Fast jede dritte Stadtberner Führungskraft ist eine Frau

Der Berner Gemeinderat Alexandre Schmidt (FDP) spricht von einem «Turnaround» bei der Frauenförderung. Die Stadt Bern könne geforderte Frauenquote ohne reglementarischen Zwang erreichen.

Wer bekommt wie viel? Protestanlass am 14. Juni in Bern.

Wer bekommt wie viel? Protestanlass am 14. Juni in Bern.

(Bild: Lukas Lehmann)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Die Verbesserung sei augenfällig, sagt Finanzdirektor Alexandre Schmidt (FDP). «Sie entzückt mich vollends.» In den letzten zwei Jahren ist die Anzahl weiblicher Bewerbungen auf Kaderstellen in der Stadtverwaltung von knapp 20 auf 37,9 Prozent gestiegen. So konnten letztes Jahr mehr als die Hälfte der vakanten Kaderstellen durch Frauen besetzt werden, wie neueste Zahlen der städtischen Finanzdirektion zeigen (siehe Tabelle). Konkret konnten 19 der 36 ausgeschriebenen Stellen durch Frauen bekleidet werden.

In einem Einzelfall wurde einer hochschwangeren Frau in der engsten Auswahl der Vorzug gegeben, sagt Schmidt. «Sie hat ihre Stelle erst nach dem Mutterschaftsurlaub angetreten.»

Zweifel an der Umsetzbarkeit

Der Berner Stadtrat hat vor vier Jahren einen Vorstoss überwiesen, der einen Frauenanteil von 35 Prozent in den Kaderpositionen der städtischen Verwaltung sowie der ausgelagerten Betriebe verlangt. Gegen das Anliegen hatten die SVP sowie Teile von Schmidts FDP votiert. Aber auch der rot-grün dominierte Gemeinderat stand dem Vorhaben skeptisch gegenüber und wollte den Vorstoss bloss als unverbindliches Postulat entgegennehmen. Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) äusserte in der Debatte Zweifel an der Umsetzbarkeit. In den technischen Direktionen werde man «für Jahre nicht in der Lage sein, die Quote zu erfüllen», sagte Tschäppät.

«Ich will keine Neid-Debatten»

Heute haben sich die magistralen Zweifel an der Umsetzbarkeit des Anliegens gelegt. Grund hierfür ist die positive Entwicklung. Die Frauenquote in Kaderfunktionen liegt heute insgesamt bei etwas über 30 Prozent. Dies entspricht einer Zunahme von vier Prozent seit der Einreichung des Vorstosses im Jahr 2011. Mit den nun erzielten Fortschritten sei ein «Turnaround» bei der Erfüllung der Motion erreicht, sagt Schmidt. Er hatte sich einst zum Ziel gesetzt, die Quote durch Anreize und nicht durch reglementarische Zwänge zu erreichen. «Ich hoffe nun, dass die Motionärinnen einsehen, dass es bis auf Weiteres keine Reglementsänderung braucht», sagt Schmidt. Er sei ein Gegner von Zwangsquoten, weil Frauen dadurch dem Verdacht ausgesetzt würden, sie hätten ihre Stelle nur aufgrund des Geschlechts erhalten. «Ich will keine Neid-Debatten», sagt Schmidt.

«Elternpflege» wird wichtiger

Ein Grund für den Erfolg ist sicher der Umstand, dass 32 der 36 Stellen als Teilzeitstellen oder mit der Option Teilzeit publiziert worden sind. Die Ermöglichung von Teilzeitarbeit ist eine von 28 Massnahmen, mit der die Stadt den Frauenanteil erhöhen will. «Die Stadt Bern kann nicht bei den Löhnen, aber mit modernen Arbeitsbedingungen punkten», sagt Schmidt.

Von zunehmender Wichtigkeit sei auch die Möglichkeit, Freitage für «Notsituationen in der Familie» zu beziehen. In einer überalterten Gesellschaft gehe es dabei vermehrt auch um die Betreuung betagter Eltern. «Freitage zur Elternpflege entsprechen zunehmend einem Bedürfnis», sagt Schmidt.

Etwas weniger rosig sieht die Situation bei den ausgelagerten Betrieben aus. Auf sie habe der Gemeinderat keinen Einfluss, sagt der Finanzdirektor. So ist etwa die Geschäftsleitung von Energie Wasser Bern (EWB) eine frauenfreie Zone. Bei Bernmobil ist bloss eine von sieben Personen an der Spitze des Unternehmens weiblich.

In zwei, drei Jahren am Ziel?

Motionärin Lea Kusano (SP) findet die Zahlen «sehr erfreulich». Die einstige Stadträtin hält es für realistisch, dass der geforderte Frauenanteil von 35 Prozent in zwei, drei Jahren erreicht werden kann. Im Übrigen sei eine reglementarische Lösung nie das Ziel der Motion gewesen. «Wenn die nun geschaffenen Anreize ausreichen, um die Quote zu erreichen und auch zu halten, braucht es keine Reglementsänderung.»

Kein Verständnis hat Kusano für Schmidts Zurückhaltung bezüglich EWB und Bernmobil. «Der Gemeinderat muss einen Hebel finden, um auf die ausgelagerten Betriebe Einfluss nehmen zu können.»

Der Bund

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