Fahrplan einhalten – «keine Chance»

Das Tram Region Bern sei nötig, weil die Buslinie 10 während der Stosszeiten überlastet sei. So ein Argument der Tram-Befürworter. 
Doch wie schlimm ist es wirklich? Der «Bund» war während des Berufsverkehrs mit dem Bus unterwegs.

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Lisa Stalder

Es ist 7.11 Uhr. Bei der Haltestelle Schosshaldenfriedhof warten zwei junge Frauen und ein Mann auf den Bus in Richtung Köniz-Schliern. Eine der Frauen schmökert in einer Gratiszeitung, der Mann hat Kopfhörer in den Ohren und summt leise mit. Der nächste Bus fährt gerade bei der Haltestelle Waldeck ab. Als er kurze Zeit später anhält, zwängen sich die drei Wartenden regelrecht hinein. Das Fahrzeug ist voll, Sitzplätze sind keine mehr auszumachen. Bei den Türen ist das Gedränge besonders gross. Im nächsten Bus sieht es nicht viel besser aus. Immerhin sind in diesem noch drei, vier Sitzplätze frei. Auf einen hat ein junger Mann seinen Rucksack abgestellt. Er nimmt ihn auch nicht weg, als sich ein Geschäftsmann neben den Sitz stellt.

Zwei Gymnasiasten, die ganz vorne im Bus sitzen, sagen, sie hätten nie Probleme, einen Sitzplatz zu finden. «Wir können früh genug einsteigen.» Sein Kollege fügt an: «Und dann geben wir den Platz nicht mehr her.» Bei den Haltestellen Galgenfeld und Rosengarten steigen insgesamt 3 Personen aus, gut 20 steigen zu. Es wird zusammengerückt. Im Bus riecht es nach Aftershave und Kaffee. Bei der Schönburg heisst es dann: durchatmen. Viele Passagiere verlassen den Bus, die meisten sind Post-Angestellte. Etliche Sitze sind nun leer, doch die meisten Passagiere bleiben stehen. Während der Fahrt zum Viktoriaplatz ist vom Morgenverkehr nicht viel zu merken, weder im Bus noch auf der Strasse. «Nein zu diesem Tramprojekt» steht auf einem Transparent, das an einem Balkon an der Viktoriastrasse befestigt ist.

«E böse Cheib»

Szenenwechsel: Beim Loebegge herrscht um 7.44 Uhr Hochbetrieb: Banker und Schülerinnen eilen unter dem Baldachin hindurch, die Rolltreppen spucken ohne Unterlass die Pendlerinnen und Pendler an die Oberfläche. An der Haltestelle vor der UBS-Filiale warten rund 40 Personen. Und es werden stetig mehr. Als der 10er-Bus vorfährt, positionieren sich zahlreiche Wartende auf Höhe der Türen. Wer aussteigt, muss sich einen Weg durch die Menge bahnen. Nicht alle Wartenden finden Platz im Bus, einige haben nach einem Blick auf die Anzeigentafel gar nicht erst versucht, einzusteigen. Noch bevor sich die Türen wieder schlies­sen, fährt der nächste 10er-Bus vor. Als 7.47 Uhr der dritte 10er-Bus in Folge anhält, ist die Haltestelle fast leer.

Am Steuer des dritten Busses sitzt Jakob Eggimann. Er fährt heute einen Verstärkungskurs. Anders als die beiden Chauffeure vor ihm hat er den Fahrplan einhalten können. Das sei während der Stosszeiten nicht immer einfach. Gerade bei den Haltestellen gehe oft Zeit verloren. Auch der Pendlerverkehr und eine «rote Welle» bei den Ampeln können zu Verspätungen führen. Um den Rückstand so gut wie möglich aufzuholen, sei er manchmal gezwungen, «e böse Cheib» zu sein. Dann müsse er die Türe einfach mal schliessen.

Um 7.48 Uhr fährt Eggimann mit lediglich einem Dutzend Fahrgästen beim Bahnhof weg. Das könne passieren, wenn die Busse so schnell aufeinanderfolgten. Auch spiele es eine Rolle, ob gerade ein Zug ankomme. Und da sei noch das Wetter: «Ist es schön, fahren weniger Leute Bus.» Auf der Fahrt nach Ostermundigen füllt sich der Bus kaum noch. Bis zum Wegmühlegässli sind die meisten ausgestiegen, die letzte Passagierin verlässt den Bus beim Oberfeld.

