln. Dazu gab es Spaghetti. Die sind das ganze Jahr über zu haben.

Hanna Jordi leitet die Online-Redaktion des «Bund». Die Öffnungszeiten der Pilzkontrolle an der Predigergasse 5 in Bern kennt sie auswendig: Mo, Mi und Fr, jeweils von 15.30 bis 17 Uhr.

Der Bund

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