Fiktion wird zum tödlichen Fakt

Das Theater an der Effingerstrasse zeigt mit «Switzerland – der Fall Patricia Highsmith» eine Krimi-Charakterstudie der australischen Dramatikerin Joanna Murray-Smith.

Patricia Highsmith wird durch Wiebke Frost verkörpert.

Patricia Highsmith wird durch Wiebke Frost verkörpert. Bild: zvg

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Ihre Mutter habe Highsmith-Romane regelrecht «verschlungen», und es habe sie beeindruckt, wie ein Buch, also ein schlichter Gegenstand, einen solchen Einfluss auf einen Menschen haben könne, erzählte die australische Dramatikerin Joanna Murray-Smith in einem Interview. Das Schaffen, aber auch die Biografie der 1921 in Texas geborenen Schriftstellerin Patricia Highsmith (eigentlich Mary Patricia Plangman) faszinierte auch Murray-Smith, weshalb sie der Autorin mit «Switzerland – der Fall Patricia Highsmith» ein rund zweistündiges Bühnenstück gewidmet hat.

Der Titel des Stückes ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass Patricia Highsmith 14 Jahre lang im Tessin lebte und arbeitete. Ihr Haus soll einem Bunker geglichen haben, in dem sich die öffentlichkeitsscheue Autorin verkroch. Dieses Domizil beziehungsweise dessen Wohnzimmer bildet das Setting für Murray-Smiths Stück. Die Behaglichkeit der Behausung (Bühnenbild Peter Aeschbacher) steht im krassen Gegensatz zur Figur der Highsmith (sympathisch unsympathisch: Wiebkle Frost). Unhöflich und herablassend empfängt sie den jungen Edward Ridgeway (Jeroen Engelsman), einen Abgesandten ihres Verlags, welcher Highsmith zum Schreiben des nächsten Romans bewegen soll.

Nicht irgendein Roman soll es sein, nein, einer mit Tom Ripley in der Hauptrolle. Zur Erinnerung: Die historische Patricia Highsmith hat zu Lebzeiten 22 Romane veröffentlicht, davon 5 mit der Hauptfigur Tom Ripley. Kein anderer Roman der Highsmith war so erfolgreich wie «The Talented Mr Ripley» (1955), dessen Protagonist ein aalglatter und doch charismatischer Mörder ist.

Die gekränkte Autorin

Die fiktive Highsmith in «Switzerland» verwendet viel Zeit darauf, den jungen Ridgeway zu beleidigen und zu erniedrigen, wobei sie einen zynischen Scharfsinn an den Tag legt. Dass neben dem Papierkorb ein Berg zerknüllter Schreibversuche liegt, zeigt aber, dass die Autorin einen Erfolg genau so nötig hat wie der Verlag. So beginnt Highsmith zusammen mit Ridgeway einen Ripley-Plot zu spinnen und beauftragt den Verlagsabgesandten gar damit, sich über Nacht den entscheidenden Mord auszudenken – «etwas Elegantes» müsse es sein.

«Switzerland» braucht lange, bis es in Fahrt kommt, zumal viel Zeit für die Charakterisierung der Highsmith verwendet wird. Das Bild, welches von der Autorin skizziert wird, ist dasjenige einer neurotischen, selbstverliebten und soziopathischen Trinkerin mit Hang zu vulgärer Sprache. Dabei schimmert aber auch die Gekränktheit einer Autorin durch, welche in ihrem Heimatland nur als zweitklassige Krimi-Autorin wahrgenommen wird; Hasstiraden auf Schriftsteller wie Tom Wolfe, Kurt Vonnegut oder Norman Mailer zeigen, wie tief diese Kränkung sitzt.

Das Stück in der Inszenierung von Stefan Meier hätte davon profitiert, wenn weniger Zeit auf das Unterbringen von historischen Fakten verwendet worden wäre, sondern wenn diejenigen Aspekte ausgelotet worden wären, welche über die Charakterstudie hinausgehen. Richtig spannend wird es nämlich erst in den letzten 20 Minuten, wenn Realität und Fiktion verschwimmen, sich eine literarische Figur materialisiert und schlussendlich für den Tod der Autorin sorgt. Diese Meta-Ebene, welche den Schreibprozess und das Verhältnis von Autorin und Figur ins Zentrum rückt, hätte Raum für weiterführende Reflexion geboten, wobei auch Highsmith-typische Aspekte wie die Frage um Identität(en) hätten vertieft werden können. Und nicht zuletzt wäre damit eben auch die Frage ins Zentrum gerückt, wie ein Buch Einfluss auf einen Menschen entwickeln kann.

«Switzerland – Der Fall Patricia Highsmith», Theater an der Effingerstrasse. Bis 17. März. (Der Bund)

Erstellt: 20.02.2017, 06:49 Uhr

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