Bald ist Jakob Eggimanns Schicht zu Ende. Er wird den Bus ins Depot beim Eigerplatz zurückfahren und nach einer Pause auf der Linie 12 zum Einsatz kommen. Diese sei genauso oft überlastet wie die 10er-Linie, sagt er. Gleiches gelte für die Linie 20 zum Bahnhof Wankdorf, «trotz 2-Minuten-Takt in Spitzenzeiten». «Ja, heute fahren viel mehr Leute Bus als noch früher», sagt Eggimann, der bereits seit 35 Jahren Passagiere auf dem Berner Busnetz herumchauffiert. «Und damals fuhren die Busse manchmal nur alle 10 Minuten.»

Passagiere haben sich arrangiert

Zurück beim Loebegge, 16.26 Uhr. Die 10er-Busse, die von Ostermundigen her kommen, fahren in kurzen Abständen vor. Oft liegen weniger als zwei Minuten dazwischen. Aus den Fahrzeugen strömen Geschäftsleute, Eltern mit Kinderwagen, Jugendliche und etliche Touristen, während an der Haltestelle bereits ebenso viele Menschen darauf warten einzusteigen. Meist sind die Busse proppenvoll. Doch viele Passagiere haben sich offenbar an die engen Platzverhältnisse gewöhnt, wie eine kleine Umfrage zeigt (siehe auch Bildstrecke unten).

Ihn störe das «Gschtungg» nicht, sagt ein Mittvierziger. Die Fahrt nach Köniz sei nicht lang, «das ist auszuhalten». Eine Frau sagt, dass sie nicht auf einen Sitzplatz angewiesen sei und sich daher auch in einen vollen Bus zwängen könne. Sie sei Velofahrerin und fahre zu selten Bus, um mitreden zu können, sagt eine andere Befragte. «Aber so schlimm ist es nicht.» In anderen Ländern seien die Platzverhältnisse viel prekärer, sagt ein Geschäftsmann.

Doch es gibt auch kritische Stimmen: Ein älterer Mann gibt an, die Stosszeiten wenn immer möglich zu meiden. Heute habe er wegen eines Arzttermins eine Ausnahme machen müssen. Ein Vater mit Kinderwagen erzählt, wie er jeweils, um vom Bahnhof nach Ostermundigen zu gelangen, bereits beim Hirschengraben einsteige. Dies, um sicher Platz zu finden.

Die Verspätung wird grösser

Um 16.57 Uhr übernimmt Bernmobil-Chauffeur Michel Eggimann den Bus von einem Kollegen. Er – der nicht mit Jakob Eggimann verwandt ist – setzt sich in den Führerstand, legt seinen Zeitplan vor sich hin und fährt Punkt 16.58 Uhr los in Richtung Köniz-Schliern. Läuft alles nach Plan, wird er um 17.14 Uhr bei der Endhaltestelle ankommen. Doch der Plan gerät bereits kurz nach der Haltestelle Monbijou ins Wanken, wo ein Umzugswagen die Strasse versperrt.

Die digitale Anzeige im Führerstand zeigt eine Verspätung von 1 Minute und 40 Sekunden. Und bereits beim Eigerplatz sollen weitere 20 Sekunden dazukommen, zu viele Passagiere steigen ein. Im Bus wird es enger. Die Türen piepsen fast bei jeder Haltestelle. Bis Köniz-Zentrum ist die Verspätung auf drei Minuten angewachsen, doch nun leert sich der Bus. Beim Schloss Köniz kreuzt Eggimann den vorderen Kurs: «Jetzt werde ich büssen», sagt er und lacht. «Der wird mir viele Passagiere überlassen.» Er sollte recht behalten. Bis zur Haltestelle Liebefeld-Park ist der Bus zum Bersten voll.

Und es wird nicht besser: Bei der Dübystrasse habe sich ein Unfall ereignet, die Strasse sei nur einspurig befahrbar, so die Mitteilung aus der Zentrale. Michel Eggimann bleibt gelassen: «Das muss man akzeptieren, machen kann man sowieso nichts.» Wieder beim Bahnhof ist er viereinhalb Minuten im Verzug. Er wird kaum alle Wartenden aufnehmen können.

«Es braucht ein Trämli»

Michel Eggimann ist Busfahrer mit Leib und Seele. «Ich habe mir meinen Bubentraum verwirklicht.» Obwohl er auf dem ganzen Netz eingesetzt werde, also auch Tram und das Blaue Bähnli fahre, schlage sein Herz ganz klar für alles mit «grossen Rädern». «Aber», fügt er an, «auf dieser Strecke braucht es unbedingt ein Trämli.» Mit einem Tram gehe alles «viel zackiger».

Galgenfeld, 17.42 Uhr. Die Verspätung ist mittlerweile auf über fünf Minuten angewachsen. Der Chauffeur des entgegenkommenden Busses verwirft theatralisch die Hände und streckt die Zunge raus. Michel Eggimann lacht. In zehn Minuten müsste er auf der Rüti wieder losfahren, sagt er. «Absolut keine Chance.»

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Der Bund

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