Familiäres Zusammenleben in der Zirkusschule

Die 42-jährige Primarlehrerin Claudia Brummer aus dem sankt-gallischen Wil unterrichtet die Kinder, die mit dem Circus Knie auf Tournee durch die Schweiz reisen.

Claudia Brummer unterrichtet ihre Schüler in einem Zirkuswagen.

Claudia Brummer unterrichtet ihre Schüler in einem Zirkuswagen. Bild: Adrian Moser

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Finden alle Schulmaterialien Platz in den wenigen, kleinen Schränkchen unter der Decke? «Sie müssen es, sie müssen», antwortet Claudia Brummer lachend. Das Klassenzimmer der 42-jährigen Primarlehrerin ist nicht einmal drei Meter breit, mit sieben Schritten hat man es schon der Länge nach durchquert und es steht – leicht schräg – auf Rädern. Und dennoch fällt ein Satz immer wieder, wenn die Sankt Gallerin von ihrem nicht ganz gewöhnlichen Alltag als Lehrerin im Zirkuswagen erzählt: «Es isch läss.»

Seit Frühjahr 2015 unterrichtet Brummer im Zirkus. Genauso wie ihre sechs Schüler und deren Eltern, die im Zirkus arbeiten, gehört sie zum Tross, der von März bis November durch die Schweiz zieht. Dafür hat sie ihre Stelle als Primarlehrerin im sankt-gallischen Lenggenwil aufgegeben, die sie während 14 Jahren innehatte. «Ich hatte den Wunsch, etwas Neues, etwas anderes anzupacken.»

Zufällig sei sie auf ein Stelleninserat des Zirkusunternehmens gestossen. Nach einem Schnuppertag, an dem sie sich mit der damaligen Lehrerin über das Leben in einem Zirkus austauschen konnte, beschloss sie, die Stelle anzunehmen. «Ausschlaggebend war für mich das viele Reisen», begründet Brummer ihre Entscheidung. Damit sorgte sie in ihrem Umfeld für Erstaunen. «Ich war nicht dafür bekannt, auf grössere, längere Reisen zu gehen. Aber meine Freunde finden meinen Job läss.» Es gebe wahrscheinlich nur einmal im Leben die Chance, als Lehrerin in einem Zirkus zu arbeiten.

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Der Übergang in die Zirkuswelt habe sie vor Herausforderungen gestellt. «Ich musste viele neue Sachen lernen», sagt sie und nennt das Anschliessen ihres Wohnwagens an Wasser- und Stromleitungen. Sie habe sich aber gleich willkommen gefühlt. Alle zeigten eine extreme Hilfsbereitschaft, «auch wenn man sich manchmal, aufgrund der Sprache, nur mit Händen und Füssen verständigen kann».

Der Schulbeginn der altersmässig gemischten Klasse war bereits letzte Woche. Die Jüngste wurde soeben eingeschult, die Ältesten – Knie-Sohn Ivan-Frédéric und ein Mädchen, beide 15 Jahre alt – sind in der neunten und damit letzten Klasse. Zwei weitere Schüler sind in der fünften Klasse, ein Schüler ist in der vierten. Einen Frontalunterricht gibt es nicht für die Kinder, die von 8 Uhr bis kurz vor Mittag und von 13 Uhr bis 15.30 Uhr die Schulbank drücken.

Sie werden in allen Fächern individuell betreut. Dabei muss sich Brummer an unterschiedlichen Unterrichtsmaterialien orientieren, je nachdem, wo die Kinder in der Winterpause zur Schule gehen. Dank der Tournee sei es ihr möglich, mit ihrer Klasse viele interessante Ausflüge im ganzen Land zu unternehmen.

«Für die Kinder ist der Schulwechsel sicher nicht immer einfach.»

Der «familiäre Kontakt» zu den Schülern setzt sich auch nach dem Unterricht fort. Immer wieder laufe man sich im «reisenden Dörfli», wie Brummer den Zirkus bezeichnet, über den Weg. Es sei «läss», wenn die Kinder dann freudig winkten.

Dass ihre Schüler sie im Unterricht eher als nette Nachbarin und nicht als Lehrerin wahrnehmen, glaubt sie nicht. «Meine Schüler siezen mich, obwohl im Zirkus alle per Du sind», sagt Brummer. «Wenn ich von Eltern im Nachbarwohnwagen zum Nachtessen eingeladen werde, sprechen wir über vieles, aber auf keinen Fall über die Schule», schiebt sie nach. Auch im Zirkus sei es wichtig, zwischen Arbeit und Freizeit zu trennen.

Wenn die Tournee im November zu Ende geht, macht auch die Zirkusschule Pause. Während der Wintermonate ist Brummer nicht beim Circus Knie angestellt. Die Lehrerin möchte dann ihre freie Zeit geniessen und keiner Lehrtätigkeit nachgehen. «In der letzten Winterpause merkte ich, wie schön es ist, wieder längere Zeit zu Hause in Wil zu sein, umgeben von Freunden und der Familie.»

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Vor der Winterpause muss sie sicherstellen, dass ihren Schülern der Übergang in die Schulen in ihren jeweiligen Heimatorten gelingt. Dafür tausche sie sich mit den dortigen Lehrern aus. «Die gegenseitige Information vor und nach der Zirkustournee über die Entwicklung der Schüler klappt gut.» Zwar müsse sie meistens die Initiative ergreifen, die Lehrer fänden es aber toll, dass einer ihrer Schüler mit einem Zirkus reise.

Für die Kinder sei der regelmässige Wechsel zwischen zwei Schulen «sicher nicht immer einfach», von ihnen werde Anpassungsvermögen verlangt. Gerade für Oberstufenkinder könne es mühsam sein, «wegen der Bildung von Cliquen». Die Integration sei nicht immer einfach. Auch im kommenden Jahr wird Brummer den Circus Knie auf seiner Tournee begleiten. Weiter möchte sie ihre Zukunft noch nicht planen. «Es reicht mir zu wissen, was im nächsten Jahr ansteht.»

Noch bis zum 24. August gastiert der Circus Knie auf der Berner Allmend.

Erstellt: 15.08.2016, 07:42 Uhr

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