Fanmärsche auf Abwegen

Trotz verschärftem Hooligan-Konkordat ist es vor dem Cupfinal in Bern zu Ausschreitungen gekommen. Die Fans haben sich nicht an die Abmachungen gehalten. Eine direkte Konfrontation konnte die Polizei verhindern.

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«Ich kann einfach nicht verstehen, wie man so etwas tun kann», sagt Susanne Zweifel. Sie fegt gerade die Scherben zusammen, die vor der Münstergalerie in der Münstergasse liegen. Der Zürcher Fanmarsch hat hier gut sichtbare Spuren hinterlassen. Zwei der drei Schaufensterscheiben sind zertrümmert. Ärger und Unverständnis dominieren in Bern nach den Fanmärschen der Anhänger von FCB und FCZ.

Dabei waren diese zu Beginn vergleichsweise friedlich. Die mit Extrazügen anreisenden FCZ-Fans zogen von der Welle Richtung Baldachin − begleitet von Schlachtrufen, Pyros und Böllern. Die Auflagen, an welche die Bewilligung des Cupfinals in Bern geknüpft war, wurden bereits kurze Zeit später missachtet: Die vorgegebene Route hatte vorgesehen, dass sich die FCZ-Fans um 11 Uhr auf dem Münsterplatz besammeln würden. Stattdessen legten sie ihren Halt auf dem Bärenplatz ein und machten lange keine Anstalten, diesen zu verlassen.

Fast wäre es dann zum Horrorszenario für die Polizei gekommen: Ab 11 Uhr sollte der FCB-Fanmarsch vom Bahnhof am Bärenplatz vorbeiführen. Ausschreitungen zwischen den ankommenden Baslern und den wartenden Zürchern wären wahrscheinlich unvermeidbar gewesen. Also beschloss die Polizei, zwei Basler Extrazüge eine Stunde lang bei Schönbühl anzuhalten. «Die Fans haben geduldig auf die Weiterfahrt gewartet», sagt ein SBB-Sprecher. Am Bärenplatz fuhr die Polizei mit einem Wasserwerfer auf, der − trotz Wurfgeschossen aus der Zürcher Fangruppe − nicht eingesetzt wurde. Später zogen die Anhänger weiter. Eine direkte Konfrontation zwischen FCZ- und FCB-Anhängern konnte in der Innenstadt also vermieden werden.

Schäden in der Altstadt

Auf dem Weg der Zürcher Fans vom Bärenplatz via Münsterplatz zur Nydeggbrücke kam es aber zu diversen Sachbeschädigungen in der Altstadt: Der Sandstein wurde teils versprayt, «FCZ» prangt nun hier und da in Blau. Zwischen Casinoplatz und Nydeggbrücke wurde ein gutes Dutzend Scheiben beschädigt. Beim Souvenirladen an der Nydegggasse wurden gar die Uhren und Messer aus dem Schaufenster gestohlen. Stefanie Anliker, Präsidentin der Vereinigten Altstadtleiste, war «überrascht», dass die geplante Route der Fanmärsche durch die untere Altstadt − «ein Unesco-Weltkulturerbe» − führte. «Unabhängig von der Art der Veranstaltung sind die massiven Schäden an historischen Gebäuden nicht tolerierbar», sagt Anliker. «Die Auflagen und Vorkehrungen haben offensichtlich nicht funktioniert.»

Bis zum Stade de Suisse blieben weitere gravierende Zwischenfälle aus. Kurz vor 13 Uhr irrte aber der FCB-Mannschaftsbus vor den beiden Stadioneingängen der FCZ-Fans umher. Dieser wurde prompt von den Zürcher Anhängern blockiert: Fans warfen Flaschen und Böller, «das ist eine bewusste Provokation der Polizei», sagte einer von ihnen. Die Polizei setzte zunächst den Wasserwerfer ein, kurz darauf schossen die Polizisten auch mit Gummischrot, da «die Einsatzkräfte angegriffen wurden», wie die Polizei später in einer Mitteilung an die Medien schreibt.

Kaum hatte sich die Lage beruhigt, folgte ein erneutes Scharmützel: Vermummte besetzten aus unbekannten Gründen den FCZ-Eingang Ost. Einsatzkräften gelang es, die Blockade mit Pfefferspray zu lösen. Man konnte beobachten, wie ein Pyro gezielt auf die Einsatzkräfte geworfen wurde. Die Vermummten rissen daraufhin Zelte ein und flohen vor der Polizei über die Grosse Allmend, wo sie sich verstreuten. Nach einer kurzen Neuaufstellung begannen die Beamten, die Personen einzukesseln. Einer der Flüchtenden legte es gar nicht darauf an, kräftig schnaufend liess er sich auf einer Mauer nieder und wartete auf seine Festnahme.

Basler waren braver als Zürcher

Ruhiger war es beim Fanmarsch des FCB. Die bereits eingetroffenen Fans warteten gesellig auf dem Perron 1 und 2 im Berner Bahnhof sowie auf der Welle auf die Nachzügler. Andere Reisende konnten problemlos passieren. Als die FCB-Fans dann vereint waren, zogen sie gemeinsam und lautstark Richtung Baldachin los. Zwar wichen auch sie von der geplanten Route ab − die Basler zogen durch die Spital- und die Marktgasse −, gröbere Sachbeschädigungen blieben aber aus. Eine kleine Gruppe Zürcher Fans, die sich in den Basler Marsch verirrt hatte, wurde mit Pfiffen und «Use! Use!»-Rufen begleitet. Auffällig waren die FCB-Aufkleber, die sich auf Tramfahrzeugen, Bänken, Schildern, Hydranten und sogar auf dem Rücken einer Polizistinnenweste fanden.

Am Abend zog die Polizei Bilanz: 45 Personen wurden festgenommen, 15 von ihnen, darunter ein Jugendlicher, bleiben in Haft. Mehrere Polizisten wurden verletzt, andere Personen nahmen vor Ort medizinische Hilfe in Anspruch. Wie hohen Sachschaden die Fans verursacht haben, ist noch unklar.

CVP-Präsident gegen Fanmärsche

«Der Gemeinderat hat den Clubs und Fangruppen eine grosse Chance gegeben. Diese wurde trotz gutem Einsatz der Fanbetreuer nicht genutzt», stellt Daniel Wyss, Präsident der Stadtberner CVP, in einer Mitteilung fest. Gestern seien der Sport und die friedlichen Fans Opfer gewesen. «Nach dem gestrigen Tag kann ich mir nicht vorstellen, dass zukünftig nochmals eine Bewilligung für einen solchen Fanmarsch erteilt wird.»

Der Berner Stadtrat Roland Jakob (SVP) pocht auf eine Durchsetzung des Vermummungsverbots. Dies würde nur bei der erstmaligen Anwendung zu einem Aufschrei führen, ist er überzeugt. Er und Manuel C. Widmer (GFL) möchten den Cupfinal in Bern halten. «Denn der Sport steht hier eigentlich im Mittelpunkt. Die Taten von einigen wenigen Personen ruinieren den Ruf der Fans», sagt Widmer.

DerBund.ch/Newsnet

